Die Wölfe sind in ihre alte Heimat zurückgekehrt, ihr Heulen verrät die Tiere. Und das nicht etwa in den Weiten Sibiriens, sondern hier bei uns in Mitteleuropa. Rund 150 erwachsene Wölfe streifen zwischen dem Erzgebirge in Sachsen und der Nordseeküste in Niedersachsen durch die Norddeutsche Tiefebene; ein Rudel ist in Bayern zuhause und in anderen Ländern wie Baden-Württemberg leben noch Einzelgänger. Dazu kommen in Deutschland mindestens noch einmal so viele Welpen und Jungtiere, vermutet das Bundesamt für Naturschutz.

Fällt der Wolf als Mitbewohner auf? Eher weniger. Auch in den dicht von Wölfen besiedelten Regionen wie im Süden Brandenburgs und im Osten Sachsens bekommen viele Menschen von den Tieren wenig mit. Völlig weg waren die Wölfe nie aus Deutschland. Aber erst als mit der Wende auch im Osten Wölfe nicht mehr gejagt werden durften, hatten die Rückkehrer eine Chance zum Bleiben. Pünktlich zum neuen Jahrtausend kamen dann im Jahr 2000 in der sächsischen Lausitz die ersten Wolfswelpen seit mehr als 150 Jahren in Deutschland zur Welt.

Aus diesem ersten Rudel mit Nachwuchs sind bis 2018 mehr als 70 geworden. Allerdings haben Wölfe auch im Apennin Italiens überdauert und breiten sich von dort bis in die Schweiz und weiter in den Südwesten Deutschlands aus. Diesen Rückkehrern hatte auch Graubünden 2012 die ersten Wolfswelpen seit Jahrhunderten zu verdanken. Zwei weitere Rudel kamen 2015 im Tessin und 2016 im Wallis dazu.

Dicht beieinander liegen Wolfswelpen des Wurfs. In Mecklenburg-Vorpommern breitet sich der Wolf weiter aus. In den Rudeln wurden im Sommer 2018 mindestens 13 Welpen aufgezogen, wie das L andwirtschaftsministerium in Schwerin mitteilte.
Dicht beieinander liegen Wolfswelpen eines Wurfs. Auch In Mecklenburg-Vorpommern breitet sich der Wolf weiter aus. In den Rudeln dort wurden im Sommer 2018 mindestens 13 Welpen aufgezogen, wie das Landwirtschaftsministerium in Schwerin mitteilte. | Bild: Patrick Pleul

Wild auf dem Speiseplan 

Analysen des Kots zeigen, dass Rehe rund die Hälfte der Beute ausmachen, Rothirsche und Wildschweine folgen mit jeweils um die zwanzig Prozent auf den Plätzen. Die Wölfe bedienen sich also genau an den Tieren, die in unseren Wäldern am häufigsten sind. Allerdings reicht ein Riss dann nur für acht oder vielleicht zehn Wölfe. „Würden Rudel größer, gäbe es Stress beim Fressen“, erklärt Kay-Uwe Hartleb vom Fachbüro Terra Typica in Ferch in Brandenburg. „Das ist einer der Faktoren, die junge Wölfe zum Abwandern bewegen.“ Genau diese Wanderungen führen dazu, dass die Wölfe sich über große Entfernungen ausbreiten.

Allein in Deutschland gibt es nach einer Studie von Felix Knauer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien mehr als 400 Gebiete, in denen ein Wolfrudel ungestört leben kann. Aus diesen Wolfserwartungsgebieten lohnt sich daher ein Blick in die südliche Hälfte Brandenburgs, die in den letzten zehn Jahren fast flächendeckend von Rudeln besiedelt wurde.

Wo wieder Wölfe leben, müssen die Jäger deren Beute im Jagdbetrieb und Wildtiermanagement berücksichtigen. In Mecklenburg-Vorpommern werden jetzt in einem Gemeinschaftsprojekt von Jagd und Naturschutz die Wechselwirkungen von Wolf und Damwild untersucht.
Wo wieder Wölfe leben, müssen die Jäger deren Beute im Jagdbetrieb und Wildtiermanagement berücksichtigen. | Bild: Jens Büttner

Da bleiben Konflikte mit Viehhaltern nicht aus. 511 Mal fuhren Kay-Uwe Hartleb und seine Mitarbeiter von September 2013 bis April 2018 zu Orten, wo Wölfe angeblich Schafe, Rinder, Ziegen, in Gattern gehaltenes Damwild oder sogar Alpakas gerissen hatten. In 185 Fällen konnte der Biologe die Wölfe freisprechen, weil zum Beispiel in 33 Fällen Hunde als Übeltäter identifiziert wurden oder weil die Opfer aus anderen Gründen zu Tode gekommen waren. Übrig blieben in diesen knapp fünf Jahren aber 326 Fälle, in denen Wölfe als Ursache nachgewiesen oder nicht ausgeschlossen werden konnten.

