Im Weg waren nur die eigenen Füße. Der Jogger stolperte aber so unglücklich darüber, dass er danach an chronischen Knöchelschmerzen leidet. Vor allem während seiner Arbeit als Kellner in einem Restaurant. Zwar hat er eine private Unfallversicherung. Doch die zahlt nur bei Unfällen, die durch äußere Ereignisse herbeigeführt wurden. Der Jogger hätte also beispielsweise über einen Ast stolpern müssen statt über die eigenen Füße.

Beispiele wie dieses kennt Peter Grieble, Versicherungsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, viele. Denn die private Unfallversicherung gehört zu den beliebtesten Versicherungen der Deutschen. Rund 24,5 Millionen Verträge zählt der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft Ende 2017.

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Vergleichsweise günstig, aber eingeschränkt im Versicherungsschutz

„Die Unfallversicherung ist mit oft jährlich etwa 200 Euro eine auf den ersten Blick vergleichsweise günstige Versicherung. Aber in der Vergangenheit wurden Verbraucher oft nicht bedarfsgerecht beraten und haben deshalb Verträge abgeschlossen, die häufig nicht so greifen, wie der Verbraucher das erwartet“, sagt Verbraucherschützer Grieble. Inzwischen sind Versicherungsvermittler gesetzlich dazu verpflichtet, Verbraucher nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu beraten – und ihnen keine unnötigen Policen anzudrehen. Doch viele Verbraucher haben den Vertrag einer Unfallversicherung seit Jahren im Schrank liegen. Mithilfe folgender Fragen und Antworten lässt sich beurteilen, ob dieser Versicherungsvertrag noch sinnvoll ist oder ob andere, wichtige Versicherungen fehlen.

