Was ist dran an dem alten Vorurteil, viele Pizzerien im Südwesten hätten Bezüge zur Mafia: Können Sie das bestätigen?

Lang: Nein. Die überwiegende Mehrzahl italienischer Restaurants sind ganz normale Gastronomiebetriebe, die sich strikt an geltendes Recht und Gesetz halten. In wenigen Einzelfällen gibt es Hinweise in Richtung Mafia. In diesen Fällen nutzen kriminelle Organisationen die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.

Wie funktioniert das?

Lang: Dabei kann es um die Einarbeitung von in Italien angeworbenem Personal gehen, man hat die Möglichkeit der Geldwäsche, der Einschleusung, man hat einen potenziellen Umschlagplatz für den Drogenhandel, man kann eine legale Fassade schaffen zur Umsetzung des kriminellen Programms. Das ist im Übrigen auch ein Statussymbol, wenn man ein gut gehendes italienisches Restaurant führt, um auch seine Gäste entsprechend zu bewirten. Es ist ein geeigneter Ort für geheime Treffen, man kann dort auch Kriminelle verstecken, und es ist natürlich eine Möglichkeit Kontakte anzubahnen zu Vertretern aller gesellschaftlichen Schichten – ob aus Politik, Wirtschaft oder von Strafverfolgungsbehörden. Allerdings kommen die aufgezählten Merkmale eigentlich nie im Ganzen vor, sondern es ist immer eine Kombination einzelner Elemente.

Der Oberstaatsanwalt Joachim Speiermann (l) aus Konstanz berichtet am 04.07.2017 im Rahmen einer Pressekonferenz in Rottweil (Baden-Württemberg) zusammen mit Guiseppe Campobasso (r) von der italienischen Finanzpolizei über eine kriminelle Gruppe mit Verbindungen zur italienischen Mafia. Die Anführer sowie weitere 13 Personen sind im Juni festgenommen worden.
Der Oberstaatsanwalt Joachim Speiermann (l) aus Konstanz berichtet am 04.07.2017 im Rahmen einer Pressekonferenz in Rottweil (Baden-Württemberg) zusammen mit Guiseppe Campobasso (r) von der italienischen Finanzpolizei über eine kriminelle Gruppe mit Verbindungen zur italienischen Mafia. Die Anführer sowie weitere 13 Personen sind im Juni festgenommen worden. | Bild: Khang Nguyen/dpa

Wie definieren Sie als Ermittler den Begriff Mafia?

Lang: Wenn der Begriff Mafia gebraucht wird, ist damit immer die Cosa Nostra aus Sizilien gemeint. Kriminelle Organisationen nach Art der Cosa Nostra sind die ’Ndrangheta aus Kalabrien, die Camorra aus Neapel und dem Hinterland Kampaniens, die Stidda in Süd- und Zentralsizilien, und die Sacra Corona Unita in Appulien. Der Begriff hat inzwischen aber an Definitionsschärfe verloren. Da Mafia in der Öffentlichkeit auch beispielsweise im Zusammenhang mit den chinesischen Triaden, der japanischen Yakuza und der sogenannten Russenmafia gebraucht wird. Das sind ebenfalls kriminelle Organisationen, die nach Art der italienischen Mafia arbeiten.

Können Sie bestätigen, dass der Bodenseeraum und der Schwarzwald Rückzugsraum der italienischen Mafia sind?

Lang: Nicht nur Rückzugs-, sondern auch Aktionsraum. Etwa ein Drittel aller in Deutschland lebenden Italiener lebt in Baden-Württemberg. Folglich hat man auch einen dieser Wohnbevölkerung entsprechenden Anteil an straffällig gewordenen Personen in Baden-Württemberg, wie bei allen anderen Bevölkerungsgruppen auch. Wenn man weiß, dass die Gastarbeiter in den 60er und 70er Jahren in großer Zahl nach Deutschland und damit auch nach Baden-Württemberg gekommen sind und die italienische Organisierte Kriminalität Standorte auch in Süddeutschland aufgebaut hat, dann bietet zwangsläufig auch diese Struktur die Möglichkeit zu Kontakten zur italienischen Organisierten Kriminalität.

Um welche Größenordnung handelt es sich dabei: Sind 200 Personen inzwischen zu hoch gegriffen?

