Fast 200 Flüge pro Jahr, knapp 200 Mitarbeiter unter sich, ein Gehalt im sechsstelligen Bereich – so sah Peter Buchenaus (56) Leben noch 2002 aus.

Er wurde in Wehr am Hochrhein geboren, wuchs in Bad Säckingen auf, war Krisenmanager für einen internationalen Großkonzern. „Anfangs habe ich in Zürich gearbeitet“, erinnert er sich, „aber mir wurde schnell klar, wie flexibel ich sein muss, um aufzusteigen.“

16-bis-20-Stunden Tage

Acht Jahre lang ist er für das Unternehmen tätig, wird von einem auf den anderen Tag nach Amsterdam versetzt, verbringt die meiste Zeit in Flugzeugen, Hotelzimmern und an Konferenztischen in den Großstädten dieser Welt. „16-bis-20-Stunden-Tage und ganze Nächte im Büro waren Alltag“, sagt er.

Sein Ansehen wächst, sein Bankkonto auch, aber privat geht es mit ihm steil bergab: „In dieser Zeit habe ich 30 Kilo zugenommen, durch den Stress Herzrhythmusstörungen bekommen und zwei Scheidungen erlebt“, erinnert sich Buchenau, „aufgeweckt hat mich das alles nicht – ich war voll im Hamsterrad, war karrieregeil.“

Der Chef fällt mit 42 Jahren tot um

Erst als 2002 sein Chef und Freund mit 42 Jahren beim Joggen im Urlaub plötzlich tot umfällt, wird ihm klar: „Ich kann so nicht weitermachen!“

„Oft gibt es einen solchen Schlüsselmoment, der das Fass zum Überlaufen bringt“, weiß Johannes Doerflinger, Sozialpsychologe und Entscheidungsforscher an der Universität Konstanz, „wenn man über Jahre viele Ressourcen verbrannt und in die Karriere investiert hat, ist es schwer, sich den Wunsch nach einem Neuanfang einzugestehen – wir sind in unseren früheren Entscheidungen gefangen.“

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So geht es zunächst auch Buchenau. Aber das tägliche Business geht weiter wie bisher, die Chefetage verweigert zudem jegliche Umsetzung von Ideen, welche die Gesundheit der Mitarbeiter verbessern könnten. Also zieht Peter Buchenau Konsequenzen und kündigt.

Ein Schritt ins Ungewisse

„Das war ein Riesenschritt ins Ungewisse“, sagt er, „aber ich war einfach nicht mehr glücklich.“ Monate lang hängt er in der Luft, schreibt aus Verzweiflung Bewerbungen auf Stellen in ähnlichen Großkonzernen, die er gar nicht will, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

„Sich von alten Gewohnheiten zu lösen ist der härteste Schritt“, weiß Entscheidungsforscher Doerflinger, „aber wer sein eigenes Handeln aus der Perspektive eines Freundes hinterfragt, kann mit Distanz Warnsignale wie Krankheit und Unzufriedenheit erkennen“.

Die alten Gewohnheiten

Anti-Stress, Neuanfang, Selbstsuche – unzählige Ratgeber mit Titeln wie „Spurwechsel“, oder „Worauf wartest Du noch?“ sind in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen – sie wollen motivieren auf dem Weg zur befreienden Individualisierung.

„Neue Themenimpulse können den Horizont erweitern und motivieren“, sagt Johannes Doerflinger, „aber auch die Aneignung von neuen Fähigkeiten und der Austausch mit Menschen, die den Neustart unterstützen, können das Selbstbewusstsein stärken und das Ziel konkreter werden lassen.“

Mit Stress besser umgehen

Peter Buchenau beginnt auf seiner Sinnsuche schließlich eine Ausbildung zum Stressregulationstrainer am Schweizerischen Zentrum für Stressforschung bei Luzern. „Das hat den Stein ins Rollen gebracht, mir Sinn und Zweck zurückgegeben“, sagt er heute. Buchenau fängt danach an, als Trainer und Vortragsredner zum Thema Stressmanagement zu arbeiten. Ein Verlag wird zufällig auf ihn aufmerksam. „Das war mein großes Glück“, sagt er.