Wenn es im Winter glatt und rutschig ist, passiert schnell ein Unfall. Dann sollte man sich auf seine Unfallversicherung verlassen können.
Wenn es im Winter glatt und rutschig ist, passiert schnell ein Unfall. Dann sollte man sich auf seine Unfallversicherung verlassen können. | Bild: Andrea Warnecke
  1. Was ist eine Unfallversicherung überhaupt? Unterschieden wird zwischen einer gesetzlichen und einer privaten Unfallversicherung. Passiert einem Arbeitnehmer auf dem Weg zur Arbeit oder am Arbeitsplatz ein Unfall, tritt die gesetzliche Unfallversicherung für den Schaden und die Folgekosten ein. Um diese Versicherung muss sich der Arbeitgeber kümmern. Wer sich auch für Unfälle im Haushalt oder in der Freizeit absichern möchte, muss eine private Unfallversicherung abschließen.
  2. Wann zahlt die Versicherung und wann nicht? Die private Unfallversicherung zahlt nur, wenn man als Folge eines Unfalls dauerhaft körperlich beeinträchtigt ist, beispielsweise weil man auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Wer einen schweren Skiunfall hat und ein Jahr lang nicht arbeiten kann, bekommt dagegen kein Geld von der privaten Unfallversicherung. Außerdem muss der Unfall durch äußere Umstände verursacht worden sein – und nicht wie im Beispiel des Joggers durch das Stolpern über die eigenen Füße. Es sei denn, es wurde ein Vertrag gewählt, der auch sogenannte Eigenbewegungsschäden absichert. Ist der Unfall unter Einfluss von Alkohol oder Drogen passiert, zahlt die Versicherung auch nicht.
  3. Wie viel zahlt die Unfallversicherung bei Invalidität? Das hängt der Stiftung Warentest zufolge von zwei Dingen ab: Zum einen von der vereinbarten Versicherungssumme. Sie sollte den Experten der Stiftung Warentest zufolge mindestens bei 500 000 Euro für eine Vollinvalidität und bei einer Invalidität von 50 Prozent mindestens bei 100 000 Euro liegen. Denn wer nach einem Unfall seine Wohnung behindertengerecht umbauen muss, kommt mit 30 000 Euro nicht weit. Allein dieses Kriterium einer ausreichend hohen Versicherungssumme erfüllen den Testern zufolge aber viele der privaten Unfallversicherungen nicht. Das zweite Kriterium für die Höhe des ausgezahlten Geldes im Schadensfall hängt mit dem Grad der Invalidität zusammen. Und dieser richtet sich danach, welche Körperteile betroffen sind. Die Versicherer nennen das Gliedertaxe. Ein fehlender großer Zeh infolge eines Unfalls bedeutet beispielsweise einen Invaliditätsgrad von fünf Prozent, bei einem nicht mehr funktionierenden Auge liegt er der Stiftung Warentest zufolge bei 50 Prozent.
  4. Wer braucht eine private Unfallversicherung? Pauschal kann man das nicht sagen. Jeder muss für sich selbst abwägen, wie hoch sein Risiko ist, durch einen Unfall eine dauerhafte körperliche Beeinträchtigung zu erleiden. Wer in seiner Freizeit gern schnell Motorrad fährt oder tauchen geht, wird diese Frage vermutlich anders beantworten als jemand, der angelt. Wobei es auch Versicherungen gibt, die riskante Sportarten ganz ausschließen oder nur gegen einen Risikozuschlag mitversichern. Interessant sein kann eine Unfallversicherung auch für all diejenigen, die aufgrund ihres Berufs oder aufgrund möglicher Vorerkrankungen keine Berufsunfähigkeitsversicherung erhalten.
  5. Kann eine Unfallversicherung eine Berufsunfähigkeitsversicherung ersetzen? Nein. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung zahlt – anders als die private Unfallversicherung – auch dann, wenn jemand in Folge einer Krankheit nicht mehr arbeiten kann. „Und das kommt häufiger vor als der Unfall“, sagt Versicherungsexperte Peter Grieble. Weshalb die Verbraucherschützer genauso wie die Stiftung Warentest und der Bund der Versicherten den Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung dringend empfehlen. Mit Kosten von 600 bis 800 Euro müssen Verbraucher hierfür pro Jahr im Durchschnitt rechnen, sagt Peter Grieble. „Über die Absicherung durch die Berufsunfähigkeitsversicherung hinaus kann man zusätzlich eine private Unfallversicherung abschließen, wenn einem weitere Versicherungsleistungen gerade nach einem Umfall wichtig sind“, sagt Peter Grieble.
  6. Zahlt die Krankenversicherung bei Unfällen nicht? Doch. Die Krankenkassen tragen die Kosten, die während einer Behandlung entstehen. Die Leistungen der Unfallversicherung setzen meist dann ein, wenn die der Krankenversicherung beendet sind. So trägt die Unfallversicherung beispielsweise Kosten wie den behindertengerechten Umbau einer Wohnung, es gibt eine Einmalzahlung abhängig vom Grad der Invalidität oder eine lebenslange Unfallrente.
  7. Wie erkennt man, ob eine Versicherung wirklich sinnvoll ist? Zunächst einmal sollte man existenzielle Risiken durch eine Versicherung absichern, also alle Schäden, die einen in den finanziellen Ruin treiben würden. An erster Stelle steht hier den Experten von Verbraucherzentrale und Stiftung Warentest zufolge die private Haftpflichtversicherung, gefolgt von der Berufsunfähigkeitsversicherung. Versicherungen wie die Risikolebensversicherung oder eine Kinderinvaliditätsversicherung sind für Familien mit Kindern relevant. Wer Wohneigentum besitzt, braucht eine Wohngebäudeversicherung und sollte bei entsprechendem Wert des Hausrats auch diesen absichern.
  8. Welche Versicherungen benötigt niemand? Verzichten kann man auf all diejenigen Versicherungen, die nur kleine Schäden absichern. Eine kaputte Brille, ein kaputtes Handy oder einen verlorenen Koffer kann man in der Regel auch so ersetzen, es sei denn, es handelt sich um extrem teure Gegenstände. Beim Hausrat kommt es stark auf dessen Wert an. „Man sollte immer überlegen: Könnte ich den entstandenen Schaden im Zweifelsfall ohne große Probleme aus eigener Tasche bezahlen? Dann lohnt sich eine Versicherung eher nicht“, sagt Verbraucherschützer Peter Grieble.
  9. Werden manche Versicherungen mit der Zeit überflüssig? Ja. Etwa wenn sich die Lebensumstände ändern und beispielsweise nach einer Heirat eine Haftpflichtversicherung doppelt vorhanden sein kann, Kinder dazukommen oder der Wert des Hausrats mit den Jahren steigt. Deswegen rät Griebler, mindestens einmal im Jahr den Ordner mit den Versicherungen durchzusehen und zu überlegen, ob diese noch dem Bedarf entsprechen.

Auf der Internetseite des Bunds der Versicherten gibt es einen Bedarfscheck. Anhand der Lebenssituation wird angezeigt, welche Versicherungen sinnvoll sind: www.bundderversicherten.de