Die Sicherheitskräfte an den U-Bahneingängen tragen sie, die Touristen mit ihren Rollkoffern ebenfalls, genauso wie die Kleinkinder an den Händen ihrer Mütter: Atemschutzmasken sind spätestens seit Dienstag omnipräsent im Pekinger Stadtbild. Etwa jeder zweite Passant auf der Straße führt einen solchen Schutz im Gesicht. Es ist der sichtbare Beweis für das zunehmende Unwohlsein innerhalb der chinesischen Bevölkerung.

“Unbequem sind die Masken, es zwickt und drückt an den Ohren“, sagt eine Endzwanzigerin im Express-Zug in Richtung Flughafen. Genau wie 400 Millionen weitere Chinesen macht sie sich zum bevorstehenden Neujahrsfest zum Familienbesuch auf. Mit einem mulmigen Gefühl werde sie ins Flugzeug steigen, sagt die Angestellte einer Baufirma, doch ihre Reisepläne aufgeben wollte sie dann doch nicht. Der Coronavirus weckt allerdings dunkle Erinnerungen: “Der Sars-Virus ist auch weit entfernt in Südchina ausgebrochen. Doch am Ende ging es ganz schnell, bis Peking gefährlich wurde“, sagt sie: “Die ganze Stadt war de facto zugesperrt, es gab kein rein und kein raus“.

Reisenden am internationalen Flughafen in Wuhan werden mit Infrarot-Thermometer auf erhöhte Temperaturen überprüft.
Reisenden am internationalen Flughafen in Wuhan werden mit Infrarot-Thermometer auf erhöhte Temperaturen überprüft. | Bild: Emily Wang

Behörden geben sich selbstkritisch

Vor allem sollten die Behörden von ihren Fehlern beim Umgang mit Sars vor mehr als 15 Jahren lernen – denn damals gingen sie intransparent vor und versuchten viel zu lange im Sinne der öffentlichen Stabilität das wahre Ausmaß der Epidemie zu verschleiern. Genau diesem Vorwurf scheinen die Behörden entschieden entgegenzuwirken.

Am Dienstag hatte etwa die Kommission für Politik und Recht der Kommunistischen Partei auf dem sozialen Netzwerk “Weibo“ ihre Kader in den Provinzen zu möglichst viel Transparenz aufgefordert. Wer Infektionen vertusche oder die Interessen des Volkes über das Ansehen von Politikern stellt, gehe “als Sünder in die Geschichte“ ein. Bei Sars habe die mangelnde Informationspolitik “die Glaubwürdigkeit der Regierung geschadet“. Nur durch konsequente Offenlegung von Informationen könne die Virus-Bedrohung eingedämmt werden. Für chinesische Verhältnisse ist dies ein beachtenswertes Zeugnis öffentlicher Selbstkritik. Ebenso beachtenswert ist allerdings auch, dass ebenjener Weibo-Eintrag nur wenige Stunden später vom sozialen Netzwerk gelöscht wurde.

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Dennoch besteht kein Zweifel, dass die Regierung die Bedrohung des Virus – zumindest seit dem Wochenende – sehr ernst nimmt: Präsident Xi Jinping hat höchstpersönlich in einer Rede das Thema zur Chefsache erklärt und gefordert, “die Gesundheit der Bevölkerung an vorderster Stelle zu setzen“.

Während der Sars-Epidemie im Jahr 2003 wurden in China ganze Züge desinfiziert.
Während der Sars-Epidemie im Jahr 2003 wurden in China ganze Züge desinfiziert. | Bild: Han_Yiming

Von der damaligen Panikstimmung während der Sars-Epidemie ist die chinesische Hauptstadt nach bisher 17 bestätigten Todesfällen im Land bislang noch weit entfernt: Die öffentlichen Plätze sind nach wie vor belebt, die Restaurants gut besucht. Es lässt sich allerdings leicht ausmalen, welch fruchtbaren Boden der Coronavirus zur Ausbreitung in der 21-Millionen-Metropole hätte: Riesige Apartmentanlagen, zwischen denen unzählige Essenskuriere auf ihren Electrorollern hin und herrasen, überfüllte U-Bahnen und ein hoher Zuzug von Landarbeitern.

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Bundesregierung: Kein Alarmismus

Die Bundesregierung verfolgt die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in China „aufmerksam“, warnt jedoch vor „Alarmismus“. Das Risiko für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland sei „sehr gering“, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Es gebe keinen Grund, „in Alarmismus zu verfallen“.

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Droht eine zweites Sars-Epidemie?

Die neue Lungenkrankheit in China weckt Erinnerungen an Sars. Die Epidemie war 2002/2003 verheerend. Doch ist ein Vergleich angemessen?

  • Kann der aktuelle Coronavirus sich als so dramatisch herausstellen wie der Sars-Virus 2002/2003? Das lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Zwar gehört der neue Erreger derselben Virusart wie Sars an, er ist nach Untersuchungen des Berliner Virusforschers Christian Drosten aber eine andere Variante. Der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) „neues Coronavirus“ – 2019-nCoV – genannte Erreger scheint sowohl weniger ansteckend als auch weniger gefährlich zu sein.
  • Wie verlief vor 15 Jahren die Sars-Epidemie? Die Sars-Epidemie war die erste weltumspannende Seuche dieses Jahrhunderts. Im Februar 2003 brachte ein infizierter Arzt den Erreger aus der südchinesischen Provinz Guangdong, wo die Krankheit schon über Monate kursierte, in ein Hongkonger Hotel. Von dort breitete sich das Virus wohl über den Erdball aus.
  • Wie verhält es sich mit dem Verlauf der Krankheit? Bei Sars wurden 8000 Infektionen erfasst, von denen 800 tödlich verliefen. Es starb also etwa einer von zehn nachweislich Erkrankten. Bei dem neuen Virus wurden seit Dezember 2019 mehr als 544 Infektionen und 17 Todesfälle nachgewiesen. Da die Krankheit derzeit wohl noch weitestgehend mild verläuft, gibt es bei den Erkrankten möglicherweise eine hohe Dunkelziffer. Experten des Imperial College London etwa schätzen, dass es Ende vergangener Woche bereits mehr als 1700 Infizierte gegeben haben könnte. Möglicherweise ist 2019-nCoV also – abgesehen von einzelnen Todesfällen bei schon zuvor schwer erkrankten Menschen – eine eher harmlose Erkrankung ähnlich einer Erkältung.
  • Kann der Virus denn noch gefährlich werden? Derzeit hängt alles davon ab, wie es mit dem Coronavirus weitergeht. Dabei sollte klar sein: Es muss nicht bei milden Verläufen bleiben. Erreger wie das neue 2019-nCoV und Sars-CoV sind wandelbar und anpassungsfähig – mit Änderungen in ihrem Erbgut könnten sie weitaus ansteckender und gefährlicher werden. (dpa)