„Eben aufgestanden und zum letzten Mal in 6 Monaten geduscht", berichtete Alexander Gerst im Kurznachrichtendienst Twitter gestern morgen vor seinem Einstieg in die Sojus-Kapsel, die ihn und zwei weitere Astronauten in die Erdumlaufbahn gebracht hat. Es sind diese launigen Botschaften, die den als "Astro-Alex" gerühmten Gerst so beliebt machen in der Öffentlichkeit. Denn dem Glatzkopf aus Künzelsau gelingt es, Raumfahrt als Herausforderung und Faszination gleichermaßen transparent zu machen.

Gerst hat es bereits bei seiner ersten Mission 2014 an Bord der Internationalen Raumstation ISS geschafft, als Deutschlands Mann im Weltall wahrgenommen zu werden – was eine Kunst ist, denn die Begeisterung für die bemannte Raumfahrt ist hierzulande begrenzt. Dem gelernten Geophysiker gelingt es aber, das Publikum an seinen Entdeckungen zu beteiligen, ihn quasi zum Miterlebenden zu machen: Durch Fotos, die die Schönheit des blauen Planeten vermitteln, und durch das Setzen von Kontrasten. In allgemeiner Erinnerung blieb Gersts Höhenbild vom Krieg im Gazastreifen mit seinen sich kreuzenden Leuchtspuren – eine beklemmende Perspektive, die nur aus dem All möglich ist.

Wenn Gerst und seine zwei Kameraden am Freitag an der ISS ankommen und einchecken, betreten sie – raumfahrthistorisch betrachtet – ein altes Gehäuse. Wir erinnern uns: Als die Russen ihre Station "Mir" (Frieden) 2001 kontrolliert abstürzen ließen, war diese 15 Jahre alt und zum Pannenflieger geworden. Mit der Montage der ISS im Erdorbit hat man vor 20 Jahren begonnen. Und obwohl die Station problemlos ihren Dienst verrichtet und als andauernde Erfolgsgeschichte die Erde umkreist, ist die Debatte um ihr Ende in vollem Gange. Denn die Finanzierung ist nur noch bis 2024 gesichert.

Dann aber wollen die Amerikaner den neuen Aufbruch zum Mond vorantreiben und haben daher angekündigt, ihre drei Milliarden Dollar jährlich für die ISS sparen zu wollen. Damit fiele der Hauptsponsor der Station aus. Zum Vergleich: Die europäische Esa steuert gerade einmal ziemlich knausrige 300 Millionen Euro pro Jahr bei. Und da die Russen auch nur noch unlustig bei der Sache sind und keinesfalls daran denken, für die Amerikaner als Finanzier einzuspringen, ist das Ende der ISS absehbar, obwohl sie nach Meinung von Experten mindestens bis 2028 sicher zu betreiben wäre.

Auf diese Tatsache weist auch Esa-Chef Jan Wörner gerne hin, ein Missionar in Sachen Lebensverlängerung der ISS. Schaut man auf die Rolle der Station als Weltraumlabor, hat Wörner Recht: Gesundheit, Umwelt, Klimawandel, Digitalisierung, Mobilität der Zukunft und erneuerbare Energie – um alle diese Mega-Themen dreht sich die Forschung auf der ISS. Und diese überaus wichtige Arbeit, die immer neue wertvolle Erkenntnisse für Leben und Technik auf der Erde generiert, wäre gefährdet, wenn man sich von der Raumstation verabschiedet.

Denn ein Ersatz ist nicht in Sicht. Trittbrettflieger der Chinesen, die eine neue Station planen, sollte Europa im All nicht sein; was aus dem etwas windigen russischen Vorschlag wird, die ISS zu filetieren und einige Module weiter im All zu halten, steht in den Sternen; und wann es unter Amerikas Führung gelingt, ein Mondlabor zu betreiben, weiß ebenfalls kein Mensch.

Am ehesten möglich ist die Privatisierung der ISS, die die US-Regierung verfolgen will. Damit liegt sie im Trend, übernehmen doch bereits Raketen des Milliardärs Elon Musk Versorgungsflüge zum Vorposten im All. Indes, davor steht ein Aber: Die ISS gehört nicht allein den USA. Neben Europa und Russland sind Kanada und Japan an Bord. Auch sie werden mitreden wollen. Sodann: Wer kann wissen, in welche Hände die ISS kommt und welche Konzerninteressen über Nutzung und Zugang ins All entscheiden? Nach allem, was die Trump-Regierung bisher wirtschaftspolitisch entschieden hat, ist Skepsis angebracht.