Wenn Reporter über einen Gerichtsprozess berichten, dann rücken sie normalerweise nicht unbedingt die modisch hochwertige Kleiderwahl der Angeklagten in den Mittelpunkt. Andererseits: Was war schon normal an der Verhandlung gegen die mutmaßliche Hochstaplerin Anna Sorokin, die nun zu Ende ging?

Opportunistin oder Betrügerin?

Ob Anna Sorokin einfach eine gewiefte Opportunistin mit Lust am Luxus oder eine berechnende Betrügerin ist – darüber beraten jetzt die Geschworenen im Prozess gegen die Deutsche. Die 28-Jährige, die sich unter dem Namen Anne Delvey eine falsche Identität als reiche Erbin zugelegt hatte, ist wegen Betrugs und Diebstahls angeklagt, ihr drohen bis zu 15 Jahre Haft und die Abschiebung nach Deutschland.

Die Angeklagte Anna Sorkin aus Deutschland schleuste sich als Anne Delvey in die New Yorker High Society ein.
Die Angeklagte Anna Sorkin aus Deutschland schleuste sich als Anne Delvey in die New Yorker High Society ein. | Bild: TIMOTHY A. CLARY/AFP

Im Gerichtssaal ist allerdings zu erkennen, dass für Anna „Delvey“ Sorokin der Sinn für das Geschäft auch in ihren anderthalb Jahren in Untersuchungshaft nicht abhanden gekommen ist, die 28-jährige deutsch-Russin weiß noch immer, wo ihr Markt ist.

Ihre Kleider kommen von Promi-Designern

So gelang es Sorokin in den vergangenen Wochen den Gerichtssaal im südlichen Manhattan, wo sie des Betrugs in Höhe von 270 000 Dollar angeklagt wurde, in einen Laufsteg zu verwandeln. Sehr zur Unmut von Richterin Diane Kiesel präsentierte Sorokin jeden Tag ein neues Ensemble, zusammen gestellt von einer Promi-Stylistin, zu deren Kunden ansonsten Courtney Love und der Rapper T-Pain gehören. Die Outfits von Miu Miu und Saint Laurent wurden in ein eigens eingerichtetes Instagram-Konto gefüttert, das immerhin auf ein paar Tausend Follower kommt.

Anna Sorokin, die unter dem Pseudonym Anna Delvey auftrat, soll New Yorker Hotel- und Geschäftspartner um Hunderttausende Dollar betrogen haben. Ihr wird mehrfacher schwerer Diebstahl vorgeworfen.
Anna Sorokin, die unter dem Pseudonym Anna Delvey auftrat, soll New Yorker Hotel- und Geschäftspartner um Hunderttausende Dollar betrogen haben. Ihr wird mehrfacher schwerer Diebstahl vorgeworfen. | Bild: Richard Drew/dpa

Welches Ende die Verhandlung nehmen wird, ist dagegen noch unklar. Ein Schuldspruch galt bislang als sicher. Die Verhandlung ist zwar vorüber, aber wie lange die Geschworenen für ein Urteil brauchen, war diese Woche nicht in Erfahrung zu bringen. Doch wie auch immer der Prozess enden wird, Sorokin denkt schon längst zwei Schritte weiter.

Auf den Titelblättern der Vanity Fair und des New York Magazins war sie bereits

Schon jetzt ist es ihr gelungen, aus ihrer unglaublichen Geschichte Kapital zu schlagen. Netflix plant eine Serie mit Lena Dunham in der Hauptrolle über sie. Die Titelseiten von Vanity Fair und New York Magazine hat sie bereits geziert. Und bei Sorokins PR-Geschick wird es ihr ein Leichtes sein, nach ihrer Haft ihren neu gewonnen Celebrity Status zu monetarisieren. So könnte es durchaus sein, dass Anna „Delvey“ Sorokin doch noch das erreicht, was sie schon immer angestrebt hatte: Reichtum und Ruhm und ein Leben in Luxus.

