Herr Sittler, wem ist der Umzug von der schwedischen Insel Gotland an den Bodensee leichter gefallen, Ihnen oder Ihrer Filmfigur Robert Anders?

Es ging uns wohl beiden ähnlich. Nach 29 „Der Kommissar und der Meer“-Filmen, die wir auf Gotland gedreht haben, hat das ZDF gesagt, dass es zu teuer ist, dort weiterzumachen. Und das ist wahrscheinlich richtig. Auch ich habe mir gedacht, dass der Umzug etwas Gutes ist, weil Robert Anders ja aus Deutschland kommt. Wir haben auch einen schönen Schlussfilm gemacht in Schweden.

Ich bin sehr, sehr gerne nach Gotland gefahren. Aber der Bodensee ist auch schön. Ich war da 15 Jahre lang jeden Sommer. Also passt das schon. (lacht) Die Zeit in Schweden war wahnsinnig schön – und jetzt fängt halt etwas Neues an.

Sie waren auf der Schule Schloss Salem, oder?

Ja, ich war dort drei Jahre Stipendiat. Am See war ich damals gar nicht so oft. In Lindau schon, weil wir da auch Theater gespielt haben. Auch in Konstanz war ich schon ein paarmal. Als wir den ersten „Der Kommissar und der See“-Film gedreht haben, war ich drei Wochen am Bodensee, das war schon sehr schön da, das muss ich sagen. Es ist eine schöne Gegend, hinreißend!

Robert Anders kehrt in sein Elternhaus in Lindau zurück. Das ist, sagen wir mal, ein wenig heruntergekommen. Dann taucht ein alter Schulfreund auf und fängt mehr oder weniger ungefragt an, alles zu reparieren. Hätten Sie selber Hand angelegt?

Ich bin ja heimlich ein Privathandwerker. (lacht) Und ich hätte an Anders‘ Stelle so viel selber gemacht, wie ich kann. Aber ich glaube, wenn wirklich so viel kaputt ist, wie in dem Haus, wenn es quasi um die Innereien geht, gerade bei der Stromversorgung, wäre ich auch sehr vorsichtig gewesen. Da halte ich mich dann raus.

Mögen Sie Häuser oder Wohnungen mit Geschichte, auch wenn es dort an manchen Stellen hakt?

Ja, ich bin auch einer von denen. (lacht) Ich würde selber kein Haus bauen, sondern mir immer eines ausgucken, das es schon gibt. Die Wohnung, in der ich mit meiner Frau lebe, ist auch schon 80 Jahre alt. Es ist schön zu sehen, wie die Menschen das damals gemacht haben.

Uns geht‘s gut hier, wir beleben das Ganze. Ich verstehe auch gut, wenn jemand sagt: „Ich möchte mein eigenes Haus bauen und meine Ideen verwirklichen.“ Aber zu denen zähle ich mich nicht.

Kaum zurück in der Heimat, gerät Robert Anders (Walter Sittler, links) in den Fokus der Ermittlungen der jungen Polizeikommissarin ...
Kaum zurück in der Heimat, gerät Robert Anders (Walter Sittler, links) in den Fokus der Ermittlungen der jungen Polizeikommissarin Annika Wagner (Nurit Hirschfeld) und deren Kollegen Martin Keller (Dominik Maringer). | Bild: Patrick Pfeiffer/ZDF

Robert Anders hat es in Lindau am Anfang nicht gerade leicht, die Polizei verdächtigt ihn des Mordes …

Wenn man neu ist in der Stadt, ein junges Mädchen bei sich aufnimmt, das dann tot aufgefunden wird – und man ist der Letzte, der sie lebend gesehen hat... Da ist es kein Wunder, dass die Polizei ihm nicht gerade zugeneigt ist. Aber die Figur ist ja interessiert an Lösungen.

Anders will wissen, was mit dem Mädchen passiert ist. Er weiß, dass es Leute gibt, die ihn mögen, und Leute, die ihn nicht mögen. Aber das muss er aushalten. Für mich als Schauspieler war das eigentlich ein schöner, ein spannender Anfang.

Robert Anders ist ein prinzipientreuer Mensch.

Das ist eine der Eigenschaften, die ich für ihn wollte. Er kann schon auch mal Fünfe gerade sein lassen. Aber wenn ihn seine Jugendliebe bittet, ein Foto zu löschen, das ihren Mann mit dem späteren Mordopfer zeigt, dann kann er das halt nicht löschen – so gerne Anders ihr diesen Gefallen vielleicht tun würde. Ähnliche Situationen kommen im Leben von Polizisten immer wieder vor.

Dann muss man sich entscheiden, ob man seine persönlichen Gefühle in den Vordergrund stellt oder das, was für den Beruf und für die Allgemeinheit besser ist. Das ist eine Zwickmühle. Und ich möchte dieser Zwickmühle in der Figur von Anders nicht ausweichen. So ist einfach das Leben, wir sehen es ja gerade in der Ukraine. Wenn man Waffen liefert, ist es schrecklich, weil Leute sterben. Aber wenn man nicht liefert, sterben auch Menschen. Was immer man tut: Man muss sich entscheiden und dafür geradestehen.

