Frau Richter-Röhl, Sie haben mal gesagt, die Winzerin Anne Wader, die Sie in der ARD-Reihe „Weingut Wader“ spielen, sei ein Arbeitsvieh. Wie meinen Sie das?

Ich glaube, bei Anne fehlt einfach die Trennung zwischen Arbeit und Leben oder Arbeitsleben und Privatleben. Das ist bei ihr alles eins, weil sie in Gedanken eigentlich immer bei ihrem Wein ist. Das hilft mir als Schauspielerin natürlich total, weil ich so automatisch einen Unterbau für die Figur habe und mich schnell in sie hineinversetzen kann. Ich ziehe mir ihre Kleidung an und dann bin ich Anne. Der Wein, die Weinberge, die Natur, der Boden, das Wetter – das alles ist immer in ihr drin und das macht diese Figur so bodenständig. Das meine ich mit dem Arbeitsvieh.

Fällt es Ihnen auch so schwer wie Anne, eine Grenze zu ziehen zwischen Arbeit und Privatleben?

Das fällt mir in der Tat nicht leicht. Wobei es oft schon allein dann eine Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben gibt, wenn ich nicht zu Hause in Berlin drehe. Dann bin ich nur am Wochenende daheim, und manchmal besucht mich meine Familie beim Dreh – aber sonst sind diese beiden Leben automatisch getrennt, und wenn ich abends ins Hotel gehe, dann arbeite ich und lerne zum Beispiel meinen Text. Im Moment ist aber alles ein bisschen anders, weil ich in Berlin für eine Theateraufführung probe. „Skylight“ ist ein wahnsinnig komplexes Stück, da kann man abends nicht abschalten. Ich habe unfassbar viel Text und muss lernen, lernen, lernen. Aber wir wussten alle vorher, dass das eine Herausforderung wird. Zum Glück ist meine Familie da sehr tolerant und unterstützt mich.

Es ist das erste Mal seit längerer Zeit, dass Sie wieder auf der Bühne stehen, oder?

Die Komödie am Kurfürstendamm hat in den vergangenen Jahren immer mal wieder angefragt, aber es war für mich nie dieses eine Stück dabei, für das ich bereit gewesen wäre, diese Reise auf mich zu nehmen, weil es einfach sehr viel Arbeit ist. Ich habe schon die Sehnsucht gehabt, Theater zu spielen. Aber es musste ein Stück sein, für das ich eine Leidenschaft entwickeln kann, die mich über viele Wochen trägt. Bei dem ich weiter machen will, auch wenn ich eigentlich gar nicht mehr kann. Und dann kam eben „Skylight“ und meine Leidenschaft wurde auf Anhieb geweckt. Mit „Skylight“ komme ich an meine Grenzen und vielleicht sogar darüber hinaus. Ich kenne das Stück schon lange, ich habe es vor Jahren gelesen und so geheult! Es ist einfach wunderschön und ein riesengroßes Glück, dass ich das spielen darf.

Anne Wader (Henriette Richter-Röhl) möchte nicht, dass Dieter Ardenberger (Gerhard Fehn) Pestizide einsetzt – schließlich ist sie Bio-Winzerin.
Anne Wader (Henriette Richter-Röhl) möchte nicht, dass Dieter Ardenberger (Gerhard Fehn) Pestizide einsetzt – schließlich ist sie Bio-Winzerin. | Bild: ARD Degeto / Frank Dicks

Glauben Sie, dass Sie nach Ihrer langen Theaterpause bei der Premiere großes Herzklopfen haben werden?

Ehrlich gesagt war das keine Pause – ich stand noch nie auf einer großen Bühne. Im Studium spielt man vor Kommilitonen, Lehrern, Familie und Freunden, das ist ein ganz kleines Publikum. Aber im Moment bin ich positiv aufgeregt.

Zurück zum „Weingut Wader“. In der Reihe spielt die Familie ja eine große Rolle. Wie wichtig ist Familie für Sie?

Die Familie ist bei Anne im Grunde auf einen ganz kleinen Kreis beschränkt. Da sind ihre Mutter und ihr Bruder, der Rest ist zerstritten. Auch bei mir ist der innere Kreis ein kleiner. Mein Mann und meine Kinder geben mir Ruhe und Sicherheit, das ist die Familie, um die man nicht großartig kämpfen muss, die ist immer da – und das ist schön. Darüber hinaus kann es aber auch schwierig sein. Ich finde, Familie kann anstrengend und aufregend zugleich sein. Man kann daraus so viel schöpfen. Ich lese auch gern Bücher, um zu durchdringen, welche Mechanismen es zwischen Familienmitgliedern gibt. Das hilft mir für meine Arbeit natürlich ungemein. Und das macht für mich auch „Weingut Wader“ so interessant, weil die Familie in der Reihe sozusagen erbarmungslos seziert wird.

