Frau Burkhart, Sie sind noch sehr jung, stehen aber schon lange vor der Kamera. Wussten Sie früh, dass Sie Schauspielerin werden wollen?

Eigentlich ja. Ich habe mit neun Jahren angefangen, Theater zu spielen. Und ich glaube, ich habe tatsächlich schon als Kind davon geträumt, Schauspielerin zu werden. Ich wusste bloß nicht, wie ich da hinkommen sollte.

Mit 16 Jahren sind Sie dann nach Berlin gegangen. Hatten Sie damals einen konkreten Plan, zum Beispiel auf eine Schauspielschule zu gehen?

Nein, überhaupt nicht. (lacht) Aber ich wollte schon immer unbedingt nach Berlin. Erst mal habe ich meinen Realschulabschluss gemacht. Und dann meinten meine Eltern: „Ja, du kannst nach Berlin gehen, aber nicht einfach so.“ Deshalb habe ich ein Praktikum bei einer Fotografin angefangen, dort war ich ein halbes Jahr, und dann hat sich das mit der Schauspielerei ergeben – ich bin da irgendwie reingerutscht … Ich hatte Castings, und über Bekannte bin ich sogar in einem Musikvideo von Adel Tawil und seiner damaligen Frau gelandet.

Mit 16 Jahren allein in Berlin – wie haben Sie da gelebt?

Ich war eineinhalb Jahre in Berlin und bin in dieser Zeit vier Mal umgezogen. Erst habe ich kurz in einer WG gewohnt, aber danach habe ich allein gelebt. Das war schön … Ich hatte immer meinen Onkel als Ansprechpartner, der in Berlin lebt, und natürlich konnte ich meine Eltern immer anrufen. Aber ich habe mich oft sehr einsam gefühlt. Trotzdem würde ich das alles niemals rückgängig machen wollen – es war sehr aufregend, und ich bin dort erwachsen geworden.

Auf der Schauspielschule waren Sie nicht. Wollen Sie das noch nachholen?

Eine klassische Schauspielausbildung möchte ich nicht machen. Wenn ich ans Theater wollen würde, dann schon, aber ich will in Film und Fernsehen arbeiten. Aber ich habe Workshops gemacht – und das werde ich auch weiterhin machen.

Gerade ist Ihre Webserie „True Demon“ zu Ende gegangen – das ist ja etwas ganz anderes als klassisches Fernsehen. Nicht nur weil sie auf YouTube läuft, sondern auch, weil sie auf den ersten Blick durchaus wie ein authentischer YouTube-Kanal erscheint. Wie gefällt Ihnen das Format?

Ich finde es wirklich sehr spannend. Es ist natürlich ein Format, auf das man sich einlassen muss, weil es eine ganz andere Art von „Fernsehen“ ist. „True Demon“ ist keine TV-Serie, es ist aber auch keine typische Webserie. Durch das YouTube-Format hat sie ja zum Beispiel sehr, sehr viele Schnitte. Wir haben Szenen zwar teilweise durchgespielt, aber das sieht man nicht, weil so viel geschnitten wurde – und das war auch so gewollt.
 

Ben (Marcel Kowalewski, von links), Lukas (Justus Johanssen) und Anna (Olivia Burkhart) machen sich auf die Suche nach der verschwundenen Jess.
Ben (Marcel Kowalewski, von links), Lukas (Justus Johanssen) und Anna (Olivia Burkhart) machen sich auf die Suche nach der verschwundenen Jess. | Bild: Alexander Boehle / funk

Durch das YouTube-Format wirkt die Serie wie aus dem Leben gegriffen. Ist es für Sie als Schauspielerin besonders schwer oder besonders leicht, so etwas zu drehen?

Klar ist es am Ende eine Rolle, aber die besondere Herausforderung war schon, wirklich authentisch zu sein. Natürlich will man als Schauspieler in jeder Rolle authentisch wirken, aber gerade die Monologe bei „True Demon“ waren eine Herausforderung, weil ich da keinen Ansprechpartner hatte, sondern wie eine YouTuberin direkt in die Kamera gesprochen habe. 

