Frau Berben, im Drama „Hanne“ spielen Sie eine Frau, die möglicherweise bald sterben muss und sich daraufhin noch einmal voll ins Leben stürzt. Eine nachvollziehbare Reaktion?

Für mich persönlich ist das eine nachvollziehbare Reaktion, aber das kann man natürlich nicht verallgemeinern. Wir sind ja alle so unterschiedlich gestrickt in unseren Gefühlen und in dem Maß, in dem wir am Leben hängen. Ich würde mir wünschen, diese Souveränität zu haben, wie sie Hanne hat, wenn mir ein Arzt sagen würde, dass ich möglicherweise todkrank bin. Ich finde es bewundernswert, wie sie die Situation annimmt und sich in gewissem Sinne auch treiben lässt, ohne jetzt zu glauben, sie müsste noch möglichst viel regeln oder abarbeiten.

Würden Sie es auch so machen?

Das ist natürlich eine hypothetische Frage, man weiß es nicht. Ich bin ja in einem Alter, in dem man sich natürlich immer mal wieder über die Endlichkeit Gedanken macht, und ich könnte mir zumindest vorstellen, dass ich ähnlich mit der Situation umgehen würde wie Hanne – also schauen, was möglich ist und was sich ergibt. Das Spannende an unserem Film ist ja auch, dass Hanne noch gar nicht genau weiß, wie die Diagnose letztendlich ausfallen wird.

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Stichwort Endlichkeit: Verleiht vielleicht erst der Tod dem Leben seinen Sinn, wie manche Philosophen sagen?

Nee, das würde ich nicht unterstreichen, dafür lebe ich viel zu gerne. (lacht) Der Tod ärgert mich, wenn ich ehrlich sein soll, ich will ihn nicht haben, er soll nicht um mich herum sein – und ich habe ihn in den vergangenen Jahren oft um mich herum gehabt. Ich habe Freunde verloren, Kollegen sind gestorben. Ich liebe das Leben mit allem, was dazugehört. Es ist doch ungeheuer spannend, dass wir in diesem Universum ein paar Jahre haben, die wir mit unseren Möglichkeiten gestalten können. Ich ärgere mich, dass irgendwann der Sensenmann ums Eck kommt und alles vorbei ist.

Aber ist es nicht auch so, dass wir das Leben mehr zu schätzen wissen, weil wir wissen, dass es endlich ist?

Ja, natürlich. Das Wissen, dass wir nur eine begrenzte Zeit haben, macht uns klar, dass wir unsere Möglichkeiten ergreifen müssen. Wenn wir unsterblich wären, hätten wir gar nicht die Chance, das Leben so tief zu empfinden.

Denken Sie oft an den Tod?

Berben: Oft nicht, aber er ist schon ein Begleiter, der sich immer mal meldet – und je nachdem, in welcher Verfassung ich gerade bin, gehe ich damit um.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber Angst davor, nicht mehr dabei zu sein – nicht als Schauspielerin, sondern einfach als Mensch. Gerade die vergangenen 20, 30 Jahre waren doch sehr spannend, was es da alles an technischen oder medizinischen Entwicklungen gegeben hat. Ich bin schon neugierig, wie es weitergeht, wie die Menschheit auch mit neuen Herausforderungen umgeht. Das alles würde ich gerne noch eine Weile miterleben.

Hanne (Iris Berben) ist auf dem Weg in den Ruhestand – genießen kann sie ihn (noch) nicht.
Hanne (Iris Berben) ist auf dem Weg in den Ruhestand – genießen kann sie ihn (noch) nicht. | Bild: NDR / Julia von Vietinghoff

Im Film geht es ganz wesentlich um die Frage, wie man richtig lebt. Was macht für Sie das richtige Leben aus?

Ich glaube, die Fähigkeit, nicht alles für selbstverständlich zu nehmen und mit offenen Augen und offenem Geist durchs Leben zu gehen. Das Leben bietet uns so viel an Möglichkeiten an: Ob es die Natur ist, ob es Freundschaften sind oder die Geburt eines Menschen. Es gibt so viele Momente, die das Leben lebenswert machen. Wir strampeln und suchen, sind permanent gefordert, haben eine so schöne, aufregende Welt. Es gibt viel Schönes in diesem Leben.

Wie war die Zusammenarbeit mit Kultregisseur Dominik Graf?

Toll, es war ja meine erste Zusammenarbeit mit ihm und hat die Erwartungen, die ich daran hatte, voll erfüllt.

Was ist denn so toll an ihm?

Er liebt Schauspieler, und damit meine ich: Dominik Graf ist an ihrer Seite, fühlt sie, erarbeitet etwas gemeinsam mit ihnen. Da hat er – auch entgegen seinem Ruf, der ihm vielleicht ein bisschen anhaftet – alle Geduld der Welt, und er schafft es vor allem, Dinge aus einem herauszuholen, von denen man selber überrascht ist.

Er soll ja sehr dominant sein, heißt es.

Damit hatte ich überhaupt kein Problem. Ich habe in meinem mehr als 50 Jahre dauernden Berufsleben schon Erfahrungen mit den verschiedensten Regisseuren gemacht – da gab es laute und leise und verklemmte und intellektuelle und Machos und was weiß ich nicht alles. Wenn ein Regisseur am Drehort eine gewisse Dominanz ausstrahlt, weil er von allen Höchstleistungen einfordert, kann ich damit sehr gut leben.

Lassen Sie sich denn überhaupt noch was sagen von einem Regisseur?

Aber sicher lasse ich mir was sagen, und wie! (lacht) Wenn ich nicht so einen Oberindianer am Set habe, dann bin ich unsicher.