Anne ist ja nicht einfach nur Winzerin, sondern Bio-Winzerin. Sind Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit auch für Sie wichtig?

Ja, und es überrascht mich, dass es nicht viel mehr Menschen so geht, dass das nicht für jeden ein großes Thema ist. Ich habe zwei Kinder und allein deshalb will ich versuchen, die Fehler, die ja auch wir gemacht haben, wieder gut zu machen.

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Und wie sieht das dann bei Ihnen aus?

Ich fahre nur Fahrrad und überhaupt kein Auto, außer wenn es unbedingt sein muss. Und ich kaufe vor allem Bio-Lebensmittel. Fleisch essen wir sowieso nicht bis kaum. Wir beziehen auch Ökostrom, und ich versuche, Verpackungen zu vermeiden, wo es nur geht. Damit gehe ich am Set immer allen auf den Geist. (lacht) Ich kann natürlich niemandem vorschreiben, nur noch Bioprodukte zu kaufen, aber ich kann darauf hinweisen, dass Bio nicht immer teuer sein muss. Und dass man eben nicht immer aus Plastikflaschen trinken muss. Bei „Weingut Wader“ haben nachher alle ihre eigenen Tassen mitgebracht.

Wie viel Zeit investieren Sie eigentlich in die Theateraufführung?

Ich probe fünf Stunden am Tag, aber dazu kommt eben noch das Textlernen. Und die Fahrzeit – ich brauche mit dem Fahrrad eine Dreiviertelstunde hin und eine Dreiviertelstunde zurück. Da kommt schon einiges zusammen.

Wie lange laufen die Proben schon?

Wir proben seit Mitte Oktober und noch bis Ende November, dann ist die Voraufführung und am 1. Dezember die Premiere. Und dann spielen wir fast jeden Tag bis zum 29. Dezember …

Zeit, um Geschenke zu kaufen oder sich auf Weihnachten zu freuen, bleibt da aber nicht wirklich.

Das stimmt. Ich habe versucht, das positiv zu sehen, weil dann auch der ganze Stress an mir vorbeigeht. Aber das ist natürlich Quatsch. Erstens liebe ich Weihnachten und gerade die Vorweihnachtszeit und finde sie überhaupt nicht stressig. Und zweitens sind meine Kinder total traurig, vor allem die Große, weil in diesem Jahr alles so anders ist. Ich habe gemerkt, dass mir diese Zeit wichtig ist, und mir vorgenommen, dass ich es trotzdem irgendwie schaffe, Adventskalender für die Kinder zu basteln. Das mache ich dann halt nachts. Dann bin ich am nächsten Morgen zwar total müde und stinkig, aber das ist dann halt so. (lacht) Im Dezember kommt meine Schwiegermutter aus Österreich und unterstützt uns. Sie ist sehr traditionell und ich glaube, sie macht das alles noch viel schöner als ich. Da werden die Kinder froh sein! Und am 23. und 24. Dezember bin ich ja auch zu Hause.

Ihre große Tochter war immer mal wieder mit Ihnen auf dem roten Teppich zu sehen – da trug sie eine Maske. Wird das so bleiben?

Sie dreht jetzt auch ein bisschen und braucht dadurch nicht mehr ganz so viel Schutz vor der Öffentlichkeit.

Der Schauspieler Henriette Richter-Röhl und Gregory B. Waldis spielten in der ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“ ab 2005 das erste Liebespaar. Die Serie läuft nach wie vor.
Der Schauspieler Henriette Richter-Röhl und Gregory B. Waldis spielten in der ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“ ab 2005 das erste Liebespaar. Die Serie läuft nach wie vor. | Bild: ARD / Jo Bischoff

Sie sind ja durch die Telenovela „Sturm der Liebe“ so richtig bekannt geworden. Ist das ein Kapitel Ihres Berufslebens, an das Sie sich gern erinnern?

Ich erinnere mich total gern daran! Das war einfach wie ein Rausch, weil wir so viel gedreht haben, eigentlich unmenschlich viel. Jeden Tag eine Folge, da ging es manchmal nur darum zu funktionieren. Aber die Produzenten wussten genau, was sie tun. Das ganze Team hat für diese Serie gebrannt. Damals war das Format in Deutschland ja noch ganz neu, und wir hatten richtig Spaß daran. Wir waren allerdings so beschäftigt, dass wir gar nicht wirklich mitbekommen haben, wie erfolgreich „Sturm der Liebe“ war. Rückblickend denke ich, dass mir das vielleicht ein paar Castings versaut hat, weil ich den Stempel „Telenovela-Schauspielerin“ hatte. Aber geschadet hat mir „Sturm der Liebe“ nicht, ich habe weiterhin viel gearbeitet, habe schöne Rollen gespielt und kann mich mit meinem Beruf einfach total glücklich schätzen.