Frau Booz, was ist Ihre früheste Erinnerung an Musik?

Ich kann mich daran natürlich nicht erinnern, aber ich weiß, dass meine Mutter mir sehr viel Musik vorgespielt hat, als sie mit mir schwanger war. Mozart zum Beispiel. Ich liebe seine Opern! Tatsächlich erinnern kann ich mich, dass ich ungefähr mit vier Jahren die Dirigentin Simone Young im Fernsehen gesehen habe und so fasziniert von ihr war, dass ich vom Nikolaus einen Dirigierstab bekommen habe und damit dann durchs Haus getanzt bin und dirigiert habe. (lacht)

Mit dreieinhalb Jahren hatte ich die Geigerin Anne-Sophie Mutter zum ersten Mal im Fernsehen gesehen – ich wollte das unbedingt auch lernen. Damit habe ich meine Eltern so genervt, dass ich wirklich eine Geige und auch Unterricht bekommen habe.

Sind Sie drangeblieben?

Ja, ich habe mehr als zehn Jahre Geige gespielt. Als ich elf war, kam der klassische Gesangsunterricht dazu. Dann habe ich in der Schul-Big-Band gesungen und später in einer Rock‘n‘Roll-Band Geige gespielt und gesungen.

Wann war Ihnen klar, dass Sie die Musik zum Beruf machen wollen?

Relativ früh, nein, eigentlich war der Wunsch immer schon da. Mir war klar, dass die Musik zu meinem Leben gehört, dass sie das ist, was mich ausmacht und womit ich mich ausdrücken möchte. Ich war als Kind mit meinen Eltern viel in der Oper, meistens in Stuttgart. Und als ich ungefähr 15 war, bekam ich die Chance, in der Oper „Hänsel und Gretel“ die Rolle der Hexe zu spielen. Da habe ich wirklich gemerkt, dass ich auf der Bühne stehen und singen will. Ich war Feuer und Flamme und habe dann sogar mein Schülerpraktikum an der Hamburgischen Staatsoper gemacht.

Aber an der Oper sind Sie nicht gelandet …

Nein. Meine Liebe zu Jazz und Soul ist immer weiter gewachsen. Dann habe ich an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen Schulmusik studiert, also Musik auf gymnasiales Lehramt, und mich während des Studiums auf Jazz und Soul und Pop und Rock gestürzt, weil Jazz- und Popularmusik mein zentrales Fach war, und ganz viel gelernt. Damals habe ich auch angefangen, Songs zu schreiben. Das war der Wendepunkt – auch wenn beim Auslandssemester in Italien noch mal die Oper im Mittelpunkt stand. Mein Abschlussprojekt im Jazz-Pop-Verbreiterungsfach war, einen Song im Stil des Souls der 60er-Jahre zu schreiben. Es war mein erster englischsprachiger Song, wir haben ihn in einem Studio mit einer Riesenbesetzung aufgenommen, das war ein ganz beflügelnder, schöner Moment. An dem Abend wusste ich: Das will ich machen.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Mal auf der Bühne?

Das war in der Musikschule, da habe ich früh angefangen vorzuspielen. Aber besser kann ich mich an die ersten „Jugend musiziert“-Wettbewerbe erinnern, die immer in Trossingen stattfanden. Das war sehr aufregend, man hat sich dafür auch extra schön angezogen. (lacht) Als Kind ist man da ja noch sehr unbedarft, ich habe das ganze Drumherum immer sehr genossen. Bei meinen ersten Gesangsauftritten mit dem Unterstufen-Chor war es immer ein Highlight, wenn ich eine kleine Solo-Rolle hatte.

Beschreiben Sie doch mal die Musik, die Sie heute machen.

Ich mache deutschsprachigen Soul-Pop. Es ist kein reiner Pop, er hat teilweise jazzige Akkorde und ist geprägt von ehrlichen Texten und organischen Beats, das heißt mit wenig Elektronik.

Tabea Booz‘ großer Wunsch: endlich wieder live auftreten.
Tabea Booz‘ großer Wunsch: endlich wieder live auftreten. | Bild: Janine Kuehn

Welche Instrumente spielen Sie eigentlich noch außer Geige und Klavier?

Ich versuche gerade, mir das Ukulele-Spielen beizubringen, aber das ist noch nicht der Rede wert. (lacht) Die Geige, das muss ich zugeben, habe ich in den vergangenen Jahren ein bisschen vernachlässigt. Mein Schwerpunkt ist einfach das Klavier geworden, weil ich daran meine Songs schreibe und weil ich mich bei Auftritten oft selbst begleite. Nach meiner Stimme ist es mein wichtigstes Instrument.

Können Sie in normalen Zeiten von der Musik leben?

