Das HI-Virus – als Erreger der Krankheit Aids – hatte das Pech, dass es schnell den Sprung in die entwickelten Industrieländer fand. Seit dem ersten Auftreten in den 1980er-Jahren haben sich Heerscharen an Forschern darum bemüht, die Krankheit zu verstehen und zu bekämpfen.

Inzwischen gilt Aids als beherrschbar. Eine Heilung gibt es trotzdem nicht, durch Medikamente kann die Krankheit im infizierten Körper allerdings verlässlich in Schach gehalten werden. Das Interesse flacht ab. Zu unrecht, denn natürlich besteht nach wie vor die Ansteckungsgefahr durch ungeschützten Geschlechtsverkehr oder Spritzentausch bei Drogenkonsum.

Dieses Virus steht weniger im Zentrum

Diese Gefahr besteht auch bei Infektionen mit Viren des Kürzels HTLV-1. Doch das Forscherinteresse kam anfangs gar nicht erst auf. HTLV-1 steht für das humane T-lymphotrope Virus 1. Noch bevor Forscher um Robert Gallo in den 1980er-Jahren das HI-Virus entdeckten, fanden sie HTLV-1. Aufgrund der Ähnlichkeiten wurde HIV sogar kurzzeitig HTLV-3 genannt.

Beide Virenarten sind sogenannte Retroviren: „Sie schleusen ihren Molekülbaukasten und ihre Erbsubstanz in die Zelle“, erklärt Corey Taylor von der Universität Marburg. Dort muss die Erbsubstanz zunächst in menschliche DNA umgeschrieben werden. Dann übernimmt das Virus das Kommando in den zum Immunsystem gehörenden T-Zellen. Das Ziel: Die Produktion weiterer Viren.

Corey Taylor forscht am HTL-Virus, das auf dem Computer-Bildschirm hinter ihm zu sehen ist.
Corey Taylor forscht am HTL-Virus, das auf dem Computer-Bildschirm hinter ihm zu sehen ist. | Bild: Martin Schäfer

Virus kann Leukämie verursachen

HTLV gehört eher noch zu den in Industriestaaten seltenen und unbekannten Infektionen. Weltweit sind dennoch rund 20 Millionen Menschen infiziert. Doch das könnte maßlos unterschätzt sein, meint Taylor. Die Zahlen sind Jahrzehnte alt. Jetzt hat eine Task Force von Wissenschaftlern die Arbeit aufgenommen und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem offenen Brief aufgefordert, mehr gegen HTLV zu tun – unterstützt von Robert Gallo, dem Entdecker von HIV und HTLV.

Fünf Prozent der Infizierten entwickeln im höheren Alter eine Leukämie. Bricht die Krankheit aus, sind die Überlebenschancen gering. „Die Menschen sterben innerhalb eines Jahres“, sagt Taylor. Die Therapie ist schwierig. Die Nebenwirkungen groß. Doch das Virus kann aber auch zu schweren Nervenkrankheiten führen, die sich ähnlich wie Multiple Sklerose äußern. Forscher schätzen, dass HTLV vor einigen 10.000 Jahren von Primaten auf den Menschen überging.

Es wurde insgesamt wenig zu HTLV geforscht, meint Taylor. „Jeder, der an Retroviren forschte, konzentrierte sich auf HIV“, sagt der Pariser Epidemiologe Antoine Gessain. Die Krankheit kommt eher in entlegenen Regionen und dazu noch in den wenig entwickelten Ländern der Südhalbkugel vor. In Afrika, Brasilien, rund 50 Prozent mancher indigener Bevölkerungsgruppen von Australien ist infiziert. Dass das Virus auch in Japan vorkommt, stellt die Wissenschaftler vor ein Rätsel. „In Rumänien gibt es einige Fälle. Doch HTLV ist keine Krankheit, über die man in Deutschland besorgt sein sollte“, erklärt der Forscher. Hierzulande gibt es im Jahr nur ein oder zwei Fälle. „Doch die Krankheit kann sich weiter ausbreiten und kommen“, gibt der 39-jährige Wissenschaftler zu bedenken.