Wolfsmanagement 

Solche Riss-Gutachten und die Entschädigungen sind eine der vier Säulen im Wolfsmanagement des Landes. So kann man lernen, wie sich das Risiko verringern lässt, dass Wölfe Nutztiere reißen. Mit diesem Wissen empfehlen Behörden den Tierhaltern individuelle Maßnahmen zum Schutz ihrer Herden. Ergänzt wird diese zweite Säule der Beratung durch die Beobachtung der Wolfspopulation. Auch dieses Monitoring führt Kay-Uwe Hartleb bei einem Dutzend Rudeln in Brandenburg durch. 67-mal fuhr man in vier Jahren bis September 2017 los, um tote, verletzte oder hilflose Wölfe zu bergen. Am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin wird dann als vierte Säule des Wolfsmanagements der Gesundheitszustand und die Todesursache dieser Tiere analysiert. „Die meisten toten Wölfe sind hierzulande Verkehrsopfer“, erklärt der Biologe.

Die Wölfe reißen neben ihrer wichtigsten Beute aus Rehen, Hirschen und Wildschweinen manchmal auch Nutztiere, meistens Schafe. Laufen in einer solchen Herde aber zwei oder mehr der fast 60 Kilo schweren Pyrenäenberghunde mit, die ihre Herde verteidigen, steigt das Risiko für Wölfe enorm. Lagert die Herde in der Nacht innerhalb eines Zauns, der die Wolfsschnauze elektrisch traktiert, wird aus der leichten Beute eine schwere, von der die Raubtiere meist die Pfoten lassen.

Ein Bauer in den Pyrenäen mit seinem Mastino-Hütehund. Bild: Roland Knauer
Ein Bauer in den Pyrenäen mit seinem Mastino-Hütehund. | Bild: Dr. Roland Knauer

„Für Wölfe ein ganz anderes Kaliber sind Rinder oder Pferde“, erklärt Kay-Uwe Hartleb weiter. Mit gefährlichen Hörnern oder Hufen steht den grauen Raubtieren ein gefährlicher Gegner gegenüber, den man besser in Ruhe lässt. Es sei denn, die Kühe bekommen Kälber oder die Stuten Fohlen. „Dann können die Herden zu Magneten für Wölfe werden“, berichtet Kay-Uwe Hartleb. In solchen Fällen müssen die Wölfe mit Spezialzäunen von der Herde ferngehalten werden. Diese bestehen aus straff gespannten Drähten, in denen eine Batterie eine Spannung von beachtlichen 8000 Volt erzeugt und so die Angreifer abschreckt.

Nur der Herdenschutzhund kann es mit dem Wolf aufnehmen

  • Tollwut: In den meisten der wenigen Fälle, in denen Menschen in den vergangenen Jahrhunderten von Wölfen attackiert worden sind, waren die Wölfe mit Tollwut infiziert und damit kaum Herr ihrer Sinne. Allerdings sterben die Opfer meist nicht an den direkten Folgen des Angriffs, sondern viel eher an der absolut tödlichen Infektion. Die aber wird auch von den viel häufigeren Füchsen übertragen.
  • Füttern: Tiere in der Natur zu füttern, ist fast immer sehr riskant. Wölfe gewöhnen sich zum Beispiel an diesen billigen und risikolosen Nahrungserwerb und könnten ihre Mahlzeit einfordern, wenn gerade niemand füttert. Genau solche Situationen aber können für Menschen gefährlich werden.
  • Hunde: Selbst große und robuste Hunde sind Wölfen normalerweise unterlegen. In Gebieten mit Wolfsvorkommen sollten die Tiere daher unbedingt an der Leine geführt werden, was in den meisten Wäldern ohnehin Pflicht ist.
  • Herdenschutzhunde: Schon früh kamen Hirten auf die Idee, besonders kräftige und schwere Hunderassen mit ihren Herden aufwachsen zu lassen. Diese Tiere halten eine Schafherde dann für ihr Rudel und verteidigen es gegen Feinde. Da bei größeren Herden einige dieser Herdenschutzhunde im Team arbeiten, schrecken sie auch Wölfe ab. Sollte es doch zum Kampf kommen, tragen diese Hunde in manchen Regionen wie der spanischen Extremadura Stachel-Halsbänder, um Bisse von Wölfen in die Kehle zu verhindern. (rhk)
    Schäfer Manfred Voigt s zusammen mit seinen zwei Herdenschutzhunde Alara (l) und Hugh (r), Rasse Pyrenäenberghund und seiner Schafherde auf einer Wiese in Schwäbisch-Hall-Hessental (Baden-Württemberg). Die Hunde sollen zum Beispiel Wölfe, die nun vermehrt wieder gesichtet werden, verjagen.
    Schäfer Manfred Voigts zusammen mit seinen zwei Herdenschutzhunde Alara (l) und Hugh (r), Rasse Pyrenäenberghund, und seiner Schafherde auf einer Wiese in Schwäbisch-Hall-Hessental (Baden-Württemberg). Die Hunde sollen zum Beispiel Wölfe, die nun vermehrt wieder gesichtet werden, verjagen. | Bild: Christoph Schmidt