Wieder ist etwas passiert. Jetzt oberhalb der Kranzhornalm im Bezirk Kufstein: Eine Wanderin wurde am vergangenen Mittwochnachmittag gegen 14 Uhr von einer Mutterkuhherde angegriffen und starb. Sie hatte zusammen mit einer Freundin die Hunde ausgeführt und dabei eine eingezäunte Weide überquert, auf der zehn Mutterkühe und acht Kälber grasten. Die Kühe stürmten plötzlich auf die beiden siebzigjährigen Frauen aus Kirchdorf im Bezirk Kitzbühel los und stießen sie nieder. Die Hüttenwirtin und ein Gast kamen zur Hilfe. Eine der Frauen blieb unverletzt, doch die andere konnte nicht gerettet werden. Auch einer der Hunde starb.

Der tragische Tod der Siebzigjährigen überschattet die Eröffnung der Almsaison in Tirol. Zwischen Ende Mai und Ende September sind die meisten Almhütten mit Jausenstationen und Schutzhütten für Wanderer geöffnet. Doch vor allem dienen die Almen der Landwirtschaft. Etwa 25 000 österreichische Bauern treiben Kühe, Schafe, Ziegen, Pferde und manchmal auch Schweine hinauf.

Erst Anfang Mai hat in Innsbruck ein Landwirt vor dem Richter gestanden, weil seine Mutterkuhherde 2014 im Pinnistal, Stubai eine deutsche Wanderin tödlich verletzt hatte. Die 45-jährige Bankangestellte Daniela Müller aus Bad Dürkheim in Rheinland-Pfalz war von einer Herde aus zehn Mutterkühen und zehn Kälbern getötet worden – von ihren Hörnern verletzt und zu Tode getrampelt, angeblich weil sie ihren Hund, einen Kerry Blue Terrier, nicht schnell genug losließ. „Der Hüttenwirt hat damals versucht, die Kühe zu vertreiben“, erzählt Gerhard Pfurtscheller, der selbst eine Alm am Ende des Tals in der Nähe des Stubaier Gletschers hat. „Doch dabei kam er zu spät.“

Kühen sollte man beim Wandern auf der Alm nicht zu nah kommen. Wenn Kühe Menschen angreifen, dann meistens deshalb, weil sie sich ...
Kühen sollte man beim Wandern auf der Alm nicht zu nah kommen. Wenn Kühe Menschen angreifen, dann meistens deshalb, weil sie sich bedrängt fühlen, Stress ausgesetzt werden oder ein Herdenmitglied oder das eigene Kalb schützen möchten. | Bild: dpa

Bevor mögliche Schadensersatzansprüche im Juni 2017 verjährt wären, hat der Witwer den Pinnisalm-Bauern in Neustift auf 359 905 Euro Schadensersatz verklagt. Nicht nur Schmerzensgeld und Beerdigungskosten, sondern auch entgangenes Einkommen und Betreuungskosten für den Sohn fordert der Bankangestellte vom Halter der Kühe. Die Betreiber der Hochstubai-Liftanlagen werden ebenfalls verklagt. Daniela Müller war mit der Gondel auf den Berg gefahren, erklärt Müllers Rechtsanwalt. Da sie vom Gipfel kam, konnte sie die Warnschilder des Bauern am unteren Zaun nicht sehen. Deshalb hätte am Lift auf die Gefahren beim Abstieg über die Alm hingewiesen werden müssen. Der Prozess wurde auf Anfang Oktober vertagt.

Wenn seine Argumentation den Richter überzeugte, hätte dies für alle Tiroler Almbauern Folgen. „Auf Almen laufen die Tiere grundsätzlich frei herum. Die Wanderwege führen direkt über die Weiden. Zäune gibt es kaum“, erklärt Josef Lanzinger, der bei der Tiroler Landwirtschaftskammer in Wörgl für Almwirtschaft zuständig ist. Landwirtschaft und Tourismus sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren in Tirol. 35 Prozent der österreichischen Almtiere leben hier und 34 Prozent der Österreich-Touristen kommen nach Tirol. Während die Zahl der Almen in den letzten fünfzehn Jahren um fast 25 Prozent gesunken ist, ging die Zahl der Milchkühe nur um neun Prozent zurück. Das bedeutet, die Almen werden voller.

Die Hälfte der Almen wird von mehreren Bauern genossenschaftlich bewirtschaftet, so wie die Schönanger Alm in Wildschönau bei Wörgl. Dort ist Sepp Mayr seit 20 Jahren Obmann der 24 Mitglieder einer Almgenossenschaft. „Wanderer müssen einsehen, dass Mutterkühe Hunde als natürliche Feinde empfinden“, erklärt Mayr. „Eine Mutterkuh verteidigt ihr Kalb.“ Mayr empfiehlt Wanderern, die Mutterkühe und Kälber treffen und mit Hund unterwegs sind, eine andere Route zu wählen. Was Mayr aus Erfahrung weiß, hat der Veterinärmedizin-Professor Josef Troxler von der Veterinärmedizinischen Universität Wien schon 2014 bestätigt. Mutterkühe, die mit ihren Kälbern den ganzen Sommer über allein auf der Alm leben und nicht gemolken werden, verlieren den Kontakt zu den Menschen. „Sie verwildern wieder“, diagnostiziert er. Entsprechend folgen sie ihrem Urinstinkt und greifen Hunde an, weil sie sie für Wölfe halten. Kühe, die regelmäßigen Kontakt zu Menschen haben und sogar gestreichelt werden, sind weniger aggressiv, wachsen schneller und geben mehr Milch. Das hat jetzt eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität in Wien zur „Wohlergehensforschung“ nachgewiesen.

Ein Schild rät Wanderern bei Kühen zur Vorsicht. Bild: Mariele Schulze Berndt
Ein Schild rät Wanderern bei Kühen zur Vorsicht. Bild: Mariele Schulze Berndt | Bild: Mariele Schulze Berndt

Allein im vergangenen Sommer wurde mehr als 15 Mal gemeldet, dass Kühe Wanderer angegriffen haben. Zu Todesfällen kam es 2016 nicht, allerdings teilweise zu schweren Verletzungen, besonders bei älteren Menschen und Kindern.
 

Wie verhalte ich mich gegenüber weidenden Kühen richtig?

Mit einem Faltblatt erklärt die österreichische Landwirtschaftskammer, wie sich Wanderer bei einer kritischen Situation gegenüber Kühen verhalten sollen

  • Hinweise beachten: Zusammen mit dem Alpenverein hat die Landwirtschaftskammer ein Schild entworfen, das speziell auf Mutterkühe und ihre Kälber hinweist. „Achtung. Bitte Abstand zu Weidetieren halten. Kühe schützen ihre Kälber“, heißt es darauf.
  • Eigene Wege: Hundebesitzer wie Mountainbike-Fahrer sollten Extra-Wege organisieren, an denen es keine Weidetiere gibt. Hunde sollten generell von Wanderern nicht mit auf die Alm genommen werden. Wanderwege sollen nicht verlassen, Hunde angeleint und bei einer Attacke schnell losgelassen werden. Die Kühe verfolgen dann den Hund.
  • Abstand halten: Wanderer sollten 20 bis 50 Meter Abstand von Kühen halten, Kälbchen nicht streicheln und nicht in die Augen schauen.
  • Im Notfall: Wenn ein Rind sich bedrohlich nähert, soll man im absoluten Notfall laut Landwirtschaftskammer vor allem Ruhe bewahren und bei Gefahr mit einem Stock dem Tier auf die Nase schlagen. Dem Tier zugewandt sollte man sich langsam aus der Gefahrenzone entfernen.