Es ist einer der schwersten Frühjahrsstürme in der Geschichte von New Jersey. Seit Tagen tobt vor der Küste ein eiskalter Blizzard, der berghohe Wellen über die Barnegat-Untiefen vor Long Beach Island wirft. Man schreibt den 16. April 1854. Es ist Ostersonntag.

Die tückischen Sandbänke vor dem Eiland, das dem Festland von New Jersey zwischen dem heutigen Atlantic City und New York vorgelagert ist, sind bei Seeleuten gefürchtet. Nach einer sechswöchigen Seereise über den Atlantik navigieren hier die Kapitäne ihre Paketschiffe auf den letzten 30 Seemeilen in Richtung New York. Die Fracht der Drei- und Viermaster auf ihrer Passage zwischen Europa und den USA – noch haben sich Dampfschiffe nicht durchgesetzt – besteht Mitte des 19. Jahrhunderts neben Waren fast immer aus Menschen – meist bettelarme Auswanderer aus der Alten Welt, die in der Neuen ihr Glück suchen.

Ein zeitgemäßer Nachbau eines typischen Auswandererschiffs der 1850er-Jahre. Ähnlich sah die Powhattan aus. Bild: dpa
Ein zeitgemäßer Nachbau eines typischen Auswandererschiffs der 1850er-Jahre. Ähnlich sah die Powhattan aus. Bild: dpa | Bild: WDR/Klaus Andrews/dpa

Nicht anders als heute gingen die Armutsflüchtlinge damals mit ihrer Flucht über das Meer ein gewaltiges Risiko ein. Und so ist es auch bei jenen Badenern, Württembergern, Bayern, Pfälzern, Hessen und Franzosen, die am 1. März 1854 an Bord des knapp 40 Meter langen Dreimastschoners „Powhattan“ im französischen Le Havre voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft in See gestochen waren.

Weder der badische Großherzog noch der württembergische König halten ihre unterbemittelten Landeskinder, die die Armut durch Flucht überwinden wollen, zurück. Im Gegenteil: Nicht selten übernehmen die Heimatgemeinden in Baden die Kosten für die Überfahrt ganzer Familien. In Herrischried im Südschwarzwald beteiligt sich die Kirchengemeinde an den Reisekosten.

So sah es in den Auswandererschiffen der Zeit unter Deck aus.
So sah es in den Auswandererschiffen der Zeit unter Deck aus. | Bild: imago stock&people

Wo die Kommune dazu nicht in der Lage ist, springe gerne auch der Staat ein, schreibt der Freiburger Autor Peter Gürth in seinem Buch „Alte Heimat, Neue Welt – Nordamerika-Auswanderer aus Württemberg und Baden“: „In Baden wurde die ,Überlieferung’ nach Amerika durch eine Verordnung des Großherzogs von 1852 ermöglicht und empfohlen“, so der Historiker. Emigration, lässt das badische Innenministerium 1851 wissen, bringe viele Vorteile – vor allem den Daheimgebliebenen. Und international agierende Auswanderungsagenturen verdienen an der Auswanderung prächtig mit.

Nachrichten verbreiten sich zu dieser Zeit nur langsam. Erst um den 10. Mai berichten die ersten deutschen und französischen Blätter von der „Tragödie der Powhattan“, die sich vor der Küste von New Jersey zugetragen hat und bei der am Ende bis zu 365 Männer, Frauen und Kinder ums Leben kamen (die genaue Zahl schwankt zwischen 250 und 365).

Eine Seite der Passagierliste
Ein Teil der Entschädigungsliste für die Hinterbliebenen der Katastrophe | Bild: Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Leichen werden angespült

Am 13. Mai schreibt der „Schwäbische Merkur“ in Stuttgart, was schon am 21. April in der „New York Daily Times“ zu lesen war: „Die Wellen kamen Berg hoch gegen das seit drei Tagen schwer bedrängte sinkende Schiff. Noch ehe der Mast brach, schwemmte eine einzige Welle 100 Personen von Bord weg und schleuderte sie – todt ans Ufer. Es war Abend 7 Uhr, als das Schiff entzweibrach und mit Mann und Maus versank. Bald war das Gestade von Leichen von Männern, Weibern und Kindern gesät, mit Schiffstrümmern, Kisten und Bagagesachen.“

Unter den nachher am Ufer aufgefundenen Leichen, so wird berichtet, „war die eines Mannes, der sein ebenfalls totes Kind in den Armen hielt“. Das Schreiben des badischen Generalkonsuls in New York, das im Generallandesarchiv in Karlsruhe aufbewahrt wird und auf den 21. April 1854 datiert ist, dürfte das großherzogliche Außenministerium deutlich später erreicht haben. Auch erste Namen und Orte, aus denen die Opfer der Schiffshavarie stammen, machen bald die Runde: Sinsheim, Breisach, Forbach, besonders viele aus Gondelsheim bei Bretten und Ettenheim. Listen, die im Generallandesarchiv in Karlsruhe liegen, zählen viele Männer und Frauen auf, die in den Zwanzigern sind. Es sind vor allem junge Menschen, die flüchten – auch das war damals so wie heute.

