Frau Gedeck, welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Monaten gemacht?

Ich habe erlebt, dass die Welt stehenbleibt, dass alles ein bisschen anders geworden ist. Wir halten bei unserem Lauf im Hamsterrad inne und sind plötzlich mit neuen Dingen konfrontiert. Nicht nur in Kunst und Kultur, sondern in sehr vielen Bereichen. Diese Zeit ist eine große Zäsur, wie ich sie in dieser Form noch nie in erfahren habe.

Was hat Sie beschäftigt?

Das Coronavirus hat in vielerlei Hinsicht massiven Einfluss auf mein Leben. Konkret, indem mir viel Arbeit weggebrochen ist. Praktisch das ganze Jahr war durchgeplant. Als wir nach sechswöchiger Probezeit mit dem Stück „Gefährliche Liebschaften“ in Hamburg Premiere haben sollten, wurden alle Theater geschlossen. Das war für uns alle ein herber Verlust und für mich ganz besonders, da ich gerne wieder einmal Theater gespielt hätte. Danach musste der Film, den ich im Sommer drehen wollte, auf Eis gelegt werden. Wobei unsicher ist, ob er überhaupt noch finanzierbar ist und gedreht werden kann. Die Situation bei meinen Konzerten und Lesungen ist vergleichbar. Manchmal habe ich das Gefühl, das sei für meinen Beruf das Ende, was jedoch zum Glück nur eine momentane, sehr subjektive Wahrnehmung ist.

Alles im Leben hat ja zwei Seiten – auch die Corona-Krise?

Ja, das Leben stellt immer Fragen an uns und wir sind angehalten, sie zu beantworten. Neue Herausforderungen sind auch eine Bereicherung. Ich habe versucht, meine wichtigsten Beziehungen zu intensivieren. Aus dem Wunsch sich auszutauschen und zu unterstützen ist eine andere Form von offener Kommunikation entstanden, vor allem mit Menschen aus meiner Familie und meinem Bekanntenkreis, zu denen ich vorher aufgrund der geografischen Entfernung weniger Kontakt hatte.

Was hat Sie gefreut?

Als jemand, der sehr viel reist, etwa alle zwei Wochen an einen anderen Ort, habe ich es genossen, einmal längere Zeit zu Hause zu sein. Man geht in sich und kommt zu sich. Die Erfahrung, dass Kreativität und Lebensqualität auch unter schwierigen Umständen nicht abnehmen müssen, stimmt mich zuversichtlich.

Das Oktoberfest 2020 musste wegen Corona abgesagt werden. Schmerzt Sie das als gebürtige Münchnerin?

Ich bin im niederbayerischen Landshut aufgewachsen. Dort gab es kein Oktoberfest, sondern die Dult, ein ähnlicher Jahrmarkt im Sommer. Als Kind fand ich die Schausteller, das bunte Treiben sowie das Monströse und leicht Gefährliche der Geisterbahnen und Achterbahnen ungeheuer faszinierend. Am liebsten ging ich jedoch aufs Kettenkarussell und die Schiffschaukel. Auf dem Münchner Oktoberfest war ich nur ein einziges Mal. Es war mir immer zu groß. Außerdem lebe ich nun schon einige Jahre in Berlin.

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Konnten Sie sich auf Anhieb vorstellen, eine Frau zu spielen, die eine Brauerei führt, als Sie für „Oktoberfest 1900“ angefragt wurden?

Als ich das Drehbuch zum Lesen bekam, wusste ich noch gar nicht, welche Figur ich verkörpern sollte. Die Rolle interessierte mich deshalb, weil diese Maria Hoflinger durch den grausamen Tod ihres Mannes aus einem Zustand des Glücks – wunderbare Familie und gut gehende kleine Brauerei – herausgerissen wird und in der Folge in immer tiefere Abgründe des Schicksals fällt.

Maria Hoflinger (Martina Gedeck) trauert in der Deibel-Brauerei ihrem verstorbenen Mann Ignatz nach.
Maria Hoflinger (Martina Gedeck) trauert in der Deibel-Brauerei ihrem verstorbenen Mann Ignatz nach. | Bild: BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusan Martincek

Die Inszenierung und die Bildsprache erinnern an Italo-Western und Netflix-Produktionen. Wie stehen Sie dazu?

Ich schaue keine Netflix-Serien, weil mir dafür die Zeit fehlt. Ich kann dazu nur so viel sagen: Mir gefällt die gewisse narrative Größe, die nicht davor zurückschreckt, auch zum Pathos zu greifen, einem Stilmittel der modernen Serie. Hier ist eine kraftvolle Erzählweise auch angesagter als das feinpsychologische Spiel vergangener Zeiten.

Ein Verlust?

Ich finde das eine und das andere schön. Gut, dass es beides gibt! Der Stil hat natürlich mit dem Inhalt zu tun. „Oktoberfest 1900“ hat ein wenig die Anmutung einer Mafia-Serie, weil man damals auch in München nicht vor Intrigen und Gewalt zurückschreckte. Ungewöhnlich ist, dass bei den Figuren nicht die übliche Schwarz-Weiß-Malerei betrieben wird. Es gibt keine klare Trennung zwischen gut und böse, stark und schwach. Auch Maria Hoflinger hat ihre intrigante Seite. Obwohl man den Grund kennt, ist das nicht in Ordnung.

Roman Hoflinger (Klaus Steinbacher) und seine Mutter Maria (Martina Gedeck) beargwöhnen ihre Wirtskollegen beim Leichenschmaus zu Ignatz Hoflingers Beerdigung im Wirtshaus „Zum Oiden Deibel“.
Roman Hoflinger (Klaus Steinbacher) und seine Mutter Maria (Martina Gedeck) beargwöhnen ihre Wirtskollegen beim Leichenschmaus zu Ignatz Hoflingers Beerdigung im Wirtshaus „Zum Oiden Deibel“. | Bild: BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung Pictures GmbH/Stephan Pick

Haben Sie sich eigentlich während der Dreharbeiten in Tschechien auch mal ein kühles Bier gegönnt?

Ja, auf unserem Bergfest – das ist das Fest wenn man „auf dem Berg“ ist, also die Hälfte der Dreharbeiten geschafft ist – haben wir in einer kleinen tschechischen Brauerei gefeiert. Das Bier war frisch und ganz wunderbar!

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