Herr Kurth, als im Juni 1971 die erste „Polizeiruf“-Folge im DDR-Fernsehen lief, waren Sie gerade 14. Haben Sie das damals schauen dürfen?

Mit 14 durfte ich das noch nicht schauen. In dem Alter haben mich auch andere Sachen interessiert.

Später haben Sie die Reihe aber regelmäßig verfolgt, oder?

Sie gehörte zu den Straßenfegern. Den „Polizeiruf“ hat man oft auch gemeinsam gesehen – und besprochen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Anfrage kam, ob Sie im „Polizeiruf“ eine Ermittler-Rolle übernehmen möchten?

Das war eher ein spannender Prozess, in dem aber schnell klar war, dass mich das Team und die Stadt sehr reizen. Ich bin in Halle auch familiär gebunden, Teile meiner Familie leben da. Als Kind war ich immer sehr gerne zu Besuch dort. Ich kenne die Stadt und die Menschen, die dort leben.

Was hat Sie an dem knorrigen Hauptkommissar Henry Koitzsch gereizt?

Die Rolle ist ja für mich und mit mir entwickelt worden, und durch die lange Zusammenarbeit mit den Drehbuch-Autoren Thomas Stuber und Clemens Meyer gibt es ein großes Vertrauen in die gegenseitige Arbeit. Das trifft übrigens auch für meinen Ermittler-Kollegen Peter Schneider zu.

Es hat Sie also auch dieses Zusammenspiel der Personen gereizt?

Ja, denn es ist ja auch – im besten Sinne – ein Ensemblefilm. Darum geht es ja Thomas Stuber und mir schon immer in unseren Arbeiten. Wir schauen: Wer lebt an welchem Ort, wie und warum, mit welchen Nöten, Ängsten, Zwängen, Krankheiten und allem Drum und Dran? Das zu suchen und zu durchforsten, daran haben wir großen Spaß. Wir versuchen, dass das eine Qualität bekommt. Es gibt in unserer Arbeit nie eine wirkliche Abbildung der Realität, obwohl das scheinbar so ist. Es gibt in der Erzählung immer eine Überhöhung, der man dann folgt und versucht, dass es, im besten Sinne, Kunst wird.

Ihre Kollegin Claudia Michelsen sieht die Reihe als „Gastgeber für die Geschichten der Leute von nebenan“. Ist das die Qualität, die Sie meinen?

Das hat sie sehr schön gesagt. Auch wir sind auf der Suche danach. Wir möchten der Geschichte des „Polizeirufs“ folgen, der Art und Weise, wie dort Milieus gezeichnet werden, in die man sich hineinbegibt, wie man den Leuten folgt. Da sehen wir uns schon in einer sehr, sehr guten Tradition. Die wollen wir natürlich im Weiterführen nicht nur kopieren, um Gottes willen. Wir versuchen, das in unsere Zeit zu setzen und hier spannende Geschichten zu finden.

Viele Zuschauer kennen Peter Kurth (rechts, mit Volker Bruch) als Bruno Wolter, Oberkommissar der Sittenpolizei, aus der Serie „Babylon Berlin“.
Viele Zuschauer kennen Peter Kurth (rechts, mit Volker Bruch) als Bruno Wolter, Oberkommissar der Sittenpolizei, aus der Serie „Babylon Berlin“. | Bild: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

Ist das für Sie besonders am „Polizeiruf“, auch in Abgrenzung zum Tatort?

Ich habe bemerkt, dass da ein Wunsch, ja geradezu eine Sehnsucht nach einem Vergleich ist. Das liegt wohl auch daran, dass wir uns auf dem Sonntagabend-Sendeplatz abwechseln. Trotzdem sind die Reihen völlig verschieden. Die Eigenständigkeit ist so groß, dass der eine dem anderen nicht hinterhereifern muss. Es sind verschiedene Produkte, zwei Ansätze, die Welt zu sehen und sie, sozusagen, zu begutachten.

Der „Polizeiruf“ ist ja das einzige DDR-Format, das sich im gesamtdeutschen Programm etablieren konnte.

Das stimmt nicht ganz: Unser „Sandmännchen“ hat auch überlebt! An welchen Entscheidungskriterien es auch immer lag: Ein Produkt wird ja nicht weitergeführt, wenn es keinen Erfolg hat. Der „Polizeiruf“ hatte großen Widerhall und fand dann auch im anderen Teil Deutschlands großes Interesse.

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Sie waren schon Tatort-Kommissar, jetzt spielen Sie einen „Polizeiruf“-Ermittler. Sind Sie die Rolle anders angegangen?

Ich war zwar in vier, fünf Folgen Teil des Ermittler-Teams in Frankfurt, aber nicht fest. Natürlich bin ich sehr froh, wenn meine Arbeit den Eindruck erweckt, als wäre es so gewesen. (lacht) Die Rolle im „Polizeiruf“ bin ich auf jeden Fall anders angegangen als die Tatort-Rolle damals. Der Koitzsch ist ja ein völlig anderer Charakter, ist ganz anders sozialisiert. So, wie sich die Figur entwickelt hat, war es mir egal, ob das ein Kommissar ist oder nicht. Der Koitzsch ist ein starker Charakter, mit dem man sehr gute Geschichten erzählen kann. Das ist es, was zählt.

Im Tatort war Peter Kurth (links) schon etliche Male zu sehen – hier am Rande von Dreharbeiten mit Ulrich Tukur.
Im Tatort war Peter Kurth (links) schon etliche Male zu sehen – hier am Rande von Dreharbeiten mit Ulrich Tukur. | Bild: Frank Rumpenhorst/dpa

Zu DDR-Zeiten hatte das Privatleben der Kommissare niemanden zu interessieren. Das hat sich drastisch verändert.

Ja, natürlich. Es ist auch interessant, dass es im „Polizeiruf“ keinen festen Kommissar gab, sondern einer über die ganze DDR hinweg tätige Gruppe von Ermittlern – und selbstverständlich auch Ermittlerinnen. Von Anfang an waren Frauen dabei. Noch etwas: Keiner der Filme wurde verortet. Natürlich gab es auch ein ideologisches Interesse daran, der Staatsmacht keine Macken, Fehler oder Verfehlungen anzuheften.

Die Kommissare Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider) denken über den Ruhestand nach.
Die Kommissare Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider) denken über den Ruhestand nach. | Bild: MDR/filmpool fiction/Felix Abraham

Halle kommt zu den vier „Polizeiruf“-Teams aus Rostock, Potsdam, Magdeburg und München fest hinzu. Dabei denkt Koitzsch ständig an die Rente …

Ach, Maigret hat auch schon sehr, sehr früh angefangen, davon zu reden, dass er in Rente gehen will. Das ist also in der Weltliteratur nichts Neues.