Endlos flirrt die Transamazonica in der Hitze des Mittags. Die Fahrt mit dem Kleinbus holpert. Immer wieder werden die vielen Laster und die wenigen Autos angehalten, weil die größte Straße Brasiliens einseitig kaputt ist. Soldaten leiten um, klemmen eine Spur ab. Die Menschen steigen aus. Ganze Familien flüchten in den Schatten. Roter Staub steigt auf, befeuert noch von den heißen Abgasen der Lastwagen, die auch im Stand weiterheizen, um die Klimaanlage am Laufen zu halten.

Der Amazonas ist das wasserreichste Gebiet der Welt. Im Hinterland der Nebenflüsse suchen Unternehmer und Glücksritter nach dem begehrtesten aller Metalle – Gold. Bilder: Uli Fricker
Der Amazonas ist das wasserreichste Gebiet der Welt. Im Hinterland der Nebenflüsse suchen Unternehmer und Glücksritter nach dem begehrtesten aller Metalle – Gold. | Bild: Fricker, Ulrich

Irgendwann endet die verrückteste Straße Lateinamerikas. Der Ort, wo sie aufhört, heißt Creporizao. Das ist keine Stadt und kein Dorf, sondern eine Ansammlung von Holzverschlägen mit angeberisch hohen Fassaden. Creporizao wirkt wie eine ausrangierte Westernstadt in der Endlosigkeit von Amazonien. Ein cleverer Zweitverwerter hat das Budendorf in Hollywood ab- und im Bundesstaat Para wieder aufgebaut hat, könnte man meinen.

Hungrige Hunde, hungrige Menschen

Ruppig stoppt der Bus. Man steigt aus und tritt auf einen der vielen Hunde, die nach Futter suchen. Alle Hunde im Dorf sind mager. Mit glühenden Augen schleichen sie um die Hütten und wühlen im Boden nach Essbarem. Sie haben Hunger und schauen argwöhnisch und verschlagen. Sie fürchten die Fußtritte von Menschen, die alles Mögliche im Kopf haben, nur nicht Tierliebe.

Auf diese Lade wird der Schlamm geleitet. Das Gold bleibt am Boden hängen.
Auf diese Lade wird der Schlamm geleitet. Das Gold bleibt am Boden hängen. | Bild: Fricker, Ulrich

Hunger haben auch die Menschen, die das Schicksal in diese organisierte Trostlosigkeit geworfen hat. Sie gieren nach dem wertvollsten und wohl schönsten Metall, das die Welt kennt: nach Gold. Dutzende von Goldgräbern schlagen in diesem Ort ihr provisorisches Hauptquartier auf. Alles dreht sich hier um Ouro, wie das Edelmetall auf Portugiesisch heißt. Wer nicht nach Gold sucht, der wiegt das Gold. Zehn Aufkäufer haben hier ein Kontor eröffnet. Wichtig sind auch die Ausrüster. In improvisierten Hallen verkaufen sie das technische Rüstzeug, das die Goldsucher benötigen, bevor sie auch nur eine Handbreit an Sand umgraben.

Alle wollen ein besseres Leben

Die modernen Glücksritter brauchen einen Lastwagen voll mit Ausrüstung, um auch nur ein Gramm Gold aus den Sandhügeln des Flusses Crepori zu holen. Starke Pumpen, Dieselaggregat, Waschrinnen, Quecksilber, schwimmende Plattformen. Wer in diesem lausigen Dorf ein reicher Mann werden will, braucht Kapital. Meist sind es Weiße, die sich in einer der Bruchbuden ein Zimmer nehmen, Maschinen kaufen und Leute anheuern. Sie alle treibt die Sehnsucht nach dem besseren Leben an. Und alle wollen etwas vom Gold haben. Auch die Prostituierten, die abends vor den Cabarets und Billardsälen spazieren und ihre Kundschaft mit katzenlangen Fingernägeln in einen schummrigen Verschlag locken.

Unten: Schmutzig, staubig, heiß: die Straße Transamazonica.
Unten: Schmutzig, staubig, heiß: die Straße Transamazonica. | Bild: Fricker, Ulrich

Ein reicher Mann in der Bretterstadt

Diese pubertäre Phase hat José dalla Costa längst hinter sich. Der 65-Jährige gehört hier schon zum Establishment. Seit 32 Jahren ist er im Geschäft, er hat dem Boden schon manche Unze des attraktiven Metalls entrissen. Über sein Vermögen schweigt er lieber. Doch wird deutlich, dass er ein reicher Mann ist, der in der Bretterstadt respektiert wird.

