Die Zahlen sind erschreckend. Weltweit geht jährlich etwa ein Drittel der Lebensmittel auf dem Weg vom Feld bis zum Teller verloren, während gleichzeitig etwa 800 Millionen Menschen Hunger leiden. Zudem belastet die unnötige Verschwendung die Umwelt. Jedes Jahr entstehen nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft mehr als 38 Millionen Tonnen Treibhausgase, gut 43 000 Quadratkilometer landwirtschaftlicher Fläche werden genutzt und 216 Millionen Kubikmeter Wasser verbraucht. Die Felder werden mit Pflanzenschutzmitteln und Dünger belastet. Zusätzliche Energie wird benötigt, um die Nahrungsmittel herzustellen, zu transportieren.

Trotz dieses Aufwands wird in deutschen Haushalten jedes achte Lebensmittel weggeworfen. So landen in den Mülltonnen der Privathaushalte jährlich 6,7 Millionen Tonnen. Pro Person entspricht das zwei vollgepackten Einkaufswagen mit einem Warenwert von 234 Euro: etwa 82 Kilogramm wirft jeder Deutsche durchschnittlich weg. Bei Restaurantbesuchen entstehen zusätzlich 1,9 Millionen Tonnen Abfälle, in Supermärkten 550 000 Tonnen, in der Industrie 1,85 Millionen Tonnen. Die Verluste in der Landwirtschaft hat das Bundesministerium in seiner Statistik gar nicht miteingerechnet.

Eine Studie des WWF geht sogar von noch höheren Verlusten aus. Demnach landen in der Bundesrepublik jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das entspricht einer kompletten Lkw-Ladung pro Minute. Dabei könnte laut dem Naturschutzbund die Hälfte vermieden werden. Für neun Millionen Tonnen Nahrung müssen bereits 2,6 Millionen Hektar Land bewirtschaftet werden. Dabei machen die Privathaushalte in dieser Rechnung sogar nur den kleinen Teil aus. Die Studie geht davon aus, dass 40 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel aus Privathaushalten stammen, 60 Prozent fallen demnach schon auf dem Weg vom Feld bis zur Großküche weg.

Verteilung der vermeidbaren Lebensmittelabfälle in privaten Haushalten | Bild: Bernhardt, Alexander

Die Vereinten Nationen wollen den Wegwerfwahn bis 2030 pro Kopf halbieren – das Ziel ist Teil der Nachhaltigkeitsziele der UN, die auch Deutschland unterzeichnet hat. Doch das Ziel scheint noch in weiter Ferne. Weltweit landen sogar 1,6 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel pro Jahr im Müll. Das entspricht einem Wert von 1,2 Billionen Euro. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group rechnet damit, dass künftig noch mehr Lebensmittel weggeworfen werden. In den nächsten zwölf Jahren könnte die Menge entsorgter Nahrungsmittel demnach auf 2,1 Millionen Tonnen ansteigen.

Beim Umgang mit Lebensmitteln hilft aber auch ein Blick auf die Einkaufswägen. In Deutschland geben die Menschen durchschnittlich nur etwa knapp 13 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. In Frankreich sind es dagegen über 16, in Italien fast 20 Prozent. Essen ist den Deutschen nicht genug wert, könnte man daraus schließen – Wegwerfen fällt dann leichter.

Doch warum werfen wir weg? Die meisten Lebensmittel sind mit dem Aufdruck „mindestens haltbar bis“ ausgezeichnet. Hersteller geben häufig einen deutlich früheren Zeitpunkt an als nötig, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Bei Verbrauchern führt das häufig zu dem Schluss, dass ein Joghurt, der eine Woche über dem Mindesthaltbarkeitsdatum ist, ungenießbar geworden ist. Schon seit 2016 gibt es in der EU eine Debatte über eine Reform des Mindesthaltbarkeitsdatums – doch zunächst sollten Studien den Umgang der Produzenten und Händler belegen. Seither schläft der geplante Reformprozess.

Dabei gibt es Lebensmittel, bei denen es auch anders geht. Das sogenannte „Verbrauchsdatum“, das laut EU-Richtlinie für leicht verderbliche Produkte wie Fleisch, aber auch für bereits geschnittene Salate, Pflicht ist, gibt das tatsächliche Ende der Genießbarkeit an. Bis zum aufgedruckten Datum sollte das Nahrungsmittel verzehrt sein, danach ist das nicht mehr ohne gesundheitliche Risiken möglich.