Gelöst und glücklich wie nie: Peter Buchenau hat den Neuanfang gewagt.
Gelöst und glücklich wie nie: Peter Buchenau hat den Neuanfang gewagt. | Bild: Peter Buchenau

2007 erscheint sein erstes Buch („Der Anti-Stress-Trainer“). Mittlerweile sind mehrere Buch-Serien und Coaching-Programme rund um die Themen Stress, Zukunftsplanung und Buchveröffentlichung entstanden – 20 Werke hat Buchenau selbst geschrieben und rund 200 Autoren hat er als Herausgeber zu einem eigenen Buch verholfen. In Workshops coacht er zudem Menschen, die heute in der Situation stecken, in der er damals war, die also einen Neuanfang wagen wollen.

Ein Kindheitstraum wird wahr

„Das ist schon verrückt, als Kind wollte ich immer Buchautor oder Schauspieler werden“, sagt Peter Buchenau, „aber auf Druck der Eltern und der Gesellschaft, habe ich eben etwas Anständiges gelernt“ – Management studiert.

Jetzt gehen seine Kindheitsvisionen doch noch in Erfüllung – auch die als Schauspieler, denn aus dem Buchprojekt „Männerschnupfen“ ist 2016 eine komplette Kabarett-Comedy-Show entstanden, die er seither als humoristisch leidender Patient auf die Kleinkunstbühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz bringt. Rund 120 Auftritte hat er jährlich.

Seine wahre Persönlichkeit endlich ausleben zu können, so sagt er, gebe ihm das Gefühl von absoluter Freiheit. „Auch heute habe ich oft 16-Stunden-Tage – das ist aber keine Arbeit mehr, das ist Leben!“

Ganz neu anfangen: Zwei weitere Beispiele aus der Region

Arbeit mit Hunden statt Bürojob: 

Alrun Würtenberger mit ihren beiden Border Collies.
Alrun Würtenberger mit ihren beiden Border Collies. | Bild: by-woodys.de

21 Jahre arbeitete Alrun Würtenberger (51) aus Waldshut-Tiengen im öffentlichen Dienst bei einer Pflegekasse: 14 Mitarbeiter unter sich, ein gutes Gehalt, ein sicherer Job. „Aber glücklich war ich lange nicht mehr.“ Als sie 2011 krank wird, merkt sie: „Ich brauche eine Veränderung!“

Seit ihrer Kindheit wünscht sie sich einen Hund und erfüllt sich mit Border Collie „Woody“ ihren Traum. Beim Besuch der Welpenschule lernt sie eine Hundephysiotherapeutin kennen und weiß sofort: „Das will ich auch machen.“ Sie kündigt ihre Festanstellung, macht Praktika, geht noch mal zur Schule und beginnt 2013 als mobile Physiotherapeutin für Hunde zu arbeiten.

2016 eröffnet sie eine eigene Praxis in Eschbach – mit Hundelaufband, Massageliegen und Behandlungen in Osteopathie und Akupunktur. „Ich bereue nichts“, sagt sie, „lieber 20 glückliche als 20 sichere Jahre!“ (sih)

Von der Stadt aufs Land:

Hannah-Marie und Albert Hahn mit ihren Söhnen Wanja (7), Amos (4) und Baby Tomte in St. Georgen-Peterzell.
Hannah-Marie und Albert Hahn mit ihren Söhnen Wanja (7), Amos (4) und Baby Tomte in St. Georgen-Peterzell. | Bild: Huwiler, Sira

2015 lebte Familie Hahn noch mitten in Leipzig, zwischen kargen Betonbauten. "Der nächste Spielplatz oder Park war weit weg", erinnert sich Hannah-Marie Hahn (27), "die langen Wege, der laute und stinkende Verkehr – all das hat uns gestresst. Für unsere Kinder war das nicht schön".

Als ihr Mann Albert (28) 2016 sein Studium abschließt, entscheiden sie: "Wir wollen aufs Land!" In St. Georgen-Peterzell werden sie fündig, packen ihre Sachen und steigen als Landwirte in das Gemeinschaftsprojekt "Untermühlbachhof" ein.

Kühe, Schweine, Ziegen, Schafe, Hühner, Hunde und Katzen leben mit ihnen auf dem Bioland und Demeter-Hof. "Natur, Tiere, Hofgemeinschaft – das alles ist mehr wert als alles Geld der Welt", sagt Hannah-Marie Hahn, "und für die Kinder ist es toll. Besonders Kälbchen kuscheln und Eier sammeln sind Highlights für unsere Jungs!" (sih)