Dass James Bond ins Berner Oberland kam und der Schweizer Tourismus bis heute von ihm profitiert, ist im Grunde dem aufmerksamen Portier eines Grindelwalder Hotels zu verdanken. Dort stieg im Februar 1968 der schon ziemlich verzweifelte Filmmotiv-Sucher Hubert Fröhlich ab. Seit Wochen durchstreifte er im Auftrag der Londoner Produzenten die Alpen auf der Suche nach dem Haupt-Drehort des nächsten Bond-Films „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“.

Ein Gebäude auf einem solitär aufragenden Alpengipfel musste es sein, zwingend mit Seilbahn. In diesem abgeschiedenen Alpenlabor wird, so die Filmstory, Universalverbrecher Ernst Stavro Blofeld mit Viren experimentieren, mittels derer sich alles Leben auf Erden – Mensch, Tier, Pflanze – vernichten lässt. Der Motivsucher war schon in Cortina d’Ampezzo, in Innsbruck, am Arlberg, in St. Moritz und Chamonix. Nirgendwo ein Gipfelplatz für Blofeld.

Ein schöner Platz für Bösewicht Blofeld

Die Herren in London drängten, die Welt wartete dringend auf den nächsten Agenten-Thrill. In dieser heiklen Lage riet Herr Egger, besagter Portier, Fröhlich solle sich doch mal in Mürren umschauen. Dort sei eine ziemlich spektakuläre Seilbahn gebaut worden, Ziel solle ein Drehrestaurant auf einem solitär ragenden Gipfel, dem Schilthorn, sein. Von Grindelwald nach Mürren ist es nur ein Katzensprung. Fröhlich sah das Schilthorn und war begeistert. Das war sie, die perfekte Action-Kulisse.

Er stürmt das Schilthorn: Der Einsatz war der erste und zugleich der letzte von Darsteller George Lazenby als Bond. Bild: Imago
Er stürmt das Schilthorn: Der Einsatz war der erste und zugleich der letzte von Darsteller George Lazenby als Bond. Bild: Imago | Bild: The Legacy Collection

Vor 50 Jahren, im Oktober 1968, begannen die aufwendigen siebenmonatigen Dreharbeiten zu „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ auf dem 2970 Meter hohen Schilthorn-Gipfel, in Mürren und Lauterbrunnen. Bis heute ist der berühmteste Geheimagent der Welt in der beeindruckenden Bergwelt der Jungfrau-Region als Werbeträger präsent. Man bekommt den Eindruck: präsenter denn je. Nein, dieser Eindruck täusche nicht, bestätigt Michelle Wyss von der Schilthornbahn AG. Vor ein paar Jahren habe man gedacht, dass es nun mal gut sei mit Bond. Ein alter Hut. Doch dann bekam die Aktiengesellschaft einen neuen Chef, und der war sich da nicht so sicher. Er gab Umfragen in Auftrag, und siehe da: Der Bezug zu 007 ist vielen potenziellen Gästen nach wie vor bewusst und wichtig.

Viele Gäste aus China und den USA

Das Schilthorn setzt aufs internationale Publikum – viele Besucher kommen aus China, den USA, Großbritannien, Japan -, und international ist Bond nach wie vor oder mehr denn je ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt. Man registriere bei jedem neuen Bond-Film gesteigertes Interesse, erzählt Michelle Wyss. Es geht auf dem Schilthorn also nicht alleine um das etwas angestaubte Abenteuer aus den Endsechzigern, in dem George Lazenby zum ersten und gleichzeitig letzten Mal den Agenten gab, es geht um Bond im allgemeinen. Der „Piz Gloria“, das Schilthorn, gehört zum Bond-Glamour, solange die Berge stehen auf ihrem Grund, Punktum. Entsprechend wurde in der Gipfelstation nicht abgerüstet, sondern seit 2013 agentenmäßig tüchtig aufgerüstet.