Links: Hier können die Goldsucher ihr Material abgeben. Dafür erhalten sie Bares.
Links: Hier können die Goldsucher ihr Material abgeben. Dafür erhalten sie Bares. | Bild: Fricker, Ulrich

Menschen wie José halten das brüchige Creporizao zusammen. „Alle leben vom Gold“, sagt er. Das schweißt zusammen, meint er, und: So schlecht ist es hier nicht. Etwa 200 Patrone seines Schlages beginnen hier ihre Beutezüge. Sie erwerben vom brasilianischen Staat eine Lizenz zum Schürfen und fahren mit Lastkähnen den Fluss hinaus. Am Flussrand schütteln sie die Erde so lange, bis sie das Gold haben. Sie suchen die Stecknadel und finden sie.

Die Häuptlinge spielen mit

Manche im Dorf halten José für einen Gauner, andere für einen ehrenwerten Unternehmer. Die Wahrheit in diesem stinkenden Eldorado liegt irgendwo dazwischen. Gut und Böse sind hier nicht klar getrennt. Ein Beispiel: Das zu erkundende Land liegt häufig im Gebiet der Indigenen. Um dort zu schürfen, benötigen die Goldsucher deren Zustimmung. Für die Zusage erhält der Häuptling zehn Prozent des Gewinns. Das Problem ist also, dass er überhaupt einwilligt. Und dass der Häuptling das Geld für sich behält und nicht an den Stamm weitergibt. So werden die Eingeborenen korrumpiert. Sie stehen als „edle Wilde“ nicht außerhalb des Systems, sondern sind Teil davon.

Bild: Fricker, Ulrich

José ist seiner Sache sicher. Er arbeitet legal und nimmt deshalb gnädig eine Handvoll Journalisten ein. Sie fahren mit ihm den Crepori hoch. Den Cowboyhut zieht er tief ins Gesicht. Es ist ein schlaues und verschlagenes Gesicht, das sich auch mal verhärten kann, wenn es nicht so läuft, wie er will. Mit seiner breiten Nase und dem alten Hut würde er in jeden Italo-Western passen. Sieben Kilogramm Gold hat er in seiner Karriere als Garimpeiro aus dem Boden geholt, erzählt er, während das Boot Fahrt aufnimmt. Er erzählt von allem Möglichen, auch davon: Seine Kinder sollen einmal andere Berufe ausüben, sagt er. Auf seine italienischen Vorfahren ist er stolz.

Kleines staubiges Reich

Das Boot schiebt mühsam den braunen Fluss hinauf, der 60-PS-Außenborder hustet mühsam. José dalla Costa weist auf riesige Förderanlagen rechts und links des Flusses hin. Sie gehören seinen Kollegen, die sich hier ein kleines staubiges Reich eingerichtet haben. Es besteht aus Rohren, Pumpen, Dieselmotoren und einer Behausung für die Arbeiter. José winkt ab. Es gibt Gold für alle, Schätze im geschätzten Wert von 70 Milliarden Dollar liegen unter der Erde. Man muss es nur herausholen.

Verschlammt in der Grube

Das Boot legt an. José geht voraus und klettert eine Böschung hoch. Dahinter entfaltet sich ein Schauspiel, das an die frühen Zeiten des Kapitalismus in England erinnert: Ganze Landstriche werden umgewälzt und gefiltert, um an kleine Körner des Goldes zu gelangen.

Er hat den härtesten Job: Eine Pumpe saugt das verflüssigte Erdreich auf und leitet es auf die Lade. Dieser Arbeiter bedient die Pumpe. Seine Tätigkeit ist extrem gefährlich.
Er hat den härtesten Job: Eine Pumpe saugt das verflüssigte Erdreich auf und leitet es auf die Lade. Dieser Arbeiter bedient die Pumpe. Seine Tätigkeit ist extrem gefährlich. | Bild: Fricker, Ulrich

Die Arbeiter von José sind alle farbig. Sie sind verschlammt, stehen zu fünft in einer Grube. Zwei der Mineradores halten dicke Schläuche an die Böschung. Der Wasserstrahl macht Erde und Sand flüssig. Zäh drängt die Masse an die tiefste Stelle. Dort wartet ein Arbeiter, der den schmutzigen Bach mit einer Pumpe aufnimmt. Er hat den schwierigsten Job. Wenn er nicht aufpasst, kann ihn die Masse erdrücken. Bis zur Hüfte steht er im Loch. Eine Knochenarbeit.

