Die Kernbotschaft von „Chromatica“ ist in einem Satz übermittelt. „Ich will, dass die Menschen tanzen und glücklich sind, wenn sie diese Songs hören“, lässt Lady Gaga wissen. Sie sei sich bewusst, dass die Zeiten keine leichten sind, ursprünglich hätte „Chromatica“ ja auch bereits im April rauskommen sollen.

Doch ein paar Wochen später gilt erst recht: So einen Stimmungsaufheller, den kann die ganze Welt verdammt gut gebrauchen. „Chromatica“ ist das musikalische Antidepressivum des Sommers, der Glücksfilter auf unserer beunruhigenden Gegenwart.

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Gaga ist wieder Gaga. Schon auf der Vorab-Single „Stupid Love“ klang die 34-Jährige wie früher. Die Dance-Pop-Queen, künstlerisch groß geworden auf Manhattans Lower East Side, hat stilistisch nach Hause gefunden. Zuletzt hatte sich Lady Gaga das eigene Spektrum ja entscheidend erweitert und ihren Drang zur permanenten Neuerfindung gründlich ausgelebt.

Ein Duett-Album mit Tony Bennett, das unterschätzte Cowboyhut-Album „Joanne“, das Oscar-dekorierte Drama „A Star Is Born“ mit dem Meisterwerk-Song „Shallow“ – Gaga hat alle Zweifel daran, dass sie ihre Karriere eher auf 50 als auf fünf Jahre ausgelegt hat, ausgeräumt. Ihr Stern strahlt heller als je zuvor. Die Rückbesinnung auf die Wurzeln ist strategisch vernünftig, aber nicht ohne Risiko. Was, wenn sie hinter die Brillanz von „A Star Is Born“ zurückfällt?

Lady Gaga kehrt zwar zu ihren musikalischen Wurzeln zurück, futuristisch wirkt das Ganze dennoch.
Lady Gaga kehrt zwar zu ihren musikalischen Wurzeln zurück, futuristisch wirkt das Ganze dennoch. | Bild: Universal Music

Doch die Ernüchterung bleibt aus. Die Reise auf den Planeten „Chromatica“ kann man beruhigt buchen. Denn wer 2008, als Gaga, die eigentlich Stefani Joanne Angelina Germanotta heißt, schlagartig und mit einer Kette von Monster-Hits wie „Poker Face“ und „Paparazzi“ zum nicht nur erfolgreichsten, sondern auch innerhalb des Mainstream originellsten Popstar der Welt wurde, schon begeistert von ihr war, der wird „Chromatica“ hören und sich denken: Endlich.

Natürlich ist es schade, dass die Clubs immer noch geschlossen haben. Diese – abzüglich dreier Zwischenspiele – 13 Songs sind wirklich ohne eine einzige Ausnahme dafür erschaffen worden, Leben und Bewegung in die Bude zu bringen, die Menschen in Ekstase und in eine Art Dancefloor-Euphorie zu versetzen, aus der man dann schwitzend, vor Glückseligkeit glucksend und vielleicht auch ein paar Rührungstränen verdrückend (Ausgelassenheit und Tieftraurigkeit schließen sich auf dieser Platte nicht aus) nach 43 Minuten erwacht. Aber so geht man vorerst daheim dazu senkrecht.

Eingängige Melodien, tiefgründige Texte

Das prägende musikalische Element auf „Chromatica“ ist die House Music. Wer die 90er-Jahre miterlebt hat, dem wird hier so einiges liebevoll vertraut vorkommen: Der flächendeckende Einsatz des Synthesizers, die verhältnismäßig introvertierten Strophen, die sich immer wieder explosionsartig in riesigen Refrains entladen, diese grundlegende Hymnenhaftigkeit mit ihren „In unserem Inneren sind wir alle gleich“-Botschaften, dank derer Gaga sich höchster Wertschätzung gerade auch in der LGBTQ-Szene erfreut.

Es gibt ein paar Songs, die hervorstechen. Allen voran zu Beginn „Alice“. Das Stück fließt förmlich dahin, viel überzeugender und Endorphine ausschüttender kann Pop kaum sein. Dass Lady Gaga in „Alice“ ihre Depressionen thematisiert, gibt dem Song inhaltlich eine Tiefe, die man in den Charts selten findet.

Mit Ariana Grande (26, rechts) hat Lady Gaga das Duett „Rain On Me“ aufgenommen.
Mit Ariana Grande (26, rechts) hat Lady Gaga das Duett „Rain On Me“ aufgenommen. | Bild: Universal Music

Ohnehin dient der Künstlerin „Chromatica“ nicht zuletzt als Trauma-Therapie. Die bis zu einem psychischen Zusammenbruch mit folgender Therapie im Jahr 2013 unverarbeitete Vergewaltigung mit 19, die chronischen, wohl psychisch bedingten Ganzkörperschmerzen, an denen sie immer noch, aber nicht mehr ganz so extrem wie vor einigen Jahren leidet, das ambivalente Verhältnis zum Ruhm – es kommt alles zur Sprache.

Aber auch Positives wie Zusammenhalt, Wärme und Solidarität unter Frauen und Widerstandsfähigkeit, Durchhaltevermögen, neudeutsch Resilienz, sowie das Nicht-nötig-Haben eines Mannes an ihrer Seite sind Themen auf dem neuen Planeten Gaga.

Das neue Album von Lady Gaga, „Chromatica“ ist gerade erschienen.
Das neue Album von Lady Gaga, „Chromatica“ ist gerade erschienen. | Bild: Universal Music

Der Nachteil an diesem elektropoppigen Sound-Inferno ist dessen relative Gleichförmigkeit, fast ist man geneigt zu sagen: Eintönigkeit. Ähnlich wie bei einem DJ-Set geht eine Nummer in die nächste über, immer sind die Klangfarben grell und die Schattierungen ausschließlich inhaltlicher Natur. Sogar Gaga-Mentor Elton John fügt sich der Herrschaft des unaufhaltsamen Beat-Gewitters.

Hier und da eine feine Ballade hätte dem Album, Kombinationskonzept aus Futurismus und Vergangenheitsbewältigung hin oder her, nicht geschadet. Und dass „Babylon“, der Schlusspunkt der Platte, klingt wie ein Update des bald 30 Jahre alten Songs „Vogue“, wird den Vorwurf, Lady Gaga sei zuvorderst eine raffinierte Madonna-Kopie fürs 21. Jahrhundert, nun auch nicht gerade entkräften können.