Frau Kinseher, Sie haben jetzt die einmalige Gelegenheit, uns zu erklären,
warum Bayern das beste Bundesland der Welt ist.

Bayern hat riesiges Glück: Es ist ein Bundesland in der Bundesrepublik Deutschland und liegt in der Mitte eines zumindest weitgehend friedlichen Europas. Der Bayer neigt allerdings zur Selbstdarstellung. Nach außen sieht es immer so aus, als seien wir die Besten – wir können das halt einfach! Denken Sie an den bayerischen Barock, Bayerns prächtige Barockkirchen! An denen sieht man, wie perfekt wir das Prinzip der Selbstdarstellung beherrschen: Eine Scheinarchitektur wird da gemalt, damit alles ein bisschen größer und höher erscheint. Der wunderschöne Marmor erweist sich als Holz, wenn man darauf klopft. Und das Gold, das so schön glänzt, ist noch lange kein Gold. Anders gesagt: Natürlich gibt es in Bayern dieselben sozialen Missstände und Probleme wie in anderen Bundesländern auch. Wir stellen es nur anders dar.

Ihr ehemaliger Ministerpräsident Seehofer will mit seinem Heimatministerium durchsetzen, dass es in ganz Deutschland so schön wird wie in Bayern. . . bitte sagen Sie uns, dass das gut ist. . !

Ich kann nur in die weite Welt hinausrufen: Macht euch nicht zu viele Hoffnungen. Die Idee des Heimatministeriums ist es ja, gleiche Lebensbedingungen im ganzen Land herzustellen. Das wäre gerade für Bayern sehr wichtig, damit sich das Leben und Arbeiten nicht nur auf Ballungsräume konzentriert, sondern auch der weite ländliche Raum bei Infrastrukturmaßnahmen berücksichtigt wird. Dass auch dort Schulen gebaut werden, dass es auch dort Universitäten gibt. Denn auch in Bayern gibt es Regionen wie etwa in der Oberpfalz oder in Niederbayern, wo es auch keine Ärzte mehr gibt, wo jeder froh ist, wenn es noch eine Bushaltestelle gibt, wo ein Funkloch ins nächste übergeht.

Wir Baden-Württemberger sind ja geografisch ganz nah dran an Bayern – trotzdem erschrecken wir uns manchmal über die Kraftmeiereien und Machtkämpfe in Bayern. Funktioniert Politik in Bayern anders als im Rest des Landes?

Bayern hat die CSU – die gibt es nicht in Baden-Württemberg, deshalb habt Ihr mehr Ruhe. Aber wenn die CSU tatsächlich mal die absolute Mehrheit verliert – und es schaut ganz danach aus –, wird die Partei auch ihre bundespolitische Bedeutung einbüßen. Eine Koalition mit anderen Parteien in Bayern wird das Selbstverständnis der CSU extrem beeinträchtigen. Deshalb ist im Moment in der CSU der Selbsterhaltungstrieb extrem stark ausgeprägt. Der zeigt sich einerseits in einer Rauflust sondersgleichen, andererseits aber auch wieder in einer starken Parteiendisziplin. Zwischen Horst Seehofer, Markus Söder und unserem Innenminister Joachim Herrmann sind die Gräben so tief, die Verletzungen so schwer – trotzdem gilt es für alle, den Deckel mit aller Gewalt auf dem brodelnden Topf zu halten.

Ein bisschen neidisch sind wir aber schon auch. Dieses Wirgefühl, das der Bayer mit jeder Pore seines Körpers ausatmet, das fehlt uns. Wie schaffen Sie das?

Auch in Bayern gibt es einen Graben zwischen den Altbayern und den Franken. Es gibt sogar große Mentalitätsunterschiede, auch wenn nach außen hin der Eindruck erweckt wird, wir wären eine einheitliche Nation, in der alle Lederhosen tragen und dann „san mir mir“ und dann passt kein Blatt zwischen uns. Ich glaube, wenn man den Bayern das Bier nehmen würde, würde es sofort anders ausschauen. Dann wären die sofort alle völlig zerstritten.

Sie haben einmal gesagt: Jeder Ort hat die Politiker, die er verdient. Die Bayern haben jetzt den Markus Söder. . .

Ja, aber der ist von der bayerischen Bevölkerung noch nicht gewählt. Der hat keine Legitimation und ich sage immer: Aufpassen, was bei der Landtagswahl noch passiert.

Was könnte denn da passieren?

Das hängt ein bisschen davon ab, wie sich die politische Stimmung entwickelt. Aber Markus Söder ist keineswegs eine sichere Nummer und die CSU ist gnadenlos. Momentan herrscht Waffenstillstand, aber wenn Markus Söder die Erwartungen nicht erfüllt, muss er sich hüten. Er ist ja auch der erste Kandidat, der tiefstapelt: „Das muss jetzt nicht unbedingt sein mit der absoluten Mehrheit.“ Aber wenn sich das Wahlergebnis nicht als Erfolg für ihn darstellen lässt, wird er sich nicht halten können, da stehen dann die anderen wieder an.

