Es war ein ganz einfaches Bild, das Astronaut Bill Anders 1968 bei der Apollo-8-Mission im Vorbeiflug um den Mond machte. Erst in Schwarz-Weiß und danach mit einem Farbfilm, mit einer Hasselblad-500-Kamera. Wie eine leuchtende Murmel ging die Erde vor dem Schwarz des Weltalls auf. Schön und zerbrechlich sei sie, das sagen alle, die sie von weitem angeschaut haben.

Nun geht es der Erde immer schlechter. Die CO2-Werte in der Atmosphäre steigen und steigen, der superheiße Sommer 2018 hat auch so ziemlich den letzten Zweifler gelehrt, dass da etwas Ernstes im Gange ist. Außer US-Präsident Donald Trump natürlich. Schlichte Gemüter haben es manchmal gut.

Ein Tukan im Regenwald.
Ein Tukan im Regenwald. | Bild: Alexandr Vorobev - stock.adobe.com

Es ist kurios: Wir alle wissen, dass wir die Erde ruinieren, unseren einzigen Planeten, der so wunderschön blau im Universum leuchtet. Mit unserem maßlosen Konsum, dem Hunger nach billigem Fleisch, den Flug-Urlaubsreisen, die immer häufiger und immer kürzer werden. Die Meere sind vermüllt, die Menschen sind unruhig vom permanenten Online-Sein.

Warum steuert niemand um? „Die Erde ist nicht mehr zu retten“, das hört man immer wieder in privaten Gesprächen, und das Gegenüber zuckt die Achseln. Es ist, als wenn man sehenden Auges in einen Abgrund rast. Der verfahrenen Situation liegen Überzeugungen zugrunde, die für das Individuum sinnvoll sein mögen, aber für das große Ganze verheerend sind.

  • Überzeugung 1: Das Wichtigste ist das Wohlergehen meiner Familie, die Gemeinschaft kommt erst an zweiter Stelle. „Allmende-Problem“ heißt das in der Forschung. Der mittelalterliche Begriff „Allmende“ meint eine Gemeinschaftswiese, auf der alle Bewohner eines Dorfes ihre Tiere weiden lassen durften. Das führte aber dazu, dass man die eigenen Tiere so viel und so lange wie möglich fressen ließ, bis die Wiese überweidet war, also für die anderen nichts mehr übrig blieb. Der verkürzte Blick aufs eigene Wohl ist also nicht neu, sondern im Menschen angelegt.
  • Überzeugung 2: Wohlergehen heißt für viele: Konsum. Wenn meine Kinder immer das Neueste haben, zeige ich, dass ich gut für sie sorge. Warum einschränken? Sollen doch die anderen machen. Der Kapitalismus hat uns gut gelehrt, dass wir Glück nur im Kaufen finden. Immer das Neueste, immer das Größte, immer das Schönste. Das stimmt zwar nicht, aber geglaubt wird es gern.
  • Überzeugung 3: Für mich reicht es noch. Im Französischen heißt das unnachahmlich: „Après moi le déluge“ – nach mir die Sintflut. Auch das mag vordergründig stimmen. Menschen fällt es nicht leicht, wegen möglichen negativen Folgen in der Zukunft ihr persönliches Handeln im Jetzt umzustellen. Das gilt schon für die eigene Gesundheit, aber noch viel mehr für die ganze Erde. Es ist ja nicht sicher, dass es so kommt. Wir sind nicht mehr da, wenn es schlimm wird. Und der Verzicht ist jetzt unangenehm, mögliche positive Folgen sieht man selbst nicht mehr.
Falterfische im Roten Meer.
Falterfische im Roten Meer. | Bild: Hennie Kissling - stock.adobe.com



Was also tun? Ohne Zwang wird es kaum gehen. Nur wenige Menschen sind bereit, weniger zu konsumieren. Es gab einen Sturm der Entrüstung, als die Grünen vor Jahren einen fleischfreien Tag pro Woche in Kantinen vorschlugen. Menschen wollen nicht gern gegängelt werden, aber die Einsicht reicht nur bei wenigen aus.

CO2-Steuern werden das verteuern, was der Erde schadet. Sie mögen ungerecht sein, weil die Superreichen sich immer noch Flugurlaube leisten können, wenn Fliegen für den Durchschnittsverdiener zum Luxus wird. Vielleicht werden auch andere Wege gefunden, etwa ein persönliches Flugmeilen-Konto, was sicherlich gerechter wäre. Auch das Heizen mit Öl und Gas wird voraussichtlich teurer, das Fahren ebenso. Das Leben wird wohl unkomfortabler und ungemütlicher werden, das ist wahr.

The Wave in den Coyote Buttes (Arizona).
The Wave in den Coyote Buttes (Arizona). | Bild: Alexander Fiedler - stock.adobe.com

Vor einigen Monaten hat die EU schärfere Grenzwerte für neue Autos beschlossen. Lange hat die Bundesregierung alles getan, um das zu verhindern. Nun schreit die Autoindustrie auf und verweist auf die Arbeitsplätze. Sind Arbeitsplätze ein Grund, die Erde endgültig zu ruinieren? Was für eine absurde Argumentation! Arbeitsplätze können sich wandeln, Menschen können Neues lernen. Anfang des Jahres schloss die letzte Kohlezeche in Deutschland, was jahrzehntelang undenkbar war. Das Ruhrgebiet ist grün geworden.

Es gibt also auch Hoffnung. „Minimalismus“ heißt der Trend, der seit ein paar Jahren immer wieder aufploppt und gerade in Skandinavien schwer angesagt ist. Menschen kaufen bewusst weniger oder gar nichts. Es gibt Reparatur-Cafés, Leute tauschen Klamotten und die Bohrmaschine. Die EU hat verschiedene Plastik-Einwegartikel verboten. Feigenblatt-Politik nennen das die einen. Einen Anfang die anderen.

Segelboot auf dem Bodensee.
Segelboot auf dem Bodensee. | Bild: Thomas Pirtschke - stock.adobe.com

Ob wir die Kurve kriegen, wie es Alexander Gerst nach seiner Rückkehr auf die Erde in seinem Video an seine ungeborenen Enkel formulierte? Es braucht alles. Zwang für die Uneinsichtigen, eine Politik, die längerfristig denkt als bis zur nächsten Wahl und das eigene, persönliche Tun. Irgendwann sind die Kleiderschränke voll, sämtliche Urlaubsziele fotografiert, das neue Auto verrostet. Sehen wir uns doch nach anderen Glücksquellen um. Dann können wir uns noch länger freuen an diesem Planeten, der so schön ist.

Manchen ist das Pathos zu viel, das viele Astronauten beim Blick auf die Erde empfinden. Aber manchmal ist ein bisschen Abstand ganz gut, um eine Sache klarer zu beurteilen. Vielleicht müssen es auch mal ein paar Kilometer mehr sein.