Es kann losgehen. 18 Jahre alt, der Sommer steht an und eine günstige Reisemöglichkeit bietet die EU: Ab Dienstag, 12. Juni, gibt es für 15 000 junge Europäer ein Interrail-Ticket für Fahrten quer durch die Union. Selten hat sich eine Idee aus Brüssel so rasch wie ein Lauffeuer verbreitet. Im Oktober 2016 hatte der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, in seiner Rede „Zur Lage der EU“ von der Gemeinschaft „am Scheideweg“ gesprochen. Nur die Mitgliedstaaten selbst könnten die „europäischen Werte verteidigen“.

Der nächste Redner brachte eine Idee ins Rollen, um Europa-Begeisterung unter jungen Menschen zu wecken: Manfred Weber, Vorsitzender der christdemokratischen EVP-Fraktion. Er schlug vor, die EU solle allen 18-Jährigen ein Interrail-Ticket schenken, damit sie reisen und die Union kennenlernen können.

Ab 2021 gibt es 1,5 Millionen Tickets

Um 12 Uhr am Dienstag, 12. Juni, startet das Projekt unter dem Namen DiscoverEU (Entdecke die EU). Bei einem Preis von durchschnittlich 255 Euro pro Interrail-Pass werden zunächst 15 000 dieser begehrten Tickets verlost. Zwei Wochen lang bleibt die Bewerbungsseite geöffnet, dann wird entschieden. Neben den Daten zur eigenen Person müssen die jungen Menschen die vier Länder nennen, die sie gerne innerhalb von 30 Tagen bereisen wollen und außerdem noch Quizfragen zum Europäischen Kulturerbe-Jahr 2018, zu den EU-Jugendinitiativen und den bevorstehenden Europawahlen 2019 beantworten.

In einer erste Runde spendiert die EU 15 000 Interrail-Tickets an 18-Jährige.
In einer erste Runde spendiert die EU 15 000 Interrail-Tickets an 18-Jährige.

Da die Gemeinschaft zwölf Millionen Euro für dieses Jahr zur Verfügung gestellt hat, ist eine zweite Losrunde mit weiteren 5000 Tickets für den Herbst geplant – ehe das Programm ab 2021 richtig groß aufgelegt wird: 700 Millionen Euro stehen dann zur Verfügung. Das soll für 1,5 Millionen Interrail-Tickets reichen. Man kann alleine oder in Gruppen mit fünf Personen reisen.

Für junge Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit werden eine Begleitperson oder sogar ein Blinden-Hund bezahlt. Die Reise muss zwischen 9. Juli und dem 30. September 2018 stattfinden. Und: Das Ticket gilt zunächst nur für die Bahn und eventuell Fähren. Später, so überlegt die Kommission, könnten vielleicht auch Billigflieger dazu kommen.

„Eine hervorragende Gelegenheit für junge Menschen, Europa auf eine Weise kennenzulernen, wie es kein Buch und keine Dokumentation zu vermitteln vermögen“, nannte der für Bildung und Kultur zuständige EU-Kommissar Tibor Navracsics das Projekt, von dem er sich eine Art „Schneeball-System“ erhofft.

Denn die Heranwachsenden sollen nach ihrer Rückkehr berichten – von Erlebnissen, neuen Freundschaften und eindrucksvollen Begegnungen. Gedacht ist dabei an Fotos auf Instagram oder auch Referaten in den Schulen. „Wir wollen, dass diese Erfahrung nicht nur das Leben der jungen Menschen bereichert, sondern auch die Gemeinschaften, die sie besuchen“, sagte der Kommissar am Montag in Brüssel. Es ist nicht das einzige Programm der EU, mit dem junge Menschen Europa erleben können. 

Schon 1982 erkundeten Jugendliche, hier in Hamburg, Europa mit dem Interrail-Ticket.
Schon 1982 erkundeten Jugendliche, hier in Hamburg, Europa mit dem Interrail-Ticket.

Nicht das einzige EU-Projekt

Neben dem bereits seit 30 Jahren installierten Erasmus-Austauschprojekt für Studenten und Azubis, dessen finanzielle Mittel in der nächsten Finanzperiode ab 2021 deutlich gesteigert werden sollen, arbeitet Brüssel auch daran, dem europäischen Freiwilligendienst, offiziell „Solidaritätskorps“ genannt, neuen Schwung zu verleihen. Rund 350 000 junge Leute sollen ab 2020 für einige Monate in einem anderen EU-Land soziale, karitative, gesellschaftliche oder ökologische Initiativen unterstützen.

Dabei steht ebenfalls die Idee im Hintergrund, „Kompetenzen zu erwerben, Freundschaften zu schließen und ein starkes Gefühl dafür zu entwickeln, was es heißt, Europäer zu sein“, betonte Navracsics. Künftig ist sogar eine Erweiterung geplant: Auch humanitäre Projekte in Nicht-EU-Staaten können als Einsatzorte gewählt werden. Für die Jahre 2021 bis 2027 sollen 1,26 Milliarden Euro dafür ausgegeben werden. Nicht genug. Denn bisher kommen die Bewerberzahlen nicht vom Fleck. Einer der Gründe ist die Finanzierung: 150 Euro Taschengeld im Monat sind zu wenig, der Eigenanteil der Ehrenamtlichen zu hoch. Jugendliche aus Familien ohne zusätzliche Eigenmittel haben kaum eine Chance, teilzunehmen. Das soll anders werden – vorausgesetzt die Etatverhandlungen zwischen den sehr ambitionierten Vertretern des Europäischen Parlamentes, der Kommission und den Mitgliedstaaten finden einen Kompromiss.

Wie Jugendliche an die Tickets kommen

  1. .Wohin? Mit dem sogenannten Travel-Pass kann man in bis zu vier EU-Länder reisen – hauptsächlich per Zug, manchmal per Bus oder Fähre. Unterkunft und Verpflegung zahlt man jedoch selbst. Die Reise darf bis zu 30 Tage dauern und muss zwischen dem 9. Juli und dem 30. September dieses Jahres stattfinden.
  2. .Wer? Um die ersten 15 000 Tickets können sich EU-Staatsangehörige bewerben, die zwischen 2. Juli 1999 und 1. Juli 2000 geboren wurden. Anmelden können sich Einzelpersonen oder Gruppen von bis zu fünf Personen.
  3. .Wie? Ab heute kann man sich unter: europa.eu/youth/discovereu_de zwei Wochen lang online bewerben – Schluss ist am 26. Juni, 12 Uhr. Bewerber müssen Angaben zur geplanten Reise machen und fünf Fragen beantworten, in denen es um das Europäische Kulturerbe-Jahr 2018 und EU-Jugendinitiativen geht. (dpa)