Doch auch Lebensmittel ohne solche Angaben wie Brot vom Bäcker oder Obst und Gemüse landen oft unnötig im Müll. Am Ende zählt oft, ob ein Produkt noch makellos aussieht. Ein brauner Fleck, eine kleine Delle und schon landet ein Apfel im Müll. Braun gewordene Bananen fliegen gleich hinterher.

Findige Start-ups haben dem Wegwerfwahn längst den Kampf angesagt. Wir stellen verschiedene Modelle vor und zeigen, wie sich Abfall vermeiden lässt.

Die Foodsaver retten übrig gebliebene Lebensmittel vom Markt oder dem Händler. Jeder kann sie in den öffentlich zugänglichen Regalen holen.
Die Foodsaver retten übrig gebliebene Lebensmittel vom Markt oder dem Händler. Jeder kann sie in den öffentlich zugänglichen Regalen holen. | Bild: Moll, Mirjam

Der Sammler vor Ort

Die Internetplattform ist deutschlandweit in vielen Städten vertreten. Ziel ist es, überschüssige Lebensmittel zu verteilen. Die Initiative wurde 2012 ins Leben gerufen, im Frühjahr dieses Jahres zählte die Plattform bereits fast 40¦000 freiwillige Helfer, die die Lebensmittel bei Produzenten, auf dem Markt oder in Supermärkten abholen. In weit über 500 öffentlich zugänglichen Regalen und Kühlschränken – sogenannte „Fair-Teiler“ – darf jedermann dann Lebensmittel abholen. Informiert werden die Mitglieder dann über die Plattform, wo und was zur Verfügung steht. Inzwischen sind nach Angaben der Webseite mehr als 200¦000 Menschen registriert. Die Abholstellen sind dennoch für die Öffentlichkeit zugänglich.
Webseite: www.foodsharing.de

Vom Feld direkt in die Küche

Etepetete ist das gleichnamige Start-up aus München nun wirklich nicht. Im Gegenteil. Die selbsternannten Gemüseretter wollen „Bio zu Ende denken“. Die Gründer Carsten Wille, Christopher Hallhuber und Georg Lindermair haben das Unternehmen 2014 aus der Taufe gehoben. Seither bewahrten sie 1,5 Millionen Kilogramm Obst und Gemüse vor dem Komposthaufen oder der Biogasanlage. Ursprünglich ging es dem Trio darum, krummes Gemüse, das von den großen Supermarktketten gar nicht erst angekauft wird, direkt beim Landwirt einzusammeln – von der dreibeinigen Karotte bis zur zweifingrigen Kartoffel. Inzwischen zählt das Unternehmen 50 Mitarbeiter. Aus der Garage, die als erste Packhalle diente, ist ein Platz im Münchner Großmarkt geworden. Der Kundenstamm stehe inzwischen im fünfstelligen Bereich, teilt Etepetete mit.

„Wir haben selbst gesehen, was in der traditionellen Lieferkette schiefläuft, das etablierte System nimmt wenig Rücksicht auf Natur und Ressourcen. Das beginnt beim Anbau und endet bei der Lieferung“, betont Hallhuber. Die kommt anders als bei typischen Lebensmittelversandportalen in nachhaltiger Verpackung – in Papiertüten, gepolstert mit Holzwolle. Der Versand erfolgt nach Angaben des Jungunternehmens CO2-neutral. Und der Inhalt ist demnach zu 100 Prozent biologisch. Die Demeter-Höfe sind auf der Webseite gelistet, der Kunde kann sich informieren, woher sein Gemüse kommt.

Zur Wahl stehen verschiedene Größen von reinen oder gemischten Obst- und Gemüseboxen – für Singles und Familien. Den Lieferrhythmus kann der Kunde selbst bestimmen und entweder wöchentlich oder zweiwöchentlich bestellen. Bei den Liefertagen bietet das Unternehmen allerdings nur donnerstags oder freitags an.
Webseite: www.etepetete.de

Der günstige Onlinesupermarkt

Sirplus heißt ein Onlineshop und Supermarkt für gerettete Lebensmittel, der es sich zum Ziel gesetzt hat, anderswo überschüssige oder aussortierte Nahrungsmittel einzusammeln und weiterzuverkaufen. Etwa, weil ihre Form oder Größe nicht stimmt oder weil ihr Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Der Name leitet sich vom englischen „Surplus“ ab, das so viel wie Überschuss bedeutet. Das Motto: Lebensmittelretten soll keine Randerscheinung mehr sein, sondern zum „Mainstream“ werden.

