Von seiner einstigen Überheblichkeit war bei Tino Brandt nicht viel geblieben, als er kurz vor Weihnachten 2014 vor dem Landgericht Gera auftreten musste: Der Mann, der in den 1990er Jahren das Gesicht des Thüringer Rechtsextremismus war, versteckte seine Augen, seine Nase, seinen Mund damals hinter einem schwarzen Schnellhefter, als er wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zur Anklagebank geführt wurde. Seine Hände waren mit Handschellen gefesselt. Nur an den Seiten der Mappe blitzte seine runde Brille ab und zu hervor; eine von jener Art, die er schon trug, als er noch eine Größe der Neonazi-Szene war.

Mehr als 150 Straftaten zwischen 2011 und 2014 - Missbrauch von Jugendlichen und mindestens eines Kindes und die Vermittlung junger Menschen an Freier - legte die Anklage ihm zur Last. Der prominente Neonazi und einstige V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes wurde zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. „Dass Neonazis auf ihren Demonstrationen gerne ’Todesstrafe für Kinderschänder’ skandieren und versuchen, den Anschein eines Engagements für Kinder zu erwecken, wurde schon in vielen Fällen ad absurdum geführt“, sagt die Thüringer Linke-Landtagsabgeordnete Katharina König.

Jetzt, da im Fall der ermordeten Peggy DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden worden sind, stellt sich die Frage nach möglichen Verbindungen von Rechtsextremismus und Missbrauchsstraftaten erneut.

In den 1990er Jahren hatte der 1975 geborene Brandt den „Thüringer Heimatschutz“ aufgebaut und geführt - jenes Netzwerk von Neonazis, in dem sich auch das NSU-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bewegten. Gleichzeitig spitzelte Brandt als V-Mann für den Thüringer Verfassungsschutz die eigenen Kameraden aus. Er erhielt dafür etwa 200 000 DM (rund 100 000 Euro) als Staatshonorar.

Zschäpe sagte über Brandt, dieser sei zu Zeiten der Jenaer Kameradschaft „der Mittelpunkt aller Aktionen“ gewesen.

Neben Brandt gebe es mindestens drei weitere Thüringer Neonazi-Kader, die im Verdacht gestanden hätten, Kinder missbraucht oder getötet zu haben, sagt die Linke-Politikerin König. Brandt ist allerdings der einzige von ihnen, der jemals deswegen verurteilt wurde.

Überhaupt ist die Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs die erste von Brandt überhaupt, obwohl er in den 1990er Jahren immer wieder Straftaten begangen haben soll. Dass der Thüringer Verfassungsschutz damals seine Hand über ihn hielt und ihn vor Strafverfolgung schützte, hat die NSU-Aufklärung inzwischen gezeigt.

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