Herr Pilawa, Sie haben die diesjährige Silvestershow wegen Corona Mitte November aufgezeichnet. Das muss sich doch ein bisschen merkwürdig angefühlt haben.

Ich war sehr skeptisch, aber ich wurde eines Besseren belehrt. Du beginnst schon zwei, drei Tage vorher mit den Vorbereitungen und kommst da in eine Silvester-Neujahrsblase hinein, in der dann alle drin stecken, vom Kameramann bis zur Maskenbildnerin. Am 17. November haben wir dann die Uhren auf 20.15 Uhr gestellt und in Echtzeit aufgezeichnet, ohne Schnitt. Und wenn die Sendung um 0.30 Uhr vorbei ist und der Rückbau beginnt, ist das Publikum immer noch da und prostet sich zum neuen Jahr zu. Du bist da so in einem Tunnel, dass es keinen Unterschied macht, ob das live ist oder aufgezeichnet wird.

Im Gegensatz zur Show vom vergangenen Jahr, die auch schon vorher aufgenommen wurde, hatten Sie zumindest Publikum dabei. Was für eine Auswirkung auf die Stimmung hatte das?

Vergangenes Jahr hat das trotzdem geklappt, weil die ganzen Künstler in der Halle blieben und den Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne Unterstützung gaben. Dieses Jahr hatten wir 750 Zuschauer nach dem Prinzip 2G+. Die konnten nicht so feiern wie gewohnt. Polonaisen etwa waren nicht möglich. Aber ich habe nach zwei Jahren Pandemie gespürt, dass die Leute so froh waren, mal wieder von einer Veranstaltung unterhalten zu werden. Wir kriechen ja alle auf dem Zahnfleisch. Und so wollten alle abschalten und fernab von Inzidenzen und R-Werten einfach mal vier Stunden ein bisschen Freude haben.

Was manche Politiker vermutlich gar nicht so gerne sehen.

Die Leute in der Halle haben sich extrem diszipliniert verhalten. Das ist gleichzeitig das positive Fazit, das ich insgesamt aus den vergangenen Jahren ziehe. Ein Großteil der Menschen hat die Verantwortung gegenüber der Pandemie mit einer solchen Bravour angenommen. Das findet viel zu wenig Beachtung. Dass wir durch die Pandemie durchkommen, ist nicht der Politik zu verdanken, sondern den Menschen. Das kann ich auch als Vater sagen. Ich habe vier Kinder. Mein Sohn ist in die Pandemie reingegangen, da war er 16. Da frage ich mal, wie das für uns war, als wir 16 waren? Da gab es Partys, erste Freundin, auf den Putz hauen. Das hat er zwei Jahre nicht gemacht, weil er verantwortungsbewusst ist. Ihm und seiner ganzen Generation haben wir eine ganze Menge genommen, und nichtsdestotrotz haben sie das alles für die gesamte Gesellschaft auf sich genommen.

Sie selbst engagieren sich ja auch für karitative Projekte. Was genau haben Sie da gemacht?

Früher habe ich mir Projekte von der Welthungerhilfe angeschaut, die sehr viele Schulen gebaut haben. Die Frage war irgendwann, was mit den Kindern passiert, wenn sie Lesen und Schreiben gelernt haben und wieder in ihre Dörfer zurückkehren. Danach habe ich das Projekt „Skill up!“ von Gudrun Bauer kennengelernt, das Schulabgängern eine zertifizierte Ausbildung bietet – ob als KfZ-Mechaniker oder Informatiker. Mit diesem Zertifikat kann man sich in Ländern, wo es anerkannt ist, bewerben oder einen Mikrokredit aufnehmen und sich selbständig machen. Das habe ich mir in Ruanda, Kenia, aber auch in Tadschikistan angeguckt. 2022 sind weitere Reisen geplant.

Früher studierten Sie Medizin. Steckt im übertragenen Sinne noch ein Arzt in Ihnen, der die Probleme der Menschen lösen möchte?

Es mag sein, dass das eine Rolle spielt. Aber ich glaube, das ist etwas anderes, und zwar geht das auf die Haltung meiner Eltern zurück. Die war: Wenn es dir besser geht, dann hast du die Pflicht, denen zu helfen, denen es nicht so gut geht. Diesen Blick habe ich mir immer zu bewahren versucht. Deshalb habe ich beispielsweise vor 15 Jahren auch eine Umwelt-Dokumentation gedreht, wo der Umweltminister von Burkina Faso zu mir meinte: „Der Klimawandel ist bei uns angekommen, denn die Sahelzone wächst immer dichter an uns heran. Aber viele wissen nicht, dass er durch euch gemacht wurde.“

Was ist denn da los? Jörg Pilawa wird in der ARD-“Silvestershow“ von Tänzerinnen umringt.
Was ist denn da los? Jörg Pilawa wird in der ARD-“Silvestershow“ von Tänzerinnen umringt. | Bild: Tom Weller/dpa

Mit welchem Gefühl gehen Sie angesichts dieser großen Herausforderungen ins nächste Jahr?

Ich freue mich erst mal darauf, dass wir hoffentlich eine handlungsfähige Regierung haben. Wir brauchen endlich wieder Politiker, die anpacken. Da ist es mir völlig egal, welche Partei das ist. Wie schon gesagt, finde ich, dass 90 Prozent unserer Zivilgesellschaft die Pandemie super gemeistert haben. Wenn wir dann in eine Endemie kommen, sollten wir lernen, auf das stolz zu sein, was wir geschafft haben. Das setzt Kräfte frei. Aber wir sollten auch nie vergessen: Alle Probleme sind global, und deshalb können sie auch nur global lösen.

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Vorher gibt es noch den musikalischen Nostalgie-Trip der Silvestershow. Brauchen Sie den eigentlich privat?

Wenn es um Musik geht, ist der Blick zurück bei mir positiv besetzt. Wenn ich mir Suzie Quattro angucke, die wir in der Sendung hatten, dann denke ich an die Zeit, wo ich zwölf, 13 war und ihr Poster über meinem Bett hing. Ich habe sie die vergangenen 15 Jahre nicht mehr gehört, aber wenn sie dann „Can The Can“ singt, bin ich sofort in der Stimmung dieses Alters wieder drin: die ersten Partys, das erste Mal Knutschen. Ähnliches gilt für Karat oder Extrabreit. Es ist sehr entspannend, diese positiven Emotionen wieder parat zu haben. Das lässt uns ein bisschen grinsend durch den Abend laufen. Privat würde ich jetzt nicht „Hurra, hurra die Schule brennt“ im Auto hören, aber so einen Abend finde ich super.

Und welche Künstler laufen dann noch in Ihrem Autoradio?

AC/DC, Bruce Springsteen oder Status Quo – mit denen habe ich mein erstes Konzert erlebt. Die laufen bei mir nicht täglich, aber regelmäßig.