Herr de Angelo, in Ihrem neuen Lied „Equilibrium“ singen Sie, dass Sie auf der Suche nach der passenden Medizin oft bei Whiskey und Kokain gelandet seien. Ist das heute noch so?

Nein, so war das früher. Mit dem Kokain bin ich durch. In dem Song geht es um das Gefühl, dass ich so oft in meinem Leben hatte: Ich dachte, ich wäre am Ziel und sei endlich angekommen – und dann ist doch wieder alles Scheiße. Wie oft ich geglaubt hatte, es würde endlich Ruhe einkehren! Von wegen. Meistens passierte dann genau das Gegenteil und mir blieb als Möglichkeit, damit umzugehen, nur die Flucht. Meistens, indem ich mich einsperrte und abschoss.

An welchem Punkt Ihres Lebens sind Sie denn jetzt gerade?

An einem sehr guten. Ich habe vor drei Jahren unerwartet eine neue Liebe gefunden. Simone gibt mir Halt und Kraft. Sie ist mein Fels in der Brandung. Jetzt will ich auch beruflich wieder richtig Gast geben. Ich habe immer daran geglaubt, dass ich mit der Musik noch einmal die Kurve kriege. „Gesegnet und Verflucht“ ist ein ganz wichtiges Album für mich. Es ist das Dokument meines Aufbäumens. Und künstlerisch ein absoluter Neuanfang.

Auch geografisch haben Sie sich neu orientiert. Sie leben jetzt im Allgäu. Wegen der guten Luft?

Wegen Simone, meiner Verlobten. Mein Mädchen kommt aus der Nähe von Ulm und hat vor Jahren im Allgäu ihre Heimat gefunden. Jetzt lebe ich seit fast drei Jahren in einem Luftkurort. Meine Lunge profitiert sehr davon.

Sie haben die Lungenkrankheit COPD. Wie geht es Ihnen damit?

Erstaunlicherweise ist die COPD in den vier Jahren seit der Diagnose nicht sonderlich weit fortgeschritten. Meine Gesundheit ist mir alles andere als egal. Ich höre auf meinen Körper, und wenn ich spüre, dass etwas nicht stimmt, gehe ich natürlich zum Arzt. Nur der Vorsorge-Typ, der bin ich nicht. Wir leben wirklich in der freien Natur, inmitten von Wäldern. Ich gehe gern spazieren, und manchmal stelle ich mich einfach zehn Minuten auf den Balkon und atme. So hat die Liebe auch etwas Positives für meine Gesundheit bewirkt.

Sind Sie zur Ruhe gekommen?

Ja. Ich hasse Stress und lasse es gemütlich angehen. Wegen der Bypässe, die mir 2016 gelegt wurden, würde ich mich sowieso nicht für den Marathon anmelden. Aber Power Walking, das geht.

Da war er gerade mal Mitte 20: Nino de Angelo im Jahr 1989. Sein größter Hit, „Jenseits von Eden“, lag da schon eine Weile zurück.
Da war er gerade mal Mitte 20: Nino de Angelo im Jahr 1989. Sein größter Hit, „Jenseits von Eden“, lag da schon eine Weile zurück. | Bild: dpa

Leben Sie gesund?

Ich lebe relativ gesund. Gut, ich rauche noch, und viele Menschen verurteilen mich sehr, weil ich COPD habe und rauche, aber das tut mir einfach gut. Rauchen entspannt mich. Grundsätzlich ist es so: Wenn man exzessiver ist als andere Menschen, ist die Gefahr, dass man über die Strenge schlägt, sehr groß. Ich versuche, mir nicht selber weh zu tun.

Das heißt, abends ein Gläschen Wein anstatt drei Flaschen?

(lacht) Da ist ja noch ein weites Feld dazwischen. Eine halbe Flasche Wein hat noch keinen umgebracht. Aber nicht jeden Abend.

Ihr Album „Gesegnet und Verflucht“ hat mit Schlager nichts zu tun. Wollen Sie jetzt die Lücke schließen, die der Graf von Unheilig hinterlassen hat?

Als ich damals „Geboren um zu leben“ hörte, dachte ich: „Scheiße, das wäre mein Hit gewesen.“ Mit diesem Album wollte ich vor allem nicht so weitermachen wie bisher. Auf noch so ein komisches Pop-Schlager-Album, das sowieso keinem den Hering vom Teller zieht, hatte ich keinen Bock. Ich wollte etwas machen, das authentisch ist und mich als Nino de Angelo nach 40 Jahren im Showbusiness widerspiegelt, einen Mann mit Ecken und Kanten. In dieses Album hat mir keiner reingequatscht, ich habe es so gemacht, wie ich wollte. Ich denke, es ist mein Meisterwerk.

Nino de Angelos Album „Gesegnet und Verflucht“ hat es auf Platz zwei der Charts geschafft.
Nino de Angelos Album „Gesegnet und Verflucht“ hat es auf Platz zwei der Charts geschafft. | Bild: Franz Schepers/Ariola/Sony Music

Viele Ihrer Songs handeln von der Liebe zu sich selbst.

Das ist so. Wenn du dich selbst nicht liebst, bist du auch nicht imstande, andere zu lieben. Wenn du dich selbst betrügst, wirst du auch andere betrügen.

Wie haben Sie gelernt, sich so zu akzeptieren und zu lieben, wie Sie sind?

Das war ein langer Prozess. Ich habe mich ja selber mit meinen Exzessen misshandelt. Ich musste lernen, mir zu verzeihen. Für mich geht es darum, Frieden in mein Leben zu bringen, mich nicht aus der Bahn werfen zu lassen.

Mit 19 hatten Sie einen Nummer-eins-Hit mit „Jenseits von Eden“, das in einer neuen Version auch auf „Gesegnet und Verflucht“ enthalten ist.

Da schließt sich der Kreis. Ich war mit 19 Jahren Millionär. Das war viel zu früh. Auf der anderen Seite sollte es so sein, und ich bereue keine Sekunde. Danach gab es auch viel Misserfolg, ich war in den Köpfen der Leute der gefallene Engel, aber ich blieb auch interessant, weil ich nicht liegen blieb, sondern immer wieder aufstand. Rückblickend würde ich sagen: Ich habe vieles falsch gemacht, aber auch vieles richtig.