Wer vermummte, schwer bewaffnete Gangster, die in wenigen Metern Entfernung einen Millionenraub begehen, mit dem Handy fotografiert, ist gewiss kein ängstlicher Mensch. Doch ein knappes Jahr später bewegt der 60-Jährige im Zeugenstand nervös die Beine hin und her. Schließlich sitzen drei Männer, die nach Überzeugung des Staatsanwalts an der aufsehenerregenden Tat beteiligt waren, schräg hinter ihm. Tauschen vielsagende Blicke aus mit Bekannten auf den Zuschauerbänken.

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Im Saal 704 des altehrwürdigen Berliner Landgerichts in Moabit muss der grauhaarige Mann schildern, wie sein morgendlicher Weg zur Arbeit vor der Mündung eines Sturmgewehrs vom Typ Kalaschnikow endete. Wie er Zeuge eines der spektakulärsten Verbrechen in der Kriminalgeschichte der deutschen Hauptstadt wurde. Begangen mutmaßlich von Männern aus dem Milieu der berüchtigten arabischen Familienclans. Einer Szene, die den Rechtsstaat verachtet, Polizei und Justiz immer dreister herausfordert.

Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf“ steht im Bode-Museum in Berlin. Die 100-Kilo-Goldmünze wurde aus dem Berliner Bode-Museum gestolen. Dieser Einbruch wird Clan-Mitgliedern zugerechnet.
Die 100 Kilogramm schwere Goldmünze „Big Maple Leaf“ steht im Bode-Museum in Berlin. Die 100-Kilo-Goldmünze wurde aus dem Berliner Bode-Museum gestolen. Dieser Einbruch wird Clan-Mitgliedern zugerechnet. | Bild: Marcel Mettelsiefen

Jetzt hat der Staat den Clans den Kampf angesagt. Vor wenigen Tagen sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer: „Wir vertreten inzwischen einen Null-Toleranz-Ansatz“. Der CSU-Politiker verwies auf das aktuelle Lagebild des Bundeskriminalamts zur organisierten Kriminalität. Demnach wurden 2018 in Bund und Ländern 45 Ermittlungsverfahren „kriminellen Mitgliedern ethnisch abgeschotteter Subkulturen“ zugeordnet.

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Der Kampf gegen die Macht der Clans findet nicht nur auf den Straßen von Problemvierteln, sondern auch vor Gericht statt. Und er ist selten einfach, dafür oft zermürbend und frustrierend. Am Landgericht Berlin zeigt sich das derzeit fast täglich. Im mit dunklem Holz getäfelten Saal schildert der Zeuge seine finsteren Erlebnisse von Mitte Oktober 2018. Das Verfahren hat eben erst begonnen, es soll bis ins Frühjahr dauern. Eine Prognose über den Ausgang will derzeit niemand wagen, obwohl die Beweislage als vergleichsweise gut gilt.

 

Selber Tag, selbe Uhrzeit, selbes Gerichtsgebäude: Im Saal 817 müssen sich drei Angehörige des fraglichen Clans verantworten. Den Brüdern Ahmed und Wayci R. sowie ihrem Cousin Wissam R., alle Anfang 20, wird vorgeworfen, im Frühjahr 2017 eine der größten Goldmünzen der Welt aus dem berühmten Bode-Museum auf der Museumsinsel gestohlen zu haben. Die 100 Kilo schwere kanadische „Big Maple Leaf“ hatte zur Tatzeit einen Wert von 3,75 Millionen Euro. Die drei Hauptangeklagten sollen die nötigen Informationen von ihrem Kumpel, einem Museums-Wachmann, erhalten haben.

Der angeklagte Ahmed R. sitzt zum Prozessauftakt im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum neben seinen Anwälten.
Der angeklagte Ahmed R. sitzt zum Prozessauftakt im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum neben seinen Anwälten. | Bild: Paul Zinken

Die vier Männer wirken wie die jüngeren Ausgaben der Verdächtigen im Geldtransporter-Prozess. Exakt gestutzte Bärte, Trainingsklamotten, teure Turnschuhe mit dicken Luftpolstersohlen. Der Prozess dauert schon seit Anfang des Jahres, Insider rechnen demnächst mit einem Urteil. Äußerlich regungslos bis demonstrativ gelangweilt verfolgen die jungen Männer den Prozess. An ihre Seite tippen Top-Juristen aus den feineren Anwaltskanzleien der Stadt in ihre Laptops.

Entscheidend für den Ausgang dieses Prozesses könnte das Gutachten eines Wissenschaftlers sein, der Überwachungsvideos von den vermummten Tätern mit modernsten biometrischen Methoden analysiert hat. Und zum Schluss gekommen ist, dass Körpermaße und Bewegungsmuster der Männer auf dem Video mit denen der Angeklagten übereinstimmen. Noch ist nicht klar, ob das Gericht das relativ neue Verfahren für ausreichend beweiskräftig hält. Die Verteidiger lehnen die Methode als „unseriös“ ab.

Der Rapper Bushido (l) posiert mit Arafat Abou-Chaker bei der Premiere des Films „Zeiten ändern Dich“ in Berlin.
Der Rapper Bushido (l) posiert mit Arafat Abou-Chaker bei der Premiere des Films „Zeiten ändern Dich“ in Berlin. | Bild: Jens Kalaene