Furchterregend wirkt das größte Raubtier Mitteleuropas nicht. Eher kommt es als gemütlicher Typ rüber, wenn es dösend am Strand liegt. Und das mitten im Winter. Aber gegen kalte Nordwinde kann sich die Kegelrobbe in einen vier Zentimeter dicken Speckmantel mümmeln. Eine solche Isolierschicht wärmt auch bei der Arbeit im Meer. Dort wandelt sich der gemütliche Strandurlauber in ein Raubtier, das unter Dorschen und anderen Fischen Schrecken verbreitet. Das ärgert die Fischer. Wird die Kegelrobbe quasi zum neuen Wolf der Ostsee, den man dort nicht sehen möchte? So wie sich Deutschlands Schäfer und Nutztierhalter zu Wolfs-Skeptikern entwickelt haben? So wie die Fischer am Bodensee den Kormoran als Konkurrenten fürchten?

Die Gefahr besteht. Schließlich wandern jeden Tag fünf bis zehn Kilo Fisch oder andere Meeresbewohner in den Magen einer Kegelrobbe. Nach dem Fang schwimmen die Raubtiere zurück an den Strand, um den Verdauungsschlaf zu halten. Den genießen sie zunehmend häufiger vor deutschen Küsten.

Eine Kegelrobbe mit Jungtieren liegt am Strand.
Eine Kegelrobbe mit Jungtieren liegt am Strand. | Bild: Carsten Rehder/dpa

Kegelrobben haben einen triftigen Grund, ihr Nickerchen möglichst an Stränden zu halten, die menschenleer sind. Noch vor 100 Jahren zahlten die preußischen Behörden Kopfprämien für jedes erlegte Tier, weil die Fischer sich beklagten, dass Kegelrobben ihnen den Fang streitig machen. 1927 wurde die Jagd zwar verboten. Allerdings war die letzte Kegelrobbe an der Küste Vorpommerns bereits 1920 erlegt worden und die Art galt dort seither als ausgestorben.

Wer ist der größte Räuber?

Sachlich haben die Fischer recht. Kegelrobben fressen Fische. Allerdings viel weniger, als die Fischer befürchten: In den Boddengewässern von Mecklenburg-Vorpommern erwischen Kegelrobben ein Prozent der Fische, während Seevögel die fünffache Menge schlucken. Acht Prozent holen Angler, Berufsfischer erwischen mit 22 Prozent den Löwenteil. Der Anteil der Kegelrobben fällt also kaum ins Gewicht.

Das mussten auch die Fischer an der Ostsee erfahren: „Als die Kegelrobben und Seehunde von den deutschen Küsten verschwanden, erholten sich die Fischbestände nicht“, erklärt Michael Dähne, der als Zoologe am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund für Meeressäuger zuständig ist.

Bild: Schönlein, Ute

Nach 1945 setzten Schadstoffe wie das Insektizid DDT und der Weichmacher PCB den Kegelrobben zu, die wurden ein weiteres Mal massiv dezimiert. 1980 waren von rund 100 000 Kegelrobben, die um 1900 in der Ostsee lebten, noch 2500 Tiere übrig.

Seitdem ist die Art streng geschützt und erholt sich. Da in Großbritannien viele Kegelrobben überlebten, erreichen die Raubtiere von dort wieder die deutsche Nordseeküste. Spätestens 1983 kam wieder ein Kegelrobben-Baby im Wattenmeer zur Welt. 1993 verbuchen die Heimkehrer mit der ersten Geburt auf der Düne der Insel Helgoland den nächsten Erfolg.

Zuwachs im Wattenmeer

„Heute leben wieder 6000 Kegelrobben zwischen den Niederlanden und Dänemark an der Nordseeküste und sind in Deutschland durch die Wattenmeer-Nationalparke geschützt“, erklärt Hans-Ulrich Rösner, der in Husum das Wattenmeer-Büro der Naturschutzorganisation WWF leitet. Allein auf der Düne von Helgoland erblickten im Winter 2018/19 bereits mehr als 400 Robben das Licht der Welt. Weitere Liegeplätze gibt es vor Juist und vor Amrum. „Für den Naturschutz ist diese Rückkehr des größten Raubtiers in Mitteleuropa ein toller Erfolg“, freut sich Hans-Ulrich Rösner.

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Das gilt vor allem für die Nordsee. In der Ostsee lebt eine andere Unterart der Kegelrobben, deren Situation sich von der westlichen Verwandtschaft unterscheidet. Im Osten haben sich die Bestände zwar auf 30 000 Kegelrobben erholt. Die deutschen Ostsee-Gewässer ließen die Meeressäuger aber lange links liegen. Erst 2004 tauchten die ersten Kegelrobben zwischen Rügen und Greifswald auf. Heute leben zwar einige Tiere um die Insel Rügen. Mehr als 100 Kegelrobben sind vor den deutschen Ostseeküsten dagegen nur selten.

Bei den Kegelrobben beliebt ist der „Große Stubber“. Das war eine Insel im Greifswalder Bodden. Dort lagen die Raubtiere schon im Mittelalter. Als im 19. Jahrhundert der „Große Stubber“ als Kiesgrube für den Straßenbau herhalten musste, ging es mit der Insel zu Ende: Um 1950 war der Große Stubber versunken, nur bei Niedrigwasser taucht dort heute noch eine Sandbank auf. Da Kegelrobben bei der Rast nur ihren Kopf aus dem Wasser heben müssen, taugt die frühere Insel aber noch immer als Ruheplatz.

