Frau Furtwängler, Ihr Tatort scheint sich bewusst auf dünnem Eis zu bewegen.

Ah, ja?

Frauenmorde und Geflüchtete als Verdächtige – haben Stefan Krohmer und Daniel Nocke das in Zeiten rechtspopulistischer Spaltung bewusst gewählt?

Im Sinne von, weil sie die Spaltung vertiefen wollen, sicher nein. Das hätte niemand von uns mitgemacht, da können Sie sicher sein. Was die Ausarbeitung und Umsetzung betrifft, müssten Sie Stefan Krohmer und Daniel Nocke direkt fragen. Ausgangspunkt für die NDR-Redaktion war ein realer Fall, der diesem Tatort zugrunde liegt.

2016 in Freiburg.

Als Ausgangspunkt. Wichtig ist, mit wie viel Fingerspitzengefühl man potenzielle Vereinnahmung von der falschen Seite angeht. Das war uns allen jederzeit bewusst. Auch weil es fatal wäre, den Eindruck zu erwecken, diese Art Verbrechen sei erst durch andere Kulturen nach Deutschland gekommen oder verstärkt worden.

Vergewaltigung und Mord an Frauen sind in unserer Gesellschaft schon immer präsent, die Täter sind primär im sozialen Umfeld verortet. Alle zweieinhalb Tage wird eine Frau vom Partner oder Ex umgebracht.

Die Soziologie spricht von Femizid.

Der ist nicht importiert, sondern ein dramatisches Nebenprodukt patriarchaler Strukturen, die es bei uns ebenso gibt wie überall sonst in der Welt. Machen wir uns nichts vor: Von Millionen Geflüchteten sind die allermeisten achtbare Menschen. Aber genauso wie zu uns Biodeutschen auch Verbrecher jedweder Couleur gehören, gibt‘s die auch unter denen, die vor Krieg, Hunger oder Klimawandel fliehen.

Arbeitet der Tatort Versäumnisse von 2015 auf, als über syrische Flüchtlinge im Angesicht rechtspopulistischer Abwehr vor allem positiv berichtet wurde?

Nein. Das ist nicht die Aufgabe eines Sonntagabend-Krimis. Davon abgesehen hat sich die Berichterstattung über Geflüchtete ab 2016 bereits stark ins Negative verschoben. Und in diesem Kontext von Versäumnissen zu sprechen, scheint mir generell nicht passend.

Haben Sie bei der Auswahl Ihrer Rollen das Bedürfnis, etwas gesellschaftlich Relevantes zum Ausdruck zu bringen?

Tatorte sollen, dürfen und wollen keine Debattenbeiträge sein. Klar haben wir die Chance, aktuelle Ereignisse aufzugreifen – aber doch nicht als politisches Statement, sondern als Bezugsrahmen. Für die Inhalte sind zwar Redaktion, Buch und Regie verantwortlich, ich hatte jedoch im Vorfeld durchaus Diskussionen mit dem NDR über das Narrativ, also warum wir schon wieder aus der Perspektive männlicher Täter statt der des weiblichen Opfers erzählen.

2019 waren sie erstmals Seite an Seite im Tatort zu sehen: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, links) und Florence Kasumba (Anaïs ...
2019 waren sie erstmals Seite an Seite im Tatort zu sehen: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, links) und Florence Kasumba (Anaïs Schmitz). | Bild: NDR/Christine Schroeder

Der Wikipedia-Eintrag Ihrer Kommissarin Charlotte Lindholm hat vier Seiten …

Nicht wirklich! Was steht denn da drin?

Eine Menge, von Diebstählen als Kind bis zur Heirat eines weit älteren Manns.

Das hat sich jemand früh ausgedacht, spielte aber bislang keine Rolle. Angeblich soll sie Jahrgang 1968 sein. Da Kommissarinnen mit 63 in Rente gehen, hab‘ ich noch ein paar Jahre mit ihr. Schließlich haben wir längst heimlich geheiratet. (lacht) Ich erinnere mich, mit Euphorie, aber auch Naivität in den ersten Fall gestolpert zu sein und mir wer-weiß-was ausgedacht zu haben, was Charlotte alles kennzeichnet.

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Zum Beispiel?

Ach, dass sie außen ein bisschen trottelig ist und innen helle, so mit Miss-Marple-Hut. Der lag lange in der Requisite, aber die Regisseure meinten: „Maria, lass den bitte liegen!“ (lacht) Zum Glück! Eine Marotte von mir hat sich allerdings durchgesetzt: Dass sie stets ihr eigenes Kopfkissen ins Hotel bringt, das mache ich auch. Ansonsten ergibt sich meiste aus den Fällen, sollte schlüssig sein und nichts suggerieren, was sie nie täte – da verstehe ich mich als Anwältin der Figur.

Nur Anwältin oder auch Freundin?

Beides. Ein Zeichen dafür ist, dass wir dieselben ausgelatschten Stiefeletten von Miu Miu tragen, die ich selbst mal mit zum Set gebracht habe, weil die so gut zu ihrer Jeans passen. Endlich reden wir mal über Fashion … (lacht)

Geht sie Ihnen auch auf den Wecker?

Klar. Wir hatten unsere Krisen – weil ich es nicht mag, mich zu wiederholen. Das führte nicht zur Trennung, sondern zu mehr Sorgfalt mit ihrer Darstellung und der Reduktion auf einen Fall pro Jahr. Seither liebe ich sie umso mehr.

Das Interview wurde bereits vor der Bekanntgabe der Trennung von Maria Furtwängler und ihrem Ehemann Hubert Burda geführt. Eine nachträgliche Frage dazu blieb unbeantwortet.