Ich gebe noch Unterricht. Es ist leider so, dass die wenigsten Musikerinnen und Musiker wirklich von der Musik leben können. Viele haben ein zweites Standbein, zum Beispiel das Unterrichten. Ich bin Gesangslehrerin und das macht mir sehr viel Spaß. Ich kann dabei auch meine Erfahrungen unter anderem zum Thema Songwriting weitergeben.

Warum sind Sie eigentlich nach Stuttgart gegangen und nicht beispielsweise nach Berlin?

Da muss ich ein bisschen ausholen … (lacht) Nach dem Studium war ich auf Reisen – dadurch hat sich für mich sehr viel verändert. Ich bin im Herbst 2016 mit einem One-Way-Ticket nach Indien geflogen. Im Sommer davor hatte ich bei einem Festival in Berlin einen Schlagzeuger aus Indien kennengelernt. Es stand schon fest, dass Indien mein Ziel sein wird, da hat er mich nach Kalkutta eingeladen. Ich hatte dort eine wunderbare Zeit und habe mich auch mit seiner Band so gut verstanden, dass wir zusammen auf Tour gegangen sind – wir haben in den bekanntesten Jazz-Clubs in Indien gespielt. Kurz davor bin ich noch nach Vietnam, Malaysia und Japan gereist. Ich habe in dieser Zeit viele Musiker getroffen, habe viele Songs geschrieben und mich wirklich von der Musik leiten lassen. Zwischendurch war ich noch einmal in Deutschland, und dann habe ich für ein paar Monate in Kalkutta gelebt, habe Unterricht gegeben und viele Auftritte gespielt. Ich habe mich dort wohlgefühlt, es war mein Zuhause.

Wann sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt?

Das war im Sommer 2017. Für mich war das ein Wendepunkt – ich wollte mich irgendwo niederlassen. Berlin stand natürlich zur Debatte, weil gefühlt die ganze Musikindustrie dort ist. Aber andere Städte haben natürlich auch viel zu bieten. Ich habe damals einen Job als Gesangslehrerin in Stuttgart bekommen und dann war klar: Es soll nicht Berlin sein, sondern Stuttgart. Also lebe ich seit Herbst 2017 in Stuttgart und fühle mich dort unglaublich wohl. Ich liebe die Stadt und die Menschen, das ist mein Zuhause.

Tabea Booz ist eine lebenslustige Frau.
Tabea Booz ist eine lebenslustige Frau. | Bild: Janine Kuehn

Sie stammen aus dem Landkreis Tuttlingen, stimmt‘s?

Aus Wurmlingen, um genau zu sein. Dort bin ich aufgewachsen, in Tuttlingen bin ich zur Schule gegangen.

Sind Sie dort noch ab und zu?

Ja, meine Eltern leben noch dort, und wenn nicht gerade Corona ist, bin ich öfter mal zu Hause.

Fühlt sich das noch wie Heimat an?

Meine Heimat ist ganz klar in Wurmlingen – sie wird es auch immer sein. Ich komme total gerne nach Hause und treffe mich mit meinen Kindergarten-Freundinnen. Wenn wir an Feiertagen alle daheim sind, fühlt sich das irgendwie so ein bisschen an wie früher. Und wenn ich durch Tuttlingen laufe, sehe ich auch immer was Neues. Da ist dann in der Fußgängerzone plötzlich eine Bar, die man noch nicht kennt. (lacht)

Haben Sie eigentlich musikalische Vorbilder?

Auf jeden Fall. Joy Denalane zum Beispiel. Sie hat sehr viel für den deutschsprachigen Soul getan. Auch Mine finde ich ganz toll und Lianne La Havas, Georgia Smith und Elli Ingram, die englischsprachige Musik machen und mich alle beeinflussen. Aber prinzipiell inspiriert mich fast jede Musik, nicht nur bestimmte Genres. Da wäre auch die Tuttlinger Sopranistin Marlis Petersen, die auf jeden Fall auch eins meiner Vorbilder ist und bei der ich schon einen Meisterkurs besuchen konnte. Es gibt auch wunderbaren Hip-Hop und total schönen Jazz – ich sauge das alles auf wie ein Schwamm. (lacht)

Ihr neuer Song „Worte“ dreht sich um Rassismus und Diskriminierung. Wie kam es dazu?

Ich habe das Lied nach dem Tod von George Floyd in den USA geschrieben. Als die „Black Lives Matter“-Bewegung aufkam, wurde mir klar, wie rassistisch unsere Gesellschaft immer noch ist und was ich als weiße Person dagegen tun kann. Mir wurde auch klar, wie sehr zum Beispiel Frauen nach wie vor diskriminiert werden. Damit beschäftige ich mich viel. Und ich setze mich auch für Diversität in der Musiklandschaft ein.

