Eigentlich wollte Can Merey ein Buch über seinen Vater schreiben: einen Türken, der Deutscher werden wollte und daran scheiterte. Doch bei der Arbeit an dem Buch wurde der deutsche Journalist selbst vom langen Schatten der Türkei eingeholt. „Erst beim Schreiben ist mir bewusst geworden, wie sehr auch mein Leben von Tosuns Herkunft und von meinen türkischen Wurzeln geprägt worden ist – jenen Wurzeln, die ich einst am liebsten verdrängt hätte”, schreibt der DPA-Journalist im Vorwort zu seinem neuen Buch „Der ewige Gast”.

Merey setzte sich beim Schreiben mit seinen eigenen Erfahrungen als Deutscher mit türkischer Abstammung auseinander – und das, während er fünf Jahre lang als deutscher Korrespondent in Istanbul arbeitete. Herausgekommen ist ein höchst lesenswertes Buch über Deutschland, die Türkei und die Menschen, die im Spannungsfeld zwischen den beiden Ländern leben.

Der Vater heiratet eine bayerische Frau

Die Lebensgeschichte von Mereys Vater Tosun macht nur das erste Drittel des Buches aus. Der türkische Fabrikantensohn reist 1958 für einen Sprachkurs nach Deutschland. In München gefällt es ihm so gut, dass er dort studiert, ein bayerisches Mädchen vom Bauernhof heiratet und eine Vorliebe für Weißbier und Schweinebraten entwickelt. Doch derweil grenzt sich die deutsche Gesellschaft immer stärker gegen die inzwischen herbeigerufenen Gastarbeiter ab. „Die Türken kommen – rette sich, wer kann“, titelt 1973 der „Spiegel“. Das bekommt auch Tosun Merey zu spüren, der als Betriebswirt beruflich in Deutschland nicht weiterkommt und mit seiner jungen Familie schließlich als Firmenvertreter ins Ausland geht.

Zwei Deutschtürken, zwei Generationen: Der Autor und DPA-Korrespondent Can Merey (li.) mit seinem Vater Tosun (re.) in Istanbul. Bild: Cordula Berghahn/privat
Zwei Deutschtürken, zwei Generationen: Der Autor und DPA-Korrespondent Can Merey (li.) mit seinem Vater Tosun (re.) in Istanbul. | Bild: Cordula Berghahn/privat

Parallel zeichnet der Autor das Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu den türkischen Einwanderern nach und illustriert sie mit Zahlen, Zitaten und eigenen Erfahrungen. So erklärte ein deutscher Kindergarten 1978, er „nehme nur reinrassige Kinder“. Tosun Merey resignierte irgendwann. „Voller Enthusiasmus kam Tosun damals nach Deutschland, in jenes Land, das er gerne zu seiner Heimat gemacht hätte”, schreibt der Sohn. „Heute bereut mein Vater, sich für ein Leben in der Bundesrepublik entschieden zu haben.”

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"Sie sprechen aber gut deutsch!"

Vom Leben als Deutscher der zweiten Generation berichtet Merey im zweiten Teil des Buches. Seit fast 20 Jahren arbeitet er für die deutsche Presseagentur und muss sich immer noch oft anhören, er spreche ja sehr gut Deutsch. Selbst Grünen-Politikern rutsche der Spruch heraus, und böse gemeint sei es nie. „Es ist aber ein Indiz dafür, wie tief im Unterbewusstsein sogar von weltoffenen Mitbürgern verankert ist, dass Menschen wie ich eigentlich nicht so richtig dazugehören können.”

Schließlich nimmt Merey den Leser mit in die Türkei. Knapp und treffend umreißt er die jüngste politische Entwicklung, von den Gezi-Protesten über den Putsch bis zu den Festnahmen von Bundesbürgern am Bosporus. Differenziert arbeitet er dabei auch die politischen Fehler und gelegentliche Doppelmoral der deutschen Seite heraus, die zur Verstimmung zwischen beiden Ländern wie auch zum Abdriften der Türkei vom europäischen Kurs beigetragen haben. Abschließend kommt er auf seinen Vater zurück, der inzwischen nach Istanbul gezogen ist und die in Deutschland oft gestellte Frage beantwortet, warum Recep Tayyip Erdogan bei Deutschtürken so beliebt ist: „Erdogan hat mir meinen Stolz zurückgegeben.”