Aids-Forschung könnte helfen

Um medikamentöse Strategien gegen HTLV genauer zu erforschen, arbeitet und promoviert der Australier gerade im Institut für Pharmazeutische Chemie der Uni Marburg. Die Forschergruppe modelliert die pharmakologischen Prozesse zwischen Viruspartikel und Medikamenten am Computer. „Wenn das Virus sich in der Zelle vervielfältigt, schneiden die Proteasen den Virennachwuchs frei“, erklärt Taylor.

Dann können die „Baby“-Viren ausschwärmen und andere Zellen infizieren. Bei der Therapie gegen HIV unterdrücken kleine Moleküle, sogenannte Protease-Hemmer, dieses Freischneiden. Der Vorteil: Fortpflanzung der Viren und Virenlast im Blut sind reduziert. Der Nachteil: Die Zelle stirbt. Der Preis ist also hoch. Da die Protease-Enzyme von HI-Virus und HTLV zu 35 Prozent übereinstimmen, untersucht Tayler, ob und wie ein Aids-Medikament auch gegen HTLV funktionieren könnte.

Da die menschliche T-Zelle nach Virenbefall und trotz Therapie abstirbt, empfiehlt Wibke Diederich vom Institut für Pharmazeutische Chemie deutlich früher die Virenattacke zu stören. „Ganz am Anfang kommt das Protein ‚tax‘ ins Spiel, das die natürliche Abwehr der menschlichen Zelle ausschaltet“, sagt Taylor. Dieses ‚tax‘ wäre ein lohnendes Target für die Therapie. Einmal ausgeschaltet, übernimmt die zelleigene Müllabfuhr die Aufgabe, die Virenreste rauszukehren. Das Fernziel: HTLV durch Medikamente und Gesundheitsschutz komplett von diesem Planeten zu entfernen.

Das könnte Sie auch interessieren

Was macht die Suche nach einer Impfung gegen HIV?

Mit dem HI-Virus, der Bruder des HTL-Virus, sind weltweit über 30 Millionen Menschen infiziert. Es löst unbehandelt das lebensbedrohliche Aids aus, das das Immunsystem der Betroffenen zerstört. Daran sterben jährlich über eine Million Menschen. Seit Langem wird an einem Impfstoff gegen die verbreitete Krankheit gesucht. Das ist der aktuellste Stand.

  • Erfolge an Affen: Zuletzt haben amerikanische Forscher im Juli von Erfolgen berichtet. Sie hatten Affen im Labor einen möglichen Impfstoff gegen das HI-Virus injiziiert. Immerhin zwei Drittel der 72 untersuchten Tiere waren danach völlig resistent gegen eine Infektion mit einer tierischen Variante der Krankheit. Diese Erkenntnisse und Erfolge lassen sich jedoch nicht einfach auf den Menschen übertragen.
  • Reaktion auch bei Menschen: Die Forschergruppe untersuchte auch die Wirkung auf Menschen. Knapp 400 gesunde Menschen aus Afrika, Thailand und den USA waren Teil der Studie und zeigten starke Reaktionen des Immunsystems auf das Mittel – was ein gutes Zeichen für die Wirksamkeit ist. Positiv waren auch eher geringe Nebenwirkungen bei den Teilnehmer der Studie.
  • Die nächste Phase: Jetzt soll die klinische Untersuchung des Stoffes auf 2.600 HIV-gefährdete Frauen in Südafrika ausgeweitet werden. Das könnte weitere Erkenntnisse darüber bringen, ob es tatsächlich Menschen effektiv gegen HIV schützen kann. Belastbare Ergebnisse dieses Studienabschnitts werden allerdings frühstens im Jahr 2021 vorliegen.
  • Das Problem: Schon in der Vergangenheit hatten einige wenige Studien den Sprung in die sogenannte dritte Phase, also den Test an einer größeren Gruppe Menschen, gemeistert. Zur Marktreife hat es bisher aber keiner der Stoffe geschafft. Der bisher größte Erfolg ist ein Impfstoff, der knapp ein Drittel der Patienten tatsächlich langfristig vor der Infektion schützen konnte – zu wenig.
  • Warum es so schwer ist: Die Schwierigkeiten kommen daher, dass das HI-Virus sehr komplex und anpassungsfähig ist, es verändert sich ständig. Zudem gibt es auf der Welt verschiedene Stämme des Virus, die sich untereinander unterscheiden – einen allgemein passenden Impfstoff zu finden, ist deswegen trotz mittlerweile 30-jähriger Forschung daran schwer. (dod)