Lang: Wenn wir von unter 200 sprechen ist das richtig.

Was bewegt Mafiosi dazu sich hier niederzulassen?

Lang: Sie lassen sich bevorzugt in wohlhabenden Regionen nieder. Hier ist das Umfeld für ihr kriminelles Gewinnstreben günstig.

Begünstigt die Nachbarschaft zur Schweiz dies?

Lang: Schon durch die geografische Nähe spielt die Schweiz eine Rolle. Es halten sich auch Personen aus dem Umfeld der italienischen Organisierten Kriminalität in der Schweiz auf. Diese hat ähnliche geografische Vorteile wie in Deutschland, beispielsweise durch die Grenznähe zu Frankreich.

Gibt es auch in unserer Region konkurrierende Mafia-Organisationen?

Lang: In den Geschäftsfeldern gibt es vereinzelt Überschneidungen, aber die Konflikte werden nicht öffentlichkeitswirksam ausgetragen.

Zwei Pistolen und ein Revolver, dazu Magazine mit Munition: Dieses Bild wurde bei der Razzia am 21. Juni im Hause eines der Verdächtigen aufgenommen.
Zwei Pistolen und ein Revolver, dazu Magazine mit Munition: Dieses Bild wurde bei der Razzia am 21. Juni im Hause eines der Verdächtigen aufgenommen. | Bild: Polizeipräsidium Tuttlingen

Wie hat sich die Mafia verändert in den vergangenen Jahrzehnten?

Lang: Die Methoden der Organisierten Kriminalität sind subtiler geworden. Dadurch werden sie in der breiten Öffentlichkeit kaum oder nur sehr schwer wahrgenommen. Die Methoden gehen weg von dem gewalttätigen Vorgehen der 70er Jahre hin zu einem unterschwelligen, aber nicht minder wirksamen Agieren.

Wie funktioniert eine Mafia-Organisation im Hintergrund?

Rahm: Wir sprechen heute von einer Mafia imprenditoriale, einer unternehmerischen Mafia. Die Mafia schafft sich Fassaden, indem sie in bestimmten Bereichen unternehmerisch tätig ist. Dort gibt es einen Vorstand, der kann aus einer einzelnen Person oder auch aus einem Gremium (Cupola, deutsch: Kuppel) bestehen, und unten gibt es verschiedene Abteilungen. Beispielsweise eine, die sich mit Finanzen beschäftigt, eine andere, die nichts anderes macht als Fahrzeuge zu beschaffen. Es gibt einen Arbeitsbereich, der beschafft saubere Waffen, ein weiterer Bereich rekrutiert unbescholtenes Personal. Wenn diese Organisation beispielsweise in Sizilien sitzt, kann es passieren, dass man in der Lombardei jemanden rekrutiert; das ist weniger verdächtig, als einen Vorbestraften aus dem sizilianischen Corleone zu verpflichten. Der jeweilige Arbeitsbereich wird auch nur mit den Informationen versorgt, die er für seine Aufgaben unmittelbar benötigt. Dadurch schirmen sich auch die höheren Hierarchien ab.

Sind die Zentren der Macht für die italienische Mafia immer noch in Italien?

Lang: Die Zentralen sind für die Cosa Nostra der sizilianische Ort Corleone, für die ’Ndrangheta San Luca in Kalabrien, die Sacra Corona Appulien und die Camorra Neapel. Das sind die vier Zentren. Aber alle diese Organisationen sind Global Player, sie versuchen ihren Einfluss weltweit auszubauen, eben auch in Baden-Württemberg.

Ist die Mafia also in Baden-Württemberg auf dem Vormarsch?

Lang: Wir stellen Bewegungen und Strukturen fest, die darauf schließen lassen, dass die Mafia auf keinen Fall zurückweichen wird, wenn nicht weiterhin konsequent staatlich eingegriffen wird.

Das ist sehr zurückhaltend ausgedrückt. Was erschwert die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität in Deutschland?