Helgolands Kegelrobben vermehren sich prächtig. Die Zahl der Geburten der streng geschützten Raubtiere auf der Insel stieg in dieser Saison auf bislang 426 Jungtiere.
Helgolands Kegelrobben vermehren sich prächtig. Die Zahl der Geburten der streng geschützten Raubtiere auf der Insel stieg in dieser Saison auf bislang 426 Jungtiere. | Bild: Rainer Jensen/dpa

Nur ihre Jungen können die Weibchen dort nicht mehr zur Welt bringen. Tragen die zehn Kilogramm schweren Tiere doch ein weißes Lanugo-Fell. Das hält die kleinen Robben zwar warm, ist aber nicht wasserdicht. Also suchen die Weibchen sich im späten Winter einen Kiesstrand als Kinderstube, manchmal tut es auch eine stabile und große Eisscholle. Strände gibt es auf Rügen und auf dem Festland zwar zur Genüge. Meist sind dort aber Menschen. Und da den Ostsee-Kegelrobben die Erinnerung an die Beinahe-Ausrottung offensichtlich tief in den Gliedern sitzt, suchen die Mütter sich eine ruhigere Küste, die sie in Schweden oder Dänemark finden. Die 100 Kilometer dorthin sind für sie nur eine Tagesstrecke.

Angriff aufs Fischernetz

Dort kommen die Kleinen zur Welt. In gerade einmal drei Wochen päppeln ihre Mütter sie mit ihrer extrem fetten Milch von zehn auf 40 Kilo Gewicht auf. Die Kleinen wechseln ihr Fell und jagen selbst. Mit ihren „Barthaaren“ spüren Robben winzige Wasserturbulenzen, die Fische 40 Meter entfernt auslösen. Die Kegelrobben finden so genug Fische. Und das notfalls auch in den Stellnetzen der Fischer. Um dort an die Mahlzeit zu kommen, zerreißen die Tiere schon mal ein Netz, was dessen Besitzer ärgert.

Die Tiere scheinen sich um den Widerstand einiger Fischer wenig zu scheren. Am 8. März 2018 lieferte ein Weibchen weit im Norden der Insel Rügen einen Beweis, dass Kegelrobben auch an der deutschen Ostseeküste wieder zuhause sind: Sie brachte ein 12,5 Kilo schweres Junges zur Welt. Das Männchen starb zwar kurz darauf. Aber es war der erste Nachweis eines Kegelrobben-Nachwuchses an der deutschen Ostseeküste seit 100 Jahren. Ein paar Tage später wurde am Strand von Usedom ein Robbensäugling entdeckt. Zwar starb auch dieses Baby. „Aber an einem der im Winter oft menschenleeren Kiesstrände auf Rügen wird bald eine weitere Kegelrobben-Kinderstube auftauchen, die mehr Erfolg als 2018 haben kann“, vermutet der Zoologe Michael Dähne.

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Wo überall Robben unterwegs sind

  • Kegelrobbe: Sie ist die schwerste der mitteleuropäischen Robben-Arten. Männchen können bis zu 350 Kilo wiegen, Weibchen bis zu 250 Kilo. 30 000 Tiere der Ostsee-Unterart leben heute wieder in der Ostsee, allerdings erreichen die Männchen kaum mehr als 250 Kilo. Von der Atlantik-Unterart sind derzeit rund 6000 im Wattenmeer der Nordsee zwischen den Niederlanden und Dänemark sowie bei Helgoland und weitere rund 40 000 Tiere an der Küste der Britischen Inseln zuhause. Daneben liegen Kegelrobben dieser Unterart auch an den Stränden Skandinaviens, Islands und der nordamerikanischen Atlantikküste.
  • Ringelrobben: Sie sind Tiere der Arktis und werfen ihre Jungen in Schneehöhlen auf dem Eis. Daher kommt diese bis zu 100 Kilo schwere Art nur im nördlichen und östlichen Bereich der Ostsee vor. Jagd und Umweltgifte, aber auch der Klimawandel haben die Ringelrobben stark dezimiert. Heutzutage leben in der Ostsee wieder rund 10 000 Tiere.
  • Seehunde: Sie stellen die dritte Robben-Art in Mitteleuropa. Mit einem Gewicht von bis zu 150 Kilo liegen sie zwischen Ringel- und Kegelrobben. Allein im Wattenmeer zwischen den Niederlanden und Dänemark leben heute wieder rund 40 000 Seehunde. Von der Nordsee sind sie auch in die Ostsee eingewandert. Weltweit soll es bis zu einer halben Million Seehunde geben.
  • See-Elefant: Das Tier ist mit einer Länge von 6,50 Metern und einem Gewicht von bis zu 3,5 Tonnen die größte Robbenart. Allerdings wiegen die Weibchen nur 900 Kilo und wirken so neben den Männchen wie Zwerge. Es gibt zwei Arten, von denen die größeren See-Elefanten an den Stränden der Inseln um die Antarktis und zum Teil in der Antarktis selbst leben. Auf ihren Wanderungen erreichen sie die Küsten Neuseelands, Australiens, Südafrikas und Südamerikas. Die Nördlichen See-Elefanten sind kleiner und wandern an der Pazifikküste Nordamerikas entlang bis nach Alaska.
  • Mittelmeer-Mönchsrobbe: Sie ist vom Aussterben bedroht. Die wichtigste Kolonie der bis zu 2,40 Meter langen und 280 Kilo schweren Tiere liegt im Meeres-Nationalpark Alonnisos-Nördliche Sporaden in griechischen Gewässern. Weitere Tiere leben an der türkischen, kroatischen und tunesischen Küste, sowie im Nordatlantik vor Marokko.