Tabea Booz‘ Single „Worte“ ist auf allen gängigen Streamingportalen verfügbar.
Tabea Booz‘ Single „Worte“ ist auf allen gängigen Streamingportalen verfügbar. | Bild: Tabea Booz

Was tun Sie genau?

Ich bin jemand, der den Mund aufmacht, wenn ich etwas sehe, das falsch läuft und trete Vereinen wie „Music Women Germany“ bei. Ich versuche zum Beispiel zu zeigen, dass Frauen in der Musikwelt unterrepräsentiert sind. Nur jeder achte Song im Radio wird von einer Frau gesungen – es gibt eine unausgesprochene Männer-Quote. Das Thema Rassismus trifft mich natürlich nicht persönlich. Ich kann das als weiße Frau nicht nachfühlen. Aber ich habe schwarze Freundinnen, die das jeden Tag erleben und darunter leiden. Es ist einfach an der Zeit, dass sich unsere Gesellschaft ändert und dass auch wir als Individuen uns ändern. Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen den Mund aufmachen zu Themen, die ihnen wichtig sind.

Ein Thema, das Ihnen wichtig ist, ist Nachhaltigkeit. Sie ernähren sich zum Beispiel schon seit vielen Jahren vegan. Warum?

Ich sehe einfach, was mit unserer Umwelt und dem Klima passiert. Da ist es nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf. Ich glaube, wir alle haben uns viel zu lange ausgeruht. Natürlich gibt es Leute, die viel für Umwelt- und Tierschutz tun, aber eben auch solche, die gar nichts tun. Ich habe für mich beschlossen: Ich will mein Möglichstes tun. Und natürlich geht da auch immer noch mehr. Ich kaufe zum Beispiel auch noch vegane Käse-Alternativen, die in Plastik verpackt sind. Aber ich bin seit Jahren nicht mehr geflogen.

Ich versuche, in Unverpackt-Läden einzukaufen, regional und in Bio-Qualität, und ich kaufe Second-Hand- oder Fair-Trade-Kleidung. Ich überdenke einfach meinen Konsum und versuche mein Verhalten so zu ändern, dass es nachhaltig ist und die Umwelt schont. Als ich vor neun Jahren angefangen habe, mich vegan zu ernähren, war das eine neue Welt, die sich da für mich geöffnet hat. Ich war sofort Feuer und Flamme – und ich habe gemerkt, dass es mir auch körperlich total gut tut. Vorher war ich regelmäßig krank, Angina, Bronchitis, Grippe … Seit ich vegan lebe, ist das deutlich weniger geworden, ich bin gesünder und fitter. Und das alles zeigt mir, dass es für mich der beste Lebensstil ist.

2020, im ersten Corona-Jahr, sind Sie 13 Mal aufgetreten. Wie oft stehen Sie in einem normalen Jahr auf der Bühne?

2019 waren es zum Beispiel so um die 50 Auftritte, weil ich auf Tour war.

Sind Sie bisher trotzdem einigermaßen durch die Pandemie gekommen?

Ja. Ich unterrichte über eine Musikschule, das ist mein großes Glück, und da habe ich tatsächlich keine einzige Woche aufgrund von Corona ausgelassen. Gleich im ersten Lockdown habe ich angefangen, online zu unterrichten – und das mache ich bis heute. Aber natürlich merke ich, dass die Live-Einnahmen fehlen. Wenigstens konnte ich staatliche Hilfe beantragen, dafür bin ich auch sehr dankbar. Aber die Kolleginnen und Kollegen, die komplett auf das Live-Geschäft angewiesen sind und normalerweise davon leben, die trifft es jetzt gerade richtig hart. Erst recht, wenn die Hilfe sehr bürokratisch ist und sehr lange braucht.

Haben Sie eigentlich irgendwann mal darüber nachgedacht, sich für eine Castingshow zu bewerben?

Nein. Aber eine meiner Schülerinnen war vergangenes Jahr im Finale von „The Voice Kids“. Gianna ist eine ganz tolle Sängerin. Und natürlich habe ich auch schon überlegt, mich für so eine Sendung zu bewerben. Aber im Moment sehe ich das eher nicht für mich.

Wie optimistisch sind Sie, dass Sie bald wieder auf der Bühne stehen können?

Wenn es wirklich um das Live-Geschäft geht, um Tourneen und Auftritte in kleinen Clubs – damit rechne ich in diesem Jahr ehrlich gesagt nicht mehr. Es werden gerade wieder so viele Tourneen verschoben, inzwischen auf 2022. Ich freue mich einfach auf jede Anfrage, die dieses Jahr vielleicht noch reinkommt, und nehme mit, was ich kann. Und dann konzentriere ich mich auf das kommende Jahr.