Lieber Will Smith,

ich würde Ihnen gern sagen, dass ich toll fand, was Sie bei der Oscar-Verleihung für Ihre Frau getan haben, aber … Ich tue es nicht. Auch wenn ich den Impuls, der Sie dazu veranlasst hat, einen Mann zu schlagen, nachvollziehen kann.

Chris Rock ist Ihrer Frau zu nahe getreten, und auch wenn Sie vermutlich schon mehr als einmal mitbekommen haben, dass sie sich wegen ihres Haarausfalls dumme Sprüche anhören musste, war in diesem Moment offenbar Ihre rote Linie überschritten. So etwas kommt vor, und in so einem Moment denkt man, wenn überhaupt, nicht mehr viel, oder?

Als jemand, der das Ganze zeitverzögert und nur aus der Ferne beobachtet hat, habe ich natürlich gut reden. Ach, wäre er doch einfach sitzen geblieben! Mensch, hätte er das nicht lieber mit einem witzigen Kommentar lösen können? Hätten Sie bestimmt, aber da war der von ihrem Gehirn verschickte Befehl an Ihre Beine, auf die Bühne zu stürmen, nicht mehr rückgängig zu machen.

Affekthandlung nennt man so das, vor Gericht könnten Sie mildernde Umstände geltend machen. Aber so weit wird es nicht kommen. Ich will nicht klein reden, was Sie getan haben, aber vielleicht können Sie sich mit Chris Rock zur Wiedergutmachung darauf einigen, dass Sie für einen guten Zweck richtig tief in die Tasche greifen. Das macht nichts ungeschehen, es macht auch nichts besser, aber vielleicht würden sich alle Beteiligten dann besser fühlen.

Der wenig später mit einem Oscar ausgezeichnete Schauspieler Will Smith (rechts) ohrfeigt den Komiker Chris Rock während der live ...
Der wenig später mit einem Oscar ausgezeichnete Schauspieler Will Smith (rechts) ohrfeigt den Komiker Chris Rock während der live ausgestrahlten Gala. | Bild: Robyn Beck/AFP

Das könnte vielleicht auch all die besänftigen, deren Erfolge von dem Eklat überschattet wurden. In dieser Woche wurde im Wesentlichen über einen Oscar-Gewinner berichtet, nämlich über Sie. So schlagzeilensüchtig können Sie gar nicht sein, dass Ihnen das gefallen würde.

Aber Angst um Ihre Trophäe müssen Sie wohl nicht haben – denn wie würde es aussehen, Ihnen die jetzt wegzunehmen, nachdem sie Ihnen trotz allem übergeben worden war?

Auch den Oscar haben Sie als Mensch gewonnen

Schon klar, den Oscar haben Sie als Schauspieler Will Smith gewonnen – und das zu Recht; die Ohrfeige haben Sie als Mensch Will Smith verteilt. Aber die beiden kann man nun mal nicht voneinander trennen. Genauso wenig, wie sich Ihre Erfolge in Zukunft von den Schlagzeilen über die Oscar-Ohrfeige trennen lassen werden.

Dabei macht ein schwacher Moment doch keinen schlechten Menschen aus Ihnen. Ist es wirklich so schlimm, ein Mal die Beherrschung zu verlieren? Wem ist das – in irgendeiner Form – noch nicht passiert? Eben. Und trotzdem hätte es Ihnen nicht passieren dürfen.

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In Hollywood bezieht kaum jemand klar Stellung. Was man auch sagt, es könnte falsch ausgelegt werden. Und vor dem 18. April ist auch keine Entscheidung der Oscar-Akademie im Disziplinarverfahren zu Ihrem „inakzeptablen und schädlichen Verhalten“ zu erwarten.

Ich bin mir sicher, dass dann Gras über die Sache wachsen wird – aber es wird so durchlässig bleiben, dass niemals vergessen werden wird, was am Abend des 27. März im Dolby Theatre in Los Angeles los war. Da müssen Sie jetzt durch. Machen Sie das Beste draus und vor allem: Bei aller Liebe, tun Sie‘s bitte nie wieder.