Wie würden Sie Ihre Figur Anna beschreiben?

Anna weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie ist noch sehr lost und weiß nicht wohin mit sich. Ich glaube, das Gefühl beschreibt auch die heutige Jugend ganz gut – die sind alle irgendwie auf der Suche nach sich selbst.

Anna hat weiß-graue Haare. Hat sie die von Ihnen?

Ja, die Farbe hat Anna von mir. Ich hatte die Haare schon vor dem Dreh so. Nur die Locken haben wir ihr immer reingemacht, das bin nicht ich.

Konnten Sie bei der Gestaltung Ihrer Figur mitreden?

Auf jeden Fall!

Und gab es ein Drehbuch oder haben Sie viel improvisiert?

Wir hatten ein Drehbuch mit ein paar hundert Seiten Text – es war wirklich alles vorgeschrieben und haben uns auch im Großen und Ganzen daran gehalten. Das glaubt man gar nicht, wenn man sich „True Demon“ anschaut. (lacht) Aber weil das Format so besonders ist und weil es wirklich authentisch sein sollte, habe ich mich, gerade als es um die Monologe ging, oft mit dem Regisseur zusammengesetzt. Wir Schauspieler hatten da schon Spielraum. Ein männlicher Drehbuchautor Mitte 30 hat einfach ganz andere Gedankengänge als ein junges Mädchen, deshalb habe ich überlegt: Wie würde ich das mit meinen Worten sagen? Wie würde Anna das sagen?

Sie sind auf Instagram aktiv, aber einen YouTube-Kanal haben Sie nicht, oder?

Nein, da schaue ich mir einfach nur Sachen an, aber selber machen will ich das nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, dass sich das mal ändert?

Nein, ich kann das für mich komplett ausschließen. Als ich nach Berlin gegangen bin, damals mit 16, da wollte ich tatsächlich mal einen YouTube-Kanal aufmachen, aber das ist lange her. (lacht) Erstens würde ich bei der Menge an Kanälen wahrscheinlich total untergehen, und zweitens ist das auch nicht meins, im Internet so offen über mein Leben zu reden. Bei „True Demon“ konnte ich mich ja quasi hinter der Rolle verstecken.

Von wem bekommen Sie eigentlich Feedback?

Wenn man sich auf YouTube die Kommentare anschaut, merkt man, dass die in den meisten Fällen von Kindern oder Jugendlichen kommen. Ich persönlich schätze, dass viele unserer Zuschauer so zwischen zehn und 16 Jahren alt sind, die fiebern da total mit und feiern das. Selbst Freunde von mir, die vom Alter nicht in die Zielgruppe passen, finden das Format sehr spannend.

Wie schauen Sie eigentlich fern – und was?

Einen Fernseher habe ich nicht mehr, seit ich zu Hause ausgezogen bin. Wenn ich was schaue, dann auf dem Laptop, also vor allem Netflix, aber auch viel Arte.

Ein Leben ohne Smartphone, ohne Internet – könnten Sie sich das vorstellen?

Ich versuche wirklich, die Zeit zu reduzieren, aber wenn ich ehrlich bin, ist meine Antwort nein.

Das Spannende an „True Demon“ sind ja auch die Mystery-Elemente. Mögen Sie das Übernatürliche?

Ja , auf jeden Fall. Es macht wahnsinnig viel Spaß, so etwas zu spielen, eben weil es spannend ist. Quasi auf Knopfdruck durch den Wald zu rennen und herumzuschreien – so etwas macht mir wirklich Spaß. Gucken ist da schon schwieriger … Ich grusele oft total, wenn ich mir selbst Mystery-Serien anschaue.

Was für Serien schauen Sie denn so?

„Friends“ läuft bei mir immer. Und „Stranger Things“ mag ich auch.