Mit ihren modischen Auftritt vor Gericht verärgert Sorokin die Richterin.
Mit ihren modischen Auftritt vor Gericht verärgert Sorokin die Richterin. | Bild: Richard Drew/dpa

Es ist schwer zu sagen, wann Anna Sorokin, die sich den Namen „Delvey“ für die New Yorker Society zugelegt hatte, ihre sozialen Aufstiegsfantasien geschmiedet hat. Vielleicht war es schon als Gymnasiastin in Eschweiler, wo sie als 16 Jahre alte russische Auswanderin mit ihrer Familie gelandet war. Vielleicht war es aber auch in Paris, wo sie ein begehrtes Praktikum bei der In-Zeitschrift „Purple“ gelandet hatte. Fest steht, dass Anna, als sie 2013 nach New York kam, einen Plan hatte, in der Society hier zu landen.

Anna Sorokin träumte von der Gründung eines mondänen Clubs

Annas großer Traum, das wiederholte ihr Anwalt Todd Spodek während des Prozesses immer wieder, war es, einen exklusiven Social-Club nach dem Vorbild des SoHo-House zu eröffnen. Es sollte das neue Zentrum des New Yorker Gesellschaftsuniversums sein, ausgestaltet von A-List Künstlern von Damien Hirst bis Jeff Koons. Das Problem dabei war, als mittellose Studienabbrecherin die nötige Finanzierung von 22 Millionen Dollar zu sichern. Sie musste, wie ihr Anwalt während des Prozesses zum Besten gab, „Fake it till you make it“ (Tu so lange als ob, bis du es geschafft hast.)

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Die Versuche ihres Anwalts Todd Spodek, Sorokins Praxis zu normalisieren, deuten darauf hin, warum dieser Prozess und die Figur Sorokin eine derartige Faszination ausübt. Die Kunst der Hochstapelei ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel in New York und anderswo und in der Kardashian – Ära ein akzeptierter Weg zu gesellschaftlichem und finanziellem Erfolg. Sorokins Fehler war ledigliche, dass sie das Spiel tief in die Kriminalität hinein getrieben hat. Ihr Anwalt Spodek wies die Vorwürfe der Anklage gekonnt zurück. "Sie hat nichts unternommen, um die New Yorker von ihrem Geld zu trennen – sie haben es ihr gegeben", sagte er in seinem Schlussplädoyer.

Internet-Ruhm ist ihr schon gewiss

„Delvey“ gab sich in New York als Millionenerbin aus, ihr Vater war wechselweise ein Öl-Unternehmer oder ein Fabrikant für Solarzellen. Tatsächlich arbeitete er als Lastwagenfahrer und später Teilhaber in einem kleinen Transportunternehmen. Und Sorokin gab die Rolle, die in der New Yorker Szene durchaus verbreitet ist, überzeugend.

Bekannt unter den "etwa 200 Leuten, die man überall trifft“

Bald war sie bekannt unter den Reichen und Einflussreichen, jenen „etwa 200 Leuten, die man überall trifft“, wie es eine Zeugin es ausdrückte. Zwei Jahre lang gelang es ihr, diesen Lifestyle durch ein Kartenhaus an Lügen zu finanzieren. Doch irgendwann passierte, was passieren musste: Das Kartenhaus brach zusammen. Es flog auf, dass ihre Vermögensangaben für Bankkredite falsch waren. Und als sie sich 60 000 Dollar von Rachel Williams, eine ehemalige Vanity Fair Redakteurin, für eine Hotelrechnung in Marrakech leihen musste, gingen bei der Journalistin die Alarmglocken los.

Einige Jahre war Anna Sorokin ein fester Bestandteil der Luxusszene von New York.
Einige Jahre war Anna Sorokin ein fester Bestandteil der Luxusszene von New York. | Bild: Dave Kotinsky/AFP

So zerplatzten vorerst Anna Sorokins Träume, sich unter den Oberen Zehntausend von New York festzusetzen. Internet-Ruhm ist ihr jedoch bereits gewiss. Und sie wäre nicht die erste, der es gelingt, daraus eine Karriere zu basteln.