Auch bei diesem Start-up steckt ein Trio dahinter. 2017 wurde Sirplus von Raphael Fellmer, Martin Schott sowie einem Unternehmer gegründet. Inzwischen gibt es in Berlin schon drei Supermärkte von Sirplus. 2018 wurde das Jungunternehmen unter anderem mit dem Bundespreis „Zu gut für die Tonne“ ausgezeichnet.

Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum sind nach wie vor genießbar – SirPlus hat daraus eine Geschäftsidee gemacht.
Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum sind nach wie vor genießbar – SirPlus hat daraus eine Geschäftsidee gemacht. | Bild: Mirjam Moll Liddy Hansdottir – stock.adobe.com

Im Onlineshop bieten die Drei zum einen verschiedene „Retterboxen“ an, auch in Bioqualität. Der Inhalt ist bunt gemischt und enthält Waren, die der Kunde nicht bestimmen kann. Das Sortiment reicht von Chips bis zu exotischen Mehlsorten aus dem Demeterladen. Bei der Officebox gibt es Snacks fürs Büro – vom Proteinriegel bis zum Smoothie. Wer es lieber individuell mag, kann sich im klassischen Onlineshop aber auch selbst Lebensmittel auswählen. Laut Unternehmen sind diese bis zu 70 Prozent günstiger als im Laden.
Webseite: www.sirplus.de

Leckeres aus dem Restaurant

ResQ heißt die App für Smartphones, die ihren Nutzern über GPS zeigt, wo in ihrer Nähe Restaurants überschüssige Mahlzeiten zu vergünstigten Preisen anbieten. Von dem Deal sollen beide Seiten etwas haben: Die Gastronomie spart Entsorgungskosten, der Kunde kommt günstig an ganze Gerichte. Die App wirbt damit, "in der Regel 50 Prozent zu sparen". Bezahlen kann der Kunde schon vorab bequem über die App, so dass bei Abholung keine zusätzliche Wartezeit entsteht. Das Problem: Bislang ist die App nur in Berlin und Duisburg aktiv – doch die Gründer planen, ihr Netz auszubauen.

Bislang werden über die App monatlich mehr als 67¦000 Portionen verkauft, mehr als 1000 Wirtschaften und Restaurants sind bei ResQ vertreten.

Hinter der Anwendung steht ein finnisches Unternehmen, das die Verschwendung in Restaurants reduzieren will. Schätzungen der Webseite zufolge landen zehn Prozent der dort produzierten Gerichte ungenutzt im Müll.
Webseite: www.resq-club.com

Knödelkult – altes Brot neu aufbereitet

Es ist ein junges Unternehmen aus Konstanz, das 2017 für seine Idee mit dem Bundespreis "Zu gut für die Tonne" ausgezeichnet wurde: Jedes Jahr werden allein in Deutschland mehr als 500¦000 Tonnen Brot weggeworfen. Bei einer Bäckerei landen täglich zwischen zehn und 20 Prozent der Produktion im Abfall. "Brotal" finden das die Gründer, die inzwischen schon weit über 30¦000 Pfünderle gerettet haben. Denn was früher als gute Hausmannskost galt, hat das Startup für die mitunter kochfaule und zeitarme Gesellschaft von heute angepasst und den Knödel im Glas entwickelt.

Über Crowdfunding finanzierte sich das Startup 2017 die Gründung von Knödelkult. Den eigentlichen Grundgedanken hatte Hobbykoch, Knödelfan und Maschinenbauer Helmke. Gemeinsam mit den Jungunternehmern Felix Pfeffer, Raimund Keinert und Janine Trappe entwickelte er das Konzept.

Übriggebliebenes altes Brot wird in unterschiedlichsten Varianten zur fertigen Knödelmasse im Einmachglas, die der Kunde nur noch zu Bällchen formen und gar ziehen lassen muss. Die angebotenen Varianten im Onlineshop reichen von klassisch über vegetarisch bis süß. Der Versand erfolgt klimaneutral und plastikfrei, verspricht Knödelkult.
Findige Rezepte mit Knödeln gibt es saisonal aktuell auf der Webseite.
Webseite: www.knoedelkult.de