Und da gruseln Sie sich nicht?

Doch, deswegen habe ich auch sehr spät damit angefangen – erst als die dritte Staffel rauskam. Ich finde die Serie wahnsinnig krass. Das sind ja alles Kinder, die da spielen, und die sind ist echt unglaublich! Und die Serie ist einfach gut gemacht.

Sie haben ja schon einige Serien gemacht, angefangen mit „Tiere bis unters Dach“. Würden Sie auch gern mal einen richtig großen Film machen?

Auf was Historisches hätte ich auf jeden Fall Bock. Allein wegen der Kostüme und weil man da als Schauspieler einfach noch mal komplett umdenken muss, wenn es darum geht, wie man sich bewegt und wie man spricht. Aber ich habe grundsätzlich Lust zu spielen und bin allem gegenüber offen.

Sie wohnen in Frankfurt am Main. Warum eigentlich nicht zum Beispiel Berlin? In Frankfurt leben vermutlich nicht besonders viele Kollegen, oder?

Aber ich habe vor Kurzem erfahren, dass es bei mir um die Ecke sogar eine gute Schauspielschule gibt – da war ich allerdings schon drei Jahre in Frankfurt. (lacht) Natürlich ist Frankfurt keine Film- oder Serienstadt wie Berlin oder Köln. Dass ich dorthin gezogen bin, hat sich eigentlich zufällig ergeben. Aber jetzt werde ich sowieso wieder nach Berlin ziehen.

Auf der Internetseite Ihrer Agentur kann man lesen, dass Sie Einrad fahren. Wie sind Sie denn darauf gekommen?

Das habe ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht! Ich weiß noch, dass meine Agentin mich damals – da war ich 17 – gefragt hat, was ich alles kann … Na ja, und so mit elf, zwölf bin ich bei uns im Dorf eben Einrad gefahren.

Und können Sie es noch?

Ich glaube schon. Mit ein bisschen Übung bestimmt.

Schauspieler beherrschen ja so manche Tricks – zum Beispiel auf Kommando weinen. Wie haben Sie das gelernt?

Ich habe mich zum Beispiel selber beobachtet. Wie fühle ich mich, wenn ich weine? Wie sieht mein Gesicht dabei aus? Das hole ich dann vor, wenn ich es brauche. Und irgendwann bekommt man da auch Routine.

Sie wurden in Emmendingen geboren. Sind Sie dort auch aufgewachsen?

Ich bin dort zur Schule gegangen, aber als ich so 13, 14 Jahre alt war, sind wir nach Freiburg gezogen – meine Eltern hatten dort studiert.

Sind Sie manchmal noch dort?

Ja, klar. So, wie sich es sich ergibt. Weihnachten, Ostern, mal am Wochenende.

Und fühlt es sich noch wie Heimat an?

Klar! Wenn ich zu meinen Eltern komme, fühle ich mich zu Hause, auch wenn sie mittlerweile in einer anderen Wohnung leben. Aber meine Eltern sind einfach mein Zuhause – da spielt der Ort gar nicht unbedingt eine Rolle. Bei Emmendingen und Freiburg ist es so, dass ich da eigentlich immer raus wollte, weil es mir irgendwann einfach zu klein war. In der Großstadt fühle ich mich einfach wahnsinnig wohl. Da geht es mir wie Anna in „True Demon“, die will ja auch raus aus ihrem Leben. (lacht)

Zur Person

Olivia Burkhart (23) stammt aus Baden-Württemberg. Mit 16 Jahren zog sie nach Berlin und kam dort mehr oder weniger zufällig zur Schauspielerei. Sie war seitdem unter anderem in der ARD-Serie „Tiere bis unters Dach“ zu sehen und spielte 2015/2016 eine Rolle in der RTL-Seifenoper „Unter uns“. Serie liegen der Schauspielerin – zuletzt war sie im funk-Format „True Demon“ auf YouTube und in der Netflix-Produktion „Skylines“ zu sehen.