Dass aus „Der Kommissar und das Meer“ nun „Der Kommissar und der See“ wird, wird viele Zuschauer freuen. Haben Sie trotzdem auch mal darüber nachgedacht, ob es mit 69 Jahren nicht auch an der Zeit sein könnte, aufzuhören?

Ja, ich hätte auch sagen können, wir haben das jetzt lange gemacht, das ist ein gutes Ende, also hören wir doch auf. Und so war es ursprünglich auch gedacht. Die Idee, weiterzumachen kam eine ganze Weile nach dem Ende auf Gotland. Die Produzentin wollte mich gern dabeihaben – als Robert Anders, der in der Rente in Kriminalfälle verwickelt wird – keine, die er sich aussucht, sondern solche, die ihn sozusagen finden.

Das wäre doch eine interessante Art, Krimis zu erzählen, meinte sie. Und ich fand auch, dass das gar nicht schlecht klingt. Dann kam das erste Drehbuch, ich fand es gut, und dann haben wir angefangen.

Vor dem Alten Rathaus in Lindau am Bodensee: Robert Anders (Walter Sittler) trifft auf seine Jugendliebe Johanna Wagner (Katharina Böhm).
Vor dem Alten Rathaus in Lindau am Bodensee: Robert Anders (Walter Sittler) trifft auf seine Jugendliebe Johanna Wagner (Katharina Böhm). | Bild: Patrick Pfeiffer/ZDF

Wissen Sie schon, wie es weitergeht? Wird „Der Kommissar und der See“ eine neue Reihe?

Nein, es gibt noch keinen Plan. Dafür sind die Zeiten auch zu unsicher. Wenn die Zuschauer uns folgen, kann es sein, dass wir weitermachen, wenn nicht, kann es gut sein, dass wir gleich wieder aufhören. Das ist im Fernsehen eben so: Wenn ein Produkt nicht erfolgreich ist, wird dann nicht weitergemacht, egal wie hochwertig es möglicherweise ist.

Das stört mich auch gar nicht, es ist Teil des Schauspieler-Berufs. Im Theater ist es das Gleiche: Wenn eine Inszenierung nicht läuft, wird sie abgesetzt. Das ist manchmal traurig, aber das muss man ertragen können.

Robert Anders sagt in einer Szene, er übe noch, kein Polizist mehr zu sein. Wäre es für Sie denkbar, irgendwann kein Schauspieler mehr zu sein?

Ich bin angewiesen auf Leute, die wollen, dass ich spiele. Wenn diese Anfragen nicht mehr kommen, dann müsste ich üben, kein Schauspieler mehr zu sein. Aber solange sie kommen, brauche ich das nicht zu tun.

Würde es Ihnen schwerfallen, nicht mehr zu spielen?

Ich mache mir darüber keine Gedanken, weil ich so viel zu tun habe, dass ich mir keine Sorgen mache, dass die Tage lang werden. Es wird immer was zu tun geben.

Sie meinen zum Beispiel die Dokumentarfilme, die Sie mit Ihrer Frau produzieren?

Ja, die „199 kleinen Helden“, für die wir in jedem Land der Welt ein Kind porträtieren wollen. Für einen weiteren Film haben wir schon genügend Geld zusammen.

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Robert Anders kehrt von Gotland an den Ort zurück, an dem er aufgewachsen ist. Bei Ihnen wäre das vermutlich nicht so einfach – Sie sind viel rumgekommen in Ihrem Leben. Gibt es da diesen einen Sehnsuchtsort?

Ich wurde ja in Chicago geboren, da war ich später noch mal – das hat aber nichts in mir ausgelöst, weil ich den Ort praktisch gar nicht kenne. Ich kann mich an zwei Orte in den USA ein bisschen erinnern – und an die Orte hier in Deutschland. Aber es sind so viele. Dieses Gefühl des Nachhausekommens an einem bestimmten Ort, so wie bei Robert Anders, das habe ich nicht.

Sie sind ja bekanntermaßen Fan des VfB Stuttgart. Das war nicht immer leicht in den vergangenen Jahren, oder?

Nein, das war es nicht, das stimmt. Mein Sohn ist in Stuttgart aufgewachsen, er war Fan und ich bin ihm zuliebe mit zu den Spielen gegangen. Ich verfolge das auch immer noch, weil es eben der Verein der Stadt ist, in der ich lebe, aber ich habe keine schlaflosen Nächte, wenn der VfB verliert.

Vor einiger Zeit wurde eine Studie veröffentlicht, laut der 50 Prozent der fiktionalen Stoffe im deutschen Fernsehen Krimis sind. Was sagen Sie als TV-Kommissar: Ist das zu viel?

Es ist sicher viel, aber: Krimis werden sehr gerne geguckt. Die Zuschauerzahlen sind gut, deswegen produzieren die Sender das, gerade auch die öffentlich-rechtlichen. Sie sind ja dem Markt unterworfen. Und solange die Krimis gut sind – warum nicht? Als Zuschauer hat man heute so viele Möglichkeiten, andere Filme zu sehen, wenn man Krimis nicht mag.