Herr Carpendale, vergleicht man die neuen Orchester-Versionen Ihrer Songs mit den Originalen, fällt auf: Sie singen heute viel besser als in den 70ern.

Vielen Dank, und wissen Sie was? Ich finde das auch. Damals habe ich gar nicht verstanden, was ich da sang. Ich habe jedes Wort phonetisch gelernt. Auf den Symphonie-Alben bin ich von meiner Gesangsleistung endlich dort angekommen, wo ich immer hinwollte. Auch wenn sich das komisch anhört von jemandem, der seit 50 Jahren dabei ist.

Auf der Neuaufnahme etwa von „Du fängst den Wind niemals ein“ klingen Sie persönlicher und näher dran.

Die Lieder haben eine wunderbare Wärme. Man hört ihnen die vielen Jahre auf dem Buckel nicht an. Ich habe gemerkt, dass es ein sehr großer Unterschied ist, mit einem Orchester zu singen. Ich habe einen ganz neuen Flow in der Stimme, viel mehr Nuancen und Interpretationsmöglichkeiten. Das Orchester hat mich motiviert, noch mehr aus meinem Gesang herauszuholen. Was ich hier mache, das hat mit der gesanglichen Eintönigkeit des typischen deutschen Party-Schlagers nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

„Wie frei willst du sein“ ist ein Duett mit Ihrer Kollegin Kerstin Ott. Sie beide kennen sich ja schon von „Wegen dir“.

Wir sind Freunde geworden. Irgendwann kam sie auf mich zu und hat mich gefragt, ob sie mich drücken dürfte. Sie durfte. Ein paar Wochen später trafen und drückten wir uns wieder. Als ich sie fragte, ob sie etwas mit mir singen wollte, war ich überrascht, dass sie sich „Wie frei willst du sein“ ausgesucht hat. Unsere Version ist sehr schön geworden.

Stand eigentlich immer fest, dass es schnell einen zweiten Teil von „Symphonie meines Lebens“ geben würde?

Nein. Wir haben das bei einem langen Gespräch mit der Plattenfirma beschlossen. Die waren etwas überrascht und erfreut, dass sie mich gar nicht überreden brauchten, sondern dass ich nichts lieber tun würde, als noch mal mit diesem Orchester zusammenzuarbeiten. Für die Musiker waren die vergangenen Monate dramatisch. Zum ersten Mal nach vier, fünf Monaten Pause hat das Orchester auf meinem Album wieder zusammen gespielt. Die Lage ist dramatisch. Der Arrangeur fürchtet, dass das Royal Philharmonic Orchestra wegen Corona vielleicht schließen muss. Die haben alle nichts zu tun.

Howard Carpendales Album „Symphonie meines Lebens 2“ ist gerade erschienen.
Howard Carpendales Album „Symphonie meines Lebens 2“ ist gerade erschienen. | Bild: Electrola

Der erste Teil ist seit einem Jahr in den Charts. Sie wären jetzt eigentlich gerade auf Tournee …

Ich hatte in meiner Karriere seit 1966 tolle Phasen und auch manchmal schwierigere Zeiten … Wir haben die Tour aufgrund der aktuellen Situation in den Herbst 2021 verschoben, und ich bin absolut 50:50 mit meinem Gefühl, ob sie stattfinden kann oder nicht.

Ihr Sohn Cass lebt in den USA. Wann haben Sie ihn zuletzt persönlich gesehen?

Im Frühjahr. Eine Woche vor Corona war ich noch in Amerika. Wissen Sie, ich mache mir gerade viele Gedanken. In den USA liegen 300 oder 400 Millionen Gewehre rum, die meisten davon im Besitz von Republikanern. Auch nach den Wahlen hat das Land schwere Wochen vor sich. Nach all seinen Fehlern und nachdem er selbst infiziert im Krankenhaus lag, nimmt Donald Trump Corona immer noch nicht ernst. Man kann sich nur an Kopf fassen.

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Sie kennen Donald Trump flüchtig vom Golfspielen in Florida.

Er war mir nicht sympathisch, aber er ist nur ein Symptom, nicht die Ursache. Donald Trump ist das Resultat einer Politik, die jahrzehntelang nur dem oberen Drittel der Bevölkerung genutzt hat. Steuerreform hieß immer: mehr Geld für die Reichen. Die Menschen fühlen sich abgehängt. Das ganze amerikanische System ist marode. Man kann nur hoffen, dass es keinen Bürgerkrieg gibt.

Sehr zuversichtlich klingen Sie nicht.

Ich würde gerne hier sitzen und sagen: „Alles ist wunderschön.“ Ich denke gerne positiv. Aber ich bin Realist, kein Träumer. Im Moment habe ich Angst.

Howard Carpendale ist seit 1983 mit Donnice Pierce liiert. 2018 hat das Paar, das einen erwachsenen Sohn hat, geheiratet.
Howard Carpendale ist seit 1983 mit Donnice Pierce liiert. 2018 hat das Paar, das einen erwachsenen Sohn hat, geheiratet. | Bild: Ursula Düren

Wie häufig sehen Sie jetzt eigentlich ihren zwei Jahre alten Enkel Mads?

Früher waren wir jede Woche zusammen, jetzt telefonieren und skypen wir. Manchmal fahre ich bei ihm am Garten vorbei, und wir reden aus fünf Metern Entfernung. Das ist alles überhaupt nicht schön. Aber ich verstehe meinen Sohn Wayne. Er ist darauf bedacht, dass sich seine Eltern nicht anstecken.

Es hilft nichts, wir müssen es ansprechen: Sie werden im Januar 75 Jahre alt.

Also, die Zahl bedeutet mir gar nichts. Für mich ist es total wichtig, Umgang mit jungen Menschen zu haben. Ich möchte jung bleiben.