Natürlich kann man aufs Schilthorn wandern, vom Grund des Lauterbrunnentals aus sind das stramme 2000 Höhenmeter. Darum nehmen die meisten doch die Seilbahn, die zwar nicht billig ist, dafür aber spektakulär. Das gilt vor allem für den ersten Abschnitt von Stechelberg nach Gimmelwald, wenn die Kabine steil und dicht an jenen senkrechten Felswänden hochzieht, die adrenalingetränkte Basejumper aus aller Welt – in entgegengesetzter Richtung unterwegs – jauchzen lassen. Nächste Station ist Mürren, autofrei auf einer Felsterrasse liegend und mit imposantem Ausblick auf das Jungfrau-Massiv. Hier war damals, 1968/69, das 150-köpfige (!) Bond-Drehteam untergebracht.

Party im Alpendorf

Es muss zuweilen hoch hergegangen sein. Die Produzenten Broccoli und Saltzman gewährten üppig Spesen, und schlagartig änderte sich das gastronomische Angebot. Nebst Rösti gab es Hummer und Langusten, Guinness, Jack Daniels, erlesene Rotweine. Auch ansonsten halfen sich Briten und Schweizer durch die dunklen, kalten Winternächte. „Dieses und jenes ist dort gegangen“, erinnert sich verschmitzt ein Zeitzeuge. Kurz: Auch auf die Mürrener Geburtenrate haben sich die Bond-Aktivitäten positiv ausgewirkt. Gerüchteweise zeigte sich Hauptdarsteller Lazenby besonders feierfreudig.

Einmal Bond sein: Ein Besucher aus Fernost misst sich auf der Schilthorn-Terrasse mit dem Papp-007. Bild: Wissler
Einmal Bond sein: Ein Besucher aus Fernost misst sich auf der Schilthorn-Terrasse mit dem Papp-007. Bild: Wissler | Bild: Wissler, Wolfgang

Zurück zur Seilbahn, hoch aufs Schilthorn – hinein in die Bond-Kulisse. An der Aussichtsterrasse prangt groß das bekannte 007-Logo. Die Terrasse war ursprünglich ein Helikopter-Landeplatz, extra gebaut auf Betreiben der Bond-Produzenten. Erstens, weil sie für die Dreharbeiten in fast 3000 Meter Höhe Luftunterstützung brauchten, zweitens, weil so die Gipfelstation optisch mehr Volumen bekam. Immerhin musste dem Kinopublikum glaubhaft gemacht werden, dass in eisiger Höhe neben Blofeld etliche seiner Schergen und Opfer leben.

Das Drehrestaurant war 1968 noch nicht fertig, sodass die Filmausstatter ihre Wünsche einbringen konnten – und die Produzenten bezahlen mussten. Im Gegenzug schaffte die Seilbahn-Gesellschaft Unmengen an Material auf den Gipfel und löste mit dem unschlagbaren Improvisationstalent der Schweizer Bergbewohner alle Probleme. Es war wohl die klassische Win-Win-Situation. 2016 wurde die Gipfelstation umgebaut. Seitdem ist nicht bloß der Shop größer, in dem selbstverständlich viele 007-Fanartikel angeboten werden.

Vor allem kommt die im Kellergeschoss installierte „Bond World“ bestens zur Geltung, eine mit Sorgfalt und Humor arrangierte interaktive Ausstellung über die Entstehung von „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“. Der Besucher kann ein bisschen Bond sein, den Helikopter steuern oder in der Bobbahn Blofeld jagen. Übrigens sollte man sich hier den Toilettengang keinesfalls verkneifen: Das 007-WC ist sicher eines der witzigsten im Alpenraum. Und nicht erschrecken beim Händewaschen…

In 45 Minuten dreht sich das Restaurant auf dem Schilthorn einmal im Kreis. Beim entspannten Mittagessen sieht der Besucher auf Gipfel, Gletscher, Schluchten. Braucht es hier James Bond? Eigentlich nicht. Aber er war nun mal hier, und er hat seine Sache gut gemacht. Oder wie es Michelle Wyss in nüchternem Schweizer Geschäftssinn formuliert: „Ein tolles Plus halt.“