Lang: Wir haben es mit einem finanzstarken Gegenüber zu tun. Diese Finanzkraft wird aus unserer Einschätzung erhalten bleiben. Die Italienische Organisierte Kriminalität bezieht unglaubliche Einnahmen aus dem Rauschgift- insbesondere dem Kokainhandel. Die Organisierte Kriminalität ist perfekt vernetzt, muss an keinen Ländergrenzen Halt machen. Wir müssen dieses Tempo auf Dauer mitgehen können. Es ist auch schwierig, anhand einer Einzeltat diese organisierten Strukturen gleich zu erkennen. Daran arbeiten wir. Ein weiterer Punkt ist das Sicherheitsgefühl der Bürger. Da die Bedrohung durch diese Kriminalität in der Bevölkerung nicht immer wahrgenommen wird, stellen wir ein zurückhaltendes Anzeigenverhalten fest. Das Landeskriminalamt hat hierzu eigens ein zweisprachiges Hinweistelefon eingerichtet. Mit dem reformierten Paragraf 129 StGB (Bildung krimineller Vereinigungen) und den im August eingeführten Erleichterungen zur notwendigen Vermögensbeschlagnahmung hat man uns juristisch einen Weg eröffnet, den wir weitergehen werden, um die Mafia wirkungsvoll zu bekämpfen.

Italien, so heißt es, habe sehr viel strengere Mafia-Gesetze als Deutschland. Ist das eine Erleichterung bei der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität?

Lang: Die italienischen Strafverfolger tun sich von außen betrachtet offensichtlich etwas leichter, um schneller tätig zu werden. Allerdings sind wir überzeugt, dass auch unser Instrumentarium geeignet ist, um erfolgreich zu sein.

Der Screenshot aus einem Video der italienischen Gendarmerie zeigt Carabinieri, die am frühen Morgen des 09.01.2018 nach einer Razzia gegen den _Ndrangheta-Clan Farao-Marincola in Italien und Deutschland einen Mafia-Verdächtigen in Stuttgart (Baden-Württemberg) vor dem Landeskriminalamt abführen. Die elf in Deutschland gefassten Mafia-Verdächtigen sollen so schnell wie möglich nach Italien überstellt werden.
Der Screenshot aus einem Video der italienischen Gendarmerie zeigt Carabinieri, die am frühen Morgen des 09.01.2018 nach einer Razzia gegen den 'Ndrangheta-Clan Farao-Marincola in Italien und Deutschland einen Mafia-Verdächtigen in Stuttgart (Baden-Württemberg) vor dem Landeskriminalamt abführen. Die elf in Deutschland gefassten Mafia-Verdächtigen sollen so schnell wie möglich nach Italien überstellt werden. | Bild: dpa

Die Morde von Duisburg vor elf Jahren, bei denen mehrere Mafia-Mitglieder bei einer Fehde zweier N'drangheta-Familien erschossen wurden, rückten das Thema Mafia in Deutschland in den Blick. Wie wird das innerhalb der Mafia beurteilt?

Rahm: Über das sogenannte Blutbad von Duisburg am 15. August 2007 gibt es unterschiedliche Ansichten. Die einen sagen, es sei aus Mafia-Sicht kontraproduktiv gewesen, so etwas dürfe sich auf deutschem Boden nicht wiederholen, weil es zu sehr die italienische Organisierte Kriminalität in Deutschland in den Fokus rückt. Und die anderen sagen, es war gut aus Mafia-Sicht. Denn seither weiß jeder, dass hinter dem Blutbad N'drangetha-Familien aus San Luca standen, was ihnen Respekt verschafft hat. Seither ist die italienische Organisierte Kriminalität aus meiner Sicht aber sehr darum bemüht, nicht ins Medieninteresse zu gelangen.

Wie funktioniert eine solche Organisation: Gibt es immer einen Paten, ist die Struktur gleich?

Lang: Die Hierarchie hängt von dem Handlungsfeld der Kriminellen ab. Damit kann auch die Zahl der Hierarchieebenen variieren. Je komplexer das Themengebiet, desto umfangreicher kann auch die Hierarchie sein und je einfacher es ist, desto flacher ist auch die Hierarchie.

Rahm: Was die italienische Organisierte Kriminalität kennzeichnet, ist das Streben nach einer maximalen Kapitalanhäufung. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht. Jeder Bereich, in dem man sehr viel Geld mit einem geringen Entdeckungsrisiko verdienen kann, ist für die italienische Mafia interessant – sei es Versicherungsbetrug oder Betrügereien auf Kosten des EU-Haushalts.

Fragen: Nils Köhler