Blick in die Grube. Schicht um Schicht wird das Erdreich verflüssigt und nach Gold durchsucht. Die Landschaft wird verändert.
Blick in die Grube. Schicht um Schicht wird das Erdreich verflüssigt und nach Gold durchsucht. Die Landschaft wird verändert. | Bild: Fricker, Ulrich

Die folgenden Arbeitsschritte sind automatisiert: Die Pumpe drückt die flüssige Erde nach oben und leitet sie auf eine geneigte Rinne. Den Rest besorgt die Schwerkraft: Das Wasser fließt nach unten ab und reißt den Schlamm mit. Das Gold aber sinkt auf den Boden. Der ist mit einem starken Filz ausgelegt, in dem das Gold im Verbund mit Erde hängen bleibt. Gold besitzt ein hohes spezifisches Gewicht (19,3 Gramm pro Kubikzentimeter). Es sinkt also sehr schnell. Das erleichtert die Suche.

Ohne Quecksilber geht nichts

Freilich sind die gelb schlammigen Klumpen in dem Filzteppich nicht rein. Das Gold muss erst durch einen chemischen Prozess ausgelöst werden. Jetzt kommt das Quecksilber ins Spiel, das die Garimpeiros an jeder Ecke von Creporizao erwerben können. Es dient als Trennmittel und funktioniert hervorragend. In den einschlägigen Fachgeschäften in der Goldgräberstadt hängen Plakate, die zeigen sollen, wie einfach das geht. Die Methode mit dem Quecksilber hat nur einen großen Haken: Sie ist extrem umweltschädlich (siehe Infokasten).

Bild: Fricker, Ulrich

José weiß gut, dass die Methode umstritten ist. Er verteidigt sie mit ausholender Geste und rudert mit seinen riesigen Händen durch die Luft. Ja doch, das meiste Quecksilber könne man leicht zurückholen. „Und das bisschen, das verloren geht...“ Das bisschen, das sind täglich einige Gramm. Sie fließen direkt in den Fluss, der einen Teil des größten Hydro-Systems der Erde ist: den Amazonas. Aus dessen Tiefen ziehen die Indigenen ihre Fische. So gelangt das Quecksilber in die Körper.

Menschenrechtler weltweit beklagen diesen Zustand. Das hilft wenig, solange der brasilianische Staat die Lizenzen fürs Schürfen vergibt und die Indio-Stämme sich ihre Zustimmung abkaufen lassen. Gold ist stärker als Gesundheit.

Oh, diese Gringos

Auch deutsche Organisationen legen immer wieder den Finger in die Wunde. Das Hilfswerk Adveniat mit Schwerpunkt Lateinamerika fordert, dass das Land von diesem Totengräber-Kapitalismus abrückt. Stephan Neumann, Pressesprecher bei Adveniat, sagt: „Die Lebenswelten der Indigenen wird in die Logik des Kapitalismus hineingezogen. Das sehen wir absolut kritisch.“

Bild: Fricker, Ulrich

Signore dalla Costa imponiert das nicht. Lass die Gringos ruhig reden! Im Boot tuckern seine Gäste in die Goldstadt zurück. Die ersten Cabarets öffnen, rote Lämpchen locken, Salsa dröhnt im Hintergrund. Ein alter Mann döst auf einem Schaukelstuhl aus der Kolonialzeit. Und wieder die hungrigen Hunde. José empfiehlt die „Pizzeria der 100 Kommentare“. Dort bestellen wir Pizza, die daumendick mit Schmelzkäse überbacken ist.

José gesellt sich dazu, lässt sich eine eiskalte Bierdose bringen. Er grinst, den die Pizzeria gehört ihm. Ebenso der Nissan-Pickup, der vor der Tür steht. Von vier Kotflügeln fehlen zwei, aber das ist hier das kleinste Problem.