Frau Becker, am Sonntag wird der letzte Tatort mit Ihnen als Kommissarin Nina Rubin ausgestrahlt. Warum verabschieden Sie sich von der Rolle?

Generell bin ich kein Fernsehmensch, war ich schon nicht, als man mich gefragt hat. Es war aber natürlich eine Riesenehre für mich, gefragt zu werden, und es war zu einem Zeitpunkt, wo das für mich passte. Und dann wollte ich auch wissen, wie das geht.

Der Tatort ist ein ganz bestimmtes Format, und ich wollte verstehen lernen, wie das funktioniert. Man arbeitet mit wechselnden Teams, man muss mit den Drehbüchern umgehen, man wundert sich, welche Merkmale einer Rolle einem zugeschrieben oder weggenommen werden. Das war für mich ein Lernprozess sondergleichen, für den ich sehr dankbar bin. Aber irgendwann hatte ich genug.

Ganz schön mutig, so einen sicheren Job aufzugeben …

Ich bin kein sicherheitsorientierter Mensch. Klar ist es toll, so eine regelmäßige Arbeit zu haben, so ein fester Job gibt einem ja auch gewisse Freiheiten. Aber es ist auch schön zu wissen, dass ich nicht gleich das nächste Tatort-Drehbuch lesen und korrigieren muss, sondern jetzt mein eigenes Zeugs machen kann. Ich habe noch so viele andere Dinge vor.

Wandlungsfähig: Meret Becker in „Die fünf glorreichen Sieben“ in der „Bar jeder Vernunft“.
Wandlungsfähig: Meret Becker in „Die fünf glorreichen Sieben“ in der „Bar jeder Vernunft“. | Bild: Britta Pedersen/dpa

Was sind denn die nächsten Projekte?

Ich mache das Programm „Nachtsalon“ in der Berliner „Bar jeder Vernunft“, die dieses Jahr 30 wird, danach gehe ich wieder musikalisch auf Tour. Zu neuen Filmprojekten sage ich nix, so lange nicht die erste Klappe geschlagen ist, da bin ich abergläubisch.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie auch noch den Lkw-Führerschein machen möchten. Wozu das denn?

Ich wollte den schon ewig machen, schon als ich 1992 die Fernfahrer-Serie „Auf Achse“ gedreht habe. Ich fand das immer eine tolle Vorstellung, in der Lage zu sein, so ein Ding zu fahren und die Möglichkeit zu haben, in einem Lkw zu wohnen. Im vorderen Teil könnte ich wohnen und hinten wäre ein Anhänger, wo ich die Seite aufklappen könnte und eine Bühne für eine One-Woman-Show hätte. Aber wir haben ja den Klimawandel, und ich weiß nicht, ob ein Lkw das Fortbewegungsmittel ist, das man wählen sollte.

Mein neuester Coup ist: Ich möchte gerne einen Bootsführerschein machen, weil ich ja in Frankreich am Meer lebe, wenn ich nicht in Berlin bin. In mir schlummert eine Nomadin, sich zu bewegen, finde ich total wichtig. Man muss nur schauen, wie man das klimaneutral hinkriegt.

Was hat sich für Sie durch die Rolle im Tatort geändert? Sicherlich hatten Sie einen ungeheuren Popularitätsschub?

Ich hatte mal mit Anfang 20 einen großen Popularitätsschub, aber das vergessen die Leute schnell. Als Frau ist man schnell wieder „die Tochter von …“ oder „die Schwester von …“ – auch wenn man sehr früh bekannt wurde. Aber klar, den Berliner Tatort sehen zweimal im Jahr zwischen acht und zehn Millionen Leute, das ist enorm, und das hat schon noch mal was geändert. Jetzt werde ich auch von Leuten erkannt, die nicht ins Varieté gehen, die kein Arthaus-Kino gucken. Den Tatort schaut wirklich die breite Masse.

Die Geschwister Ben und Meret Becker.
Die Geschwister Ben und Meret Becker. | Bild: Daniel Reinhardt/dpa

Bei Ihrem Debüt als Nina Rubin sind Sie 2015 ja ordentlich angeeckt – da hatte die Kommissarin in der ersten Szene wilden Sex in einem dunklen Hinterhof …

Gleich diese erste Szene wurde heiß diskutiert, es gab sogar den Versuch, sie wieder rauszunehmen. Es gab generell an vielen Punkten ganz viel Widerstand gegen die Figur. Das hat mich auch oft genervt. Aber von Frauen bekomme ich oft zu hören, dass das eine coole Rolle ist, die sie gut finden. Das hat mich auch bestätigt.

Nina Rubin ist eine Berlinerin, das darf man nicht vergessen. Ich war ja selber im Nachtleben unterwegs, seit ich zwölf Jahre alt war, ich kenne das ziemlich gut, ich war in den 80er-Jahren schon dabei. Es ging mir auch darum, Berlin zu vermitteln, und Berlin bedeutet auch Nachtleben, bedeutet auch Sexualität, bedeutet Rock‘n‘Roll, Punk, was auch immer. Das reinzutragen und zu kombinieren mit einer Figur, die bei der Polente arbeitet, fand ich spannend.

Sie waren seit 2015 ein Team: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in Berlin.
Sie waren seit 2015 ein Team: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in Berlin. | Bild: rbb/Thomas Ernst

Glauben Sie, dass Sie mit der Figur etwas Positives zum Frauenbild im deutschen Fernsehen beigesteuert haben?

Oh Gott. So was würde ich nie von mir sagen. Die Frauen, die sich in der MeToo-Bewegung engagiert haben, die haben wirklich was bewegt.

Der letzte Fall dreht sich ja auch um Solidarität unter Frauen. Ein wichtiges Thema für Sie?

Ich finde Solidarität und Diversität generell wichtig. Frauen sollten sich nicht gegenseitig verkloppen, sondern die weghauen, die sie unterdrücken wollen.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie aufs Finale für Nina Rubin?

Ich habe gemischte Gefühle. Wir haben ja vorigen November bis Anfang Dezember gedreht, und wegen Corona war alles von Anfang an total chaotisch: die Vorbereitungen, der Dreh, der Abschied. Es gab immer wieder krankheitsbedingte Ausfälle, das machte es schwer, sich auf Inhalte zu konzentrieren. Ich war dann ehrlich gesagt froh, dass es irgendwann geschafft war. Aber jetzt ist noch ein letztes Mal Feiern angesagt, das ist auch schön.

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Gab es Tränen am letzten Drehtag?

Ja, es gab Tränen. Das Finale spielt ja am Flughafen, und das ganze Team war stark mit technischen Dingen beschäftigt, da musste ich zwischendurch mal auf Pause drücken und sagen: „Für mich ist das was Besonderes hier.“ Ich habe diese Figur sieben Jahre lang gespielt, es war eine jahrelange Auseinandersetzung, viel Arbeit, immer wieder Suchen und Finden, viel Weinen, auch viel Lachen.

Sieben Jahre ist eine lange Zeit, ein ganzer Lebensabschnitt, und das zu Ende zu bringen, war schon etwas Einschneidendes für mich. Schon bei den Tatorten davor flossen immer wieder mal die Tränen, von dem Moment an, wo ich gesagt habe: Ich gehe.

Was wünschen Sie Corinna Harfouch, die als Ihre Nachfolgerin künftig gemeinsam mit Mark Waschke im Berliner Tatort ermittelt?

Was ich ihr wünsche? Na ja, viel Spaß! Corinna weiß schon, was sie tut, ich brauche ihr nichts zu wünschen.