Was sich an diesem Ostersonntag nur etwa 100 Meter vom Strand von Long Beach Island entfernt – ungefähr dort, wo heute der Badeort Surf City liegt – ereignet hat, ist an Dramatik kaum zu überbieten: Nachdem die am Tag zuvor gestrandete „Powhattan“ den gewaltigen Brechern über Nacht standgehalten hatte, sind Helfer einer Rettungsstation unter Leitung des Wrackmaster Edward Jennings am frühen Sonntagmorgen an den Ort des Geschehens geeilt. Vom Strand müssen sie bei heftigem Schneetreiben mit ansehen, wie Welle um Welle über das Deck des schräg liegenden Schiffes rollen und die an Bord dicht gedrängten Menschen in die eiskalte See werfen. Helfen können sie nicht.

Die Illustration zeigt die Rettungsversuche eines vor der Küste havarierten Schiffs. Zu sehen istdie schottische Brig "Ayrshire", die 1850 vor New Jersey auf eine Sandbank auflief.
Die Illustration zeigt die Rettungsversuche eines vor der Küste havarierten Schiffs. Zu sehen ist die schottische Brig "Ayrshire", die 1850 vor New Jersey auf eine Sandbank auflief. | Bild: Torsten Schöll

Massengräber auf Friedhöfen

Der Schoner liegt in so geringer Entfernung zum Ufer auf einem Riff, dass sich Jennings und der Kapitän der „Powhattan“, James Meyers, verständigen können. Die in Ohio erscheinende „Defiance Democrat“ wird später auf Grundlage eines Berichts Jennings schreiben, dass Meyers den Wrackmaster bat, wenigstens einige der Angespülten zu retten. „Capt. Jennings antwortete“, so ist in der Zeitung zu lesen, „dass alle, die an Land kamen, tot waren, und es nicht sinnvoll erschien, sich um sie zu kümmern, da sie alle ertrunken waren, bevor sie aus dem Wasser gelangten.“ Am frühen Abend des 16. April bricht der Schoner auseinander und spült die letzten noch Lebenden ins Meer.

Die starke Strömung verteilt die Leichen über mehr als 30 Kilometer entlang der Küste. Noch heute finden sich auf den Friedhöfen von Smithville, Absecon und Manahawkin Massengräber der Passagiere der „Powhattan“. In Manahawkin erinnert seit 1904 ein Denkmal an die Opfer. Am Friedhof der Methodisten-Kirche in Smithville weist eine Tafel darauf hin, dass hier „54 deutsche Immigranten“ zu Grabe liegen, die 1854 beim Untergang der Powhattan ums Leben kamen. Der Pastor der Methodisten-Gemeinde, Don McMahon, erzählt, dass die Geschichte des Schiffes heute noch in der Region präsent sei.

Der schwarz-weiß gestrichene Leuchtturm, der heute für Hochzeiten und Veranstaltungen gebucht werden kann, wurde unmittelbar nach der Havarie der „Powhattan“ zum Schutz der Schiffe errichtet und im Januar 1857 in Betrieb genommen. Zwischen 1847 und 1856 sollen sich in der Gegend 64 Schiffsunglücke ereignet haben. Nach der Inbetriebnahme des mit 52 Meter dritthöchsten Leuchtturms der USA soll kein einziges Schiff mehr dort gestrandet sein.

Der Leuchtturm von Absecon wurde nach der Havarie der Powhattan erbaut und existiert bis heute.
Der Leuchtturm von Absecon wurde nach der Havarie der Powhattan erbaut und existiert bis heute. | Bild: Detroit Publishing Company Collection, Photography Collection, Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs, The New York Public Library, Astor, Lenox and Tilden Foundation

Plünderer ergreift die Flucht

Für den vermeintlichen Retter Captain Edward Jennings, der hauptberuflich das Hotel Mansion of Health an der Küste von New Jersey führte, hatte das Unglück ein Nachspiel. Denn bei keiner der auf Jennings Abschnitt angespülten Leichen soll man später Geld gefunden haben. Üblicherweise trugen es die Auswanderer in Gürteln direkt am Körper. Der Verdacht, die Leichen geplündert zu haben, fiel schnell auf Jennings, der die Flucht ergriff. Die Legende, dass in seinem Hotel bald danach die Opfer der „Powhattan“ umgegangen sein sollen, dürfte allerdings einer zeittypischen Vorliebe für Geistergeschichten entsprungen sein.

Eine Entschädigungsliste für die Hinterbliebenen der Katastrophe, die ein Jahr später von der Agentur „Wood Paillette Courteville und Bielefeld“ erstellt wurde und sich im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart befindet, zählt für das Königreich Württemberg 106 Tote auf. Aus dem Großherzogtum Baden stammten unwesentlich weniger.