Frau Hartwig, es scheint Sie momentan nicht in Deutschland zu halten. Demnächst drehen Sie an exotischen Schauplätzen eine neue „Traumschiff“-Folge. Für die neue Pilcher-Verfilmung „Vier Luftballons und ein Todesfall“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ZDF) standen Sie in Cornwall vor der Kamera. Haben Sie die große Reiselust?

Die habe ich immer. Ich bin Sternbild Zwilling, und der Zwilling will gerne reisen. Ich will die Welt sehen. Außerdem bin ich von meinen jungen Jahren in der DDR geprägt. 30 Jahre waren die Länder, in die ich reisen durfte, sehr begrenzt.

In Ihrer früheren Paraderolle in „Um Himmels Willen“ drehten Sie vor allem in der bayerischen Provinz. Sind Sie froh, dass Sie mit Ihren neuen Rollen aus solcher Enge entkommen können?

Überhaupt nicht. Wir waren mit „Um Himmels Willen“ auch in Rom, Namibia oder Portugal. Das kann man garantiert nicht als Enge nicht bezeichnen. Aber was eine große Freude macht, ist, einen anderen Charakter zu spielen. Diese Figur in „Vier Luftballons und ein Todesfall“ ist eine übergriffige Mutter, die an ihre Tochter und sich die höchsten Anforderungen stellt und die schon einen Lebensplan für ihre Tochter hat. Es war eine Gratwanderung, sie so zu spielen, dass man sie kritisch darstellt, ohne sie aber unsympathisch wirken zu lassen.

Sollte man eigentlich für sich selbst einen Lebensplan haben?

Dass man Pläne für sein Leben schmiedet, finde ich wichtig, aber das Leben stellt uns trotzdem vor Herausforderungen. Und wenn es anders kommt, muss man geschmeidig sein und darf nicht stur an seinen Plänen festhalten.

Welche beruflichen Erfahrungen haben Sie denn auf diesem Weg durchs Leben geprägt – positiv wie negativ?

Als ich jung war, bin ich Regisseuren begegnet, die mich sehr unterstützt und weitergebracht haben, aber es gab auch Regisseure, die um sich selbst kreisten und Leute kleingemacht haben. Sie meinten, sie könnten auf diese Weise etwas Neues aus Einem herausholen. Aber das war nie etwas für mich. Nur wenn man jung ist, weiß man sich da nicht zu wehren. Bis ich dann eines Tages zu so einem Regisseur gesagt habe: „Ich kann damit nicht umgehen. Das blockiert mich in meiner Intensität und Freiheit des Spiels. Entweder Sie besetzen mich um oder Sie gehen mit mir so um, dass ich als Schauspielerin leben kann.“

Waren Sie damit erfolgreich?

Das hat ganz gut geklappt. Mittlerweile brauche solche klärenden Gespräche nicht mehr. Ich schaffe es, solche Energien an mir abgleiten zu lassen. Ich habe es gelernt, dass mich das nicht mehr in meinem Tiefsten erschüttert. Aber der Beruf des Schauspielers ist eben komplex. Da gibt man sich preis, man macht sich seelisch „nackig“, um jemanden glaubhaft darstellen zu können. Und dadurch wird man angreifbar.

Szene aus „Vier Luftballons und ein Todesfall“: Arthur Price (Tony King) ist der beste Immobilienmakler in der Gegend und ...
Szene aus „Vier Luftballons und ein Todesfall“: Arthur Price (Tony King) ist der beste Immobilienmakler in der Gegend und somit auch Ellen Shermans (Janina Hartwig) Konkurrent. | Bild: Jon Ailes/ZDF

Und welche Lernerfahrungen haben Sie dank Ihrer Kinder gemacht?

Durch Kinder lernst du alles. Eine Geburt bringt einen in eine extreme Situation. Ich habe das Glück, das auf gute Weise erlebt haben zu dürfen. Kleine Kinder bringen einen natürlich auch an die Grenzen, auch an die Kraftgrenze. Aber jetzt gehen sie ihren eigenen Weg. Es ist großartig, das zu beobachten.

Auch wenn Sie nicht übergriffig sind wie die Mutter im Film, haben Sie privat ab und zu das Bedürfnis, steuernd ins Leben Ihrer Kinder einzugreifen?

Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass das jeder für sich selbst entdecken muss. Natürlich habe ich auch Verantwortung. Bei meiner erwachsenen Tochter eher weniger. Wenn die mich um Hilfe oder Rat bittet, bin ich aber sofort dabei. Bei meinem Sohn gibt es natürlich die Verpflichtung einzugreifen, wenn ich sehe, da stimmt was nicht. Aber Gottseidank hat das bislang keine existenziellen Ausmaße angenommen.

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Wie der Titel des Pilcher-Films besagt, geht es darin auch um Erfahrungen von Verlust und Trauer. Inwieweit wurden Sie selbst damit konfrontiert?

Ich bin Projektpatin des „Wünschewagens“. Das ist ein Krankenwagen des Arbeiter-Samariter-Bunds, mit dem Menschen am Ende ihres Lebens von ehrenamtlichen Mitarbeitern noch einmal an ihren Lieblingsort gebracht werden. Ich fahre manchmal auch den Wagen dieses rein spendenfinanzierten Projekts. Und durch solche Erlebnisse lernt man Dinge – zum Beispiel auch die Gesundheit der eigenen Kinder – noch mehr schätzen. Denn wir fahren nicht nur alte Menschen, sondern eben auch Kinder.

Was macht das mit einem?

Es gibt einem sehr viel. Bei unserer 100. Fahrt haben wir eine Frau an den Spitzingsee in den Alpen gebracht Sie war ein bisschen jünger als ich und hatte Brustkrebs im Endstadium. Es war um die Weihnachtszeit, die Familie war noch mit dabei. Menschen, die genau wissen, „Ich habe nicht mehr viel Zeit, aber ich darf das nochmal erleben“, können leichter loslassen. Auch die Angehörigen können leichter loslassen. Das ist schon sehr berührend, das zu sehen.

Nimmt es einem selbst die Angst vor dem Sterben?

Das weiß ich nicht. Der Titel eines Buchs über den Tod heißt: „Wenn er kommt, dann werde ich anders reden.“ Ich stehe auf dem Standpunkt, dass der Moment zählt. Ich versuche, den Moment zu genießen und mir klarzumachen: Ich lebe im Jetzt und versuche das in mich aufzunehmen.