Gastarbeiter sollten zurückkehren

Ahmet Toprak ist Integrationsforscher in Dortmund. Bild: Matthias Kleinen
Ahmet Toprak ist Integrationsforscher in Dortmund. | Bild: Matthias Kleinen

Ahmet Toprak ist Erziehungswissenschaftler in Dortmund und Dekan an der dortigen Fachhochschule für den Bereich Angewandte Sozialwissenschaften. Er stimmt Can Merey zu: „Auch wenn man sich in Deutschland viel Mühe gibt und versucht, sich anzupassen, wird es einem oft nicht leicht gemacht, sich integriert zu fühlen.“ Die Deutschen seien jahrelang davon ausgegangen, dass die sogenannten Gastarbeiter wieder zurückkehren werden. Das habe sich in den Vorbereitungsklassen gezeigt, die bis Anfang der 1980er-Jahre gegeben wurden, in denen sich die Jugendlichen auf die Rückkehr in ihr ursprüngliches Heimatland vorbereiten sollten. „Ich selbst habe so eine Klasse besucht“, erinnert er sich. Zunächst wurde er auf die Hauptschule geschickt – etwas anderes traute man einem türkischen Jungen offenbar nicht zu. Sein Abitur machte er in der Türkei.

Freilich will Toprak nicht nur Fehler bei den Deutschen sehen. „Die Integration in Deutschland ist besser als ihr Ruf. Kanada, Australien, USA haben da viel längere Erfahrungen. Dafür finde ich als Wissenschaftler, ist Deutschland recht erfolgreich. Wir sind nur spät aufgewacht.“ Integrationskurse und die doppelte Staatsbürgerschaft seien gute Maßnahmen gewesen. „Doch man hat zu spät damit angefangen. Dadurch haben wir auch ein paar Leute verloren. Das heißt aber nicht, dass die Maßnahmen schlecht sind. Bei den Menschen, die neu zu uns kommen wie etwa jetzt die Flüchtlinge, machen wir diese Fehler nicht mehr. Und das ist die gute Nachricht.“

"Die Gesellschaft muss das Kopftuch aushalten"

Es sind ein paar Stichworte, an denen sich die Integrations-Debatte derzeit besonders entzündet. Als da, neben der heiß gelaufenen Özil-Debatte, wären: Kopftuch, Islam, Erdogan. Zum Thema Kopftuch bezieht Toprak klar Position: „Sobald man das Gesicht einer Frau in der Öffentlichkeit erkennen kann, muss eine offene, auf Meinungsfreiheit beruhende Gesellschaft das aushalten können, dass sie Kopftuch trägt, finde ich. Sonst bevormundet man sie. Es ist ihre Freiheit, sich zu kleiden, wie sie es will, auch wenn sie das aus religiösen Gründen tut. Problematisch ist es, wenn man sie nicht mehr identifizieren kann, zum Beispiel beim Nikab, der nur die Augen freilässt.“

Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, findet Ahmet Toprak problematisch. „Man sagt, dass die Muslime zum Land gehören, ihre Religion aber nicht. Das kann man nicht trennen. Das trägt dazu bei, dass Muslime sich hier weiterhin nicht willkommen fühlen, und das kann auch zu einer Radikalisierung beitragen oder dass sich Parallelgesellschaften bilden. Den politischen Islam, den Islamismus, muss man angehen, das ist schon klar. Der muss zurückgedrängt werden. Aber die liberalen Muslime, die mit Demokratie kein Problem haben, die trifft man mit einer solchen Debatte auch.“

Nicht Integrierte wählen Erdogan

Warum wählen denn so viele Deutschtürken Erdogan? Toprak rät, genau hinzusehen: „1,6 Millionen Türkeistämmige sind eingebürgert. Die dürfen in der Türkei nicht wählen, die wählen mit den Bundestag. Dann gibt es 1,4 Millionen, die nicht eingebürgert sind. Wir wissen, dass vor allem die wenig Integrierten konservativ sind. Und sie neigen dann dazu, Erdogan zu wählen. Allerdings auch nicht alle.“ Die Kurden wählten ihn nicht, die Aleviten ebenfalls nicht. Erdogan habe die Türkei sehr stark gespalten. „Bei ihm gibt es nur Schwarz und Weiß. Die anderen hat er verloren, und bei ihm gibt es nur Gegner und Befürworter. Kompromisse sind nicht vorgesehen.“

Buchtipps: Can MereyDer ewige Gast: Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden. Blessing-Verlag, 17 Euro.
Ahmet Toprak: Auch Alis werden Professor. Lambertus-Verlag, 2017, 20 Euro.