Im Sommer eine Stunde vor, im Winter eine Stunde zurück – viele Menschen leiden unter der Zeitumstellung. Die EU-Kommission will nun vorschlagen, sie abzuschaffen. Wissenschaftler begrüßen das grundsätzlich. Aus ihrer Sicht widerspricht der künstliche Wechsel der Biologie. Viele Forscher warnen allerdings vor der dauerhaften Einführung der Sommerzeit – sie könnte fatale Folgen haben.

Die drastischsten Worte dazu findet Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Stelle man die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit um, werde es „riesige Probleme geben“, warnt er. „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“

Der Chronobiologe prognostiziert zudem: „Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen.“ Vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten bei wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Im Alter von 20 Jahren schlafe man besonders spät und stehe morgens entsprechend spät auf. Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen, sagt Roenneberg: „Je nach Wohnort haben sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.“

„Vielleicht kommen wir jetzt endlich dazu, einmal darüber zu reden.“

Utz Niklas Walter, Schlafexperte aus Konstanz, stimmt dieser Warnung nur teilweise zu. Zwar sei es für Schüler im Winter dann morgens tatsächlich schwerer, fit zu werden. Er verweist allerdings auf das längere Tageslicht am Abend: „Da haben die Kinder dafür mehr Möglichkeiten, draußen noch in der Helligkeit aktiv zu werden und ausgleichende Hobbys abseits des Medienkonsums zu verfolgen“, sagt der Leiter des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung. Und das eigentliche Problem sei in diesem Bereich ohnehin der viel zu frühe Schulbeginn: „Vielleicht kommen wir jetzt endlich dazu, einmal darüber zu reden.“

Roenneberg kritisiert zudem, dass die Online-Befragung weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei. „Wenn Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen. Es ist aber nichts anderes.“

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte „Normalzeit“ aus. „Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-wach-Rhythmus am günstigsten sind“, sagt der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater. „Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach“, sagt Wiater. Das könne Konzentration beeinträchtigen, zu Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Die Auswirkungen der sozialen Zeit

Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr – wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Deutschen können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Ihr Tagesablauf wird von der sogenannten sozialen Zeit bestimmt. Der Großteil braucht morgens einen Wecker, um pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein. Roenneberg nennt das „sozialen Jetlag“.

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. „Mit der Zeit droht ein Schlafmangel – wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft“, sagt Schlafforscher Hans-Günter Weeß. Utz Niklas Walter hält dagegen: „Wer früh ins Bett muss, sollte sich in der Tat rechtzeitig vor Helligkeit schützen. Allerdings sind die langen Sommerabende vor allem für Menschen, die eher später müde werden, etwas Positives, um noch sportlich aktiv zu sein oder etwas zu unternehmen – auch das ist Grundlage für einen guten Schlaf.“

Walter sagt, dass man die Debatte „hin und her wenden kann, wie man will“. Es gebe berechtigte Einwände, aber auch klare Vorteile der Abschaffung, besonders, wenn sie von den Menschen so gewünscht sei. Er selbst plädiert für die dauerhafte Beibehaltung der Sommerzeit in Verbindung mit einer stärkeren Flexibilisierung des Arbeitsbeginns in der Wirtschaft.

Erzfeind eines jeden Langschläfers: der Wecker. Im Winter könnte es bald noch schwerer werden, aus dem Bett zu steigen.
Erzfeind eines jeden Langschläfers: der Wecker. Im Winter könnte es bald noch schwerer werden, aus dem Bett zu steigen. | Bild: Patrick Pleul ( dpa)

"Unfälle werden sich häufen"

Manuel Eglau.
Manuel Eglau. | Bild: Kliniken Schmider

Manuel Eglau ist ärztlicher Leiter des Zentrums für Schlafmedizin an den
Kliniken Schmieder in Allensbach bei Konstanz.

Welche Auswirkungen hätte eine ewige Sommerzeit auf unsere Gesundheit?

Man muss wissen, dass wir einen inneren Zeitgeber im Gehirn haben. Der reagiert auf Helligkeit und Dunkelheit – wenn es dunkel wird, lässt er das Schlafhormon Melatonin ausschütten. Wird es jetzt im Winter eine Stunde später dunkel, werden wir auch erst eine Stunde später müder. Und: Morgens wird es dann ja auch später hell. Also wird da die ganze Zeit weiter Melatonin ausgeschüttet. Viele kommen dann also einfach nicht in die Gänge. Das ist ein ziemlich großes Problem.

Die Stunde Differenz ist so gravierend?

Ja, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Verschiebung krank machen kann. Besonders für die 60 Prozent der Deutschen, die als Spättypen Probleme mit dem Aufstehen haben. Oder für 30 Prozent der Bevölkerung, die unter Schlafstörungen leiden. Die Sommerzeit führt dazu, dass Leute an langen dunklen Wintermorgen unkonzentrierter sein werden. Unfälle werden sich häufen, bei der Arbeit, im Verkehr. Für Jugendliche ist es besonders schlimm, da sie spät müde werden und sich morgens noch mehr quälen müssen.

Ist die Umstellung das kleinere Übel?

Beide Modelle gehen mit negativen Auswirkungen einher. Am ehesten entspräche eine dauerhafte Winterzeit unserem Rhythmus, hier gelänge die Anpassung an Hell und Dunkel am besten. Und wir sollten die Schule später beginnen lassen. Untersuchungen zeigen, dass das die Schülerleistungen verbessern würde. Dauerhafte Sommerzeit würde das Problem verschärfen. (dod)