Was trauen Sie ihm denn zu als Ministerpräsident? Als Minister hatte er keine Angst vor Krawall, inzwischen hat er sich zum Staatsmann gewandelt.

Ja, das ist genau sein Problem, dass er vom „Spalter“ zum „Vereiner“ werden muss. Das gelingt ihm, weil er eine sehr hohe Medienkompetenz hat und wirklich mit allen Wassern gewaschen ist. Rein handwerklich kann man ihm da überhaupt nichts vorwerfen: Es gibt mittlerweile von ihm fast nur noch Bilder mit Trachtenmode, Gamsbart und Maßkrug in der Hand. Trotzdem bleibt ein Beigeschmack, man nimmt es ihm halt nicht ab. Er ist in vielen Teilen nicht glaubhaft, vieles von dem was er sagt, nehmen Sie das Beispiel mit den Kreuzen in den bayerischen Amtsstuben, ist als reines Machtkalkül durchschaubar, aber auch das ist ihm bewusst – dann wägt er eben ab zwischen Schaden und Nutzen.

Warum wollen die Bayern eigentlich nichts anderes wählen als die CSU?

Also im Moment bin ich eher froh, wenn die Wähler nicht die AfD ausprobieren. Die Gefahr kommt ja von rechts. Aber Bayern ist nicht nur CSU. Hier sind auch die „Freien Wähler“ sehr stark vertreten und in den großen Städten die SPD. Wir haben in Nürnberg und München sehr liberale, wahnsinnig beliebte und unschlagbare SPD-Oberbürgermeister. Der Bayer hat eben gerne so ein bisschen ein Gleichgewicht. Selbst die Grünen werden stärker, denn die Bayern sind naturbewusst. Und dann gibt es da noch diesen bayerischen Anarchismus, der kommt vom bäuerlichen Freigeist, dem landwirtschaftlich geprägten Bayern mit seinen Großbauern, die in ihrem Gäu das Sagen haben. Wenn die mal was anderes wollen, dann machen sie es anders.

Neigen wir beim Blick auf Bayern zur Romantisierung? Immerhin ist das Bundesland DIE wirtschaftliche Kraft in Deutschland.

Da solltet Ihr in Baden-Württemberg nicht tiefstapeln. Die südlichen Bundesländer sind die gesegneten Gegenden und im „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ seid ja Ihr noch um einiges besser als wir. Wenn man Stuttgart 21 ausnimmt, läuft es doch ganz gut bei Euch. Dieses Romantisieren von Bayern war vielleicht auch aus der Not geboren, wenn man überlegt, wie arm dieses Bayern war. Diese ländlichen Regionen, dieses Bäuerliche. Und dann hat man gemerkt, dass es die Sommerfrischler hinauszieht zum Starnberger See und zum Kochelsee. Und die Künstler, Maler und Volkskundler kommen und interessieren sich für einen. Die geschäftstüchtigen Bayern haben also einfach begonnen, das eigene Land sehr schlau zu vermarkten. Das ist bis heute lebendig. Die Bayern tragen es in die Welt hinaus, dass sie die schönsten Landschaften haben, das beste Alpenpanorama, die tollsten Seen. Und dann ist da noch das Oktoberfest mit seiner Bierseligkeit und der viel gerühmten Gemütlichkeit und den feschen Madln und den schneidigen Burschen. Das ist das Bild, was wir in die ganze Welt senden und das hängen bleibt. Dann gewinnt auch noch der FC Bayern und alle sagen „Prost“. Aber das ist eben nur ein Bild. Die Wahrheit erscheint einem, wenn man in den bayerischen Wald fährt, in die Oberpfalz, nach Hof an die Grenze zu Tschechien – dort schaut alles ganz anders aus.

Etwas müssen Sie uns noch verraten – so von Frau zu Frau: Gibt es einen bayerischen Feminismus? Immerhin hat Seehofer sein Ministerium fast ausschließlich mit männlichen Führungskräften besetzt. . .

Die bayerischen Frauen sind sehr stark und selbstbewusst, sie sind keine „Hascherln“. Man darf die Bayern nicht mit der CSU verwechseln, bitte. Das System CSU ist auf Männerseilschaften und Machtstrukturen ausgerichtet und da haben es die Frauen tatsächlich schwer. Die Frauen, die dort ein bisschen was in einer gehobenen Position machen dürfen, das müssen Frauen sein, die nicht anecken und irgendwie nett ausschauen. Dorothee Bär ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Gleichzeitig weiß die CSU, dass sie Frauen an die Front stellen muss, damit ihr nicht wertvolle Wählerstimmen verloren gehen. In der Wirtschaft ist das ja nicht anders. Ich bin ein großer Freund und eine Verfechterin der Frauenquote, weil ich glaube, dass sich sonst nie etwas ändert.

Fragen: Margit Hufnagel