Tim, deine Plattenfirma schreibt, du hättest „radikal ausgemistet“. Wo genau?

In wirklich in allen Bereichen des Lebens. Angefangen habe ich tatsächlich in meinem Kleiderschrank. Ich habe alles aussortiert oder verschenkt, was ich nicht anziehe. Ich wollte meinen Besitz so sehr aufs Wesentliche reduzieren, dass ich innerhalb von einem Tag alles für einen Umzug packen könnte.

Und danach?

Habe ich versucht, mehr Struktur in mein Leben zu bringen. Ich habe angefangen, mir Routinen anzugewöhnen, zum Beispiel jeden Morgen Sport zu machen. Auch ernährungstechnisch habe ich geguckt, was mir guttut. Nicht ganz so viel Filterkaffee trinken, nicht ständig Fleisch essen, einfach nicht immer nur Quatsch in mich reinschaufeln. Ich hatte auch eine kurze vegane Phase, jetzt denke ich, dass ich ein gutes Zwischenmaß gefunden habe. Und zuhause habe ich mir einen kleinen Fitnessraum eingerichtet, da mache ich viel mit dem eigenen Körpergewicht.

Ist das schon alles in Sachen Aufräumen?

Umgezogen bin ich auch. Zuletzt habe ich richtig auf dem Land gewohnt, alleine am Waldrand und ohne Nachbarn. Das war total schön, nur neige ich zu Missionen. Das heißt: Ich baue ein Gewächshaus. Oder ich entkerne mit dem Vorschlaghammer den Keller – im Blaumann, um später am Tag vor 10 000 Leuten ein Konzert zu spielen. Das Haus war mir dann auf Dauer aber zu groß, und die Arbeit zu viel. Ich wollte alles eine Nummer kleiner haben. Dann habe ich versucht, wieder nach Berlin zu ziehen, aber das ging nicht mehr, zu voll, zu laut. Jetzt lebe ich in Potsdam und liebe es.

Cover von Tim Bendzkos neuem Album „Filter“. Es ist vor wenigen Tagen bei Sony erschienen.
Cover von Tim Bendzkos neuem Album „Filter“. Es ist vor wenigen Tagen bei Sony erschienen. | Bild: Bild: Sony/dpa

„Filter“ ist dein viertes Album. In „Hoch“ sagst du: „Auch wenn wir schon weit gekommen sind/ Wir gehen immer weiter hoch hinaus.“ Hört sich an wie eine Sporthymne.

An Sport haben wir beim Schreiben gar nicht gedacht. Für mich ist das ein Motivationssong. Es geht darum, sich ein Ziel zu setzen und es auch zu erreichen. Es geht um die letzten Meter, die immer die schwersten sind. Worum es genau nicht geht, ist dieses „höher, schneller, weiter“. Dass man den Berg erklommen hat und sich gleich den nächsten, noch höheren Berg vornimmt. Ich finde es ganz schlimm, mit nichts zufrieden zu sein und sich nicht einfach mal hinsetzen und sich freuen zu können.

In der Musikbranche ist es nicht anders, oder? Du zählst deine Instagram-Follower. Du guckst, ob die neue Single mehr Streams hat als die davor.

Ja, so ist das, und ich finde das bedenklich. „Filter“ ist mein erstes Album, das so richtig in der Streaming-Welt rauskommt. Ich liebe Streaming, ich nutze das seit dem ersten Tag. Bei neuen technischen Errungenschaften bin ich sowieso immer ganz früh dabei und stehe darauf, anderen Leuten zum Beispiel Tricks am Handy zu zeigen, die sie noch nicht kannten. Zuhause habe ich gar keine CDs mehr. Auch Bücher kaufe ich jetzt digital. Letztens war ich in Bali und hatte sechs Bücher dabei. Die hätte ich nie alle in den Koffer gepackt.

Du warst in Bali?

Ja, und es war total schön. Ich habe dort surfen gelernt, zehn Tage lang.

In Australien bist du auch gewesen...

Ja, Anfang des Jahres, in Sydney und in Melbourne. Das war wirklich eine lebensverändernde Reise. Ich fand es auffällig, wie unendlich entspannt die Australier sind. In den ganzen zwei Wochen habe ich keinen einzigen gestressten Menschen gesehen. Die machen sich scheinbar über das Morgen keine Sorgen, sie haben einfach keine Angst vor der Zukunft.

Sollte man jeden Deutschen für zwei Wochen nach Australien verschicken?

Uns geht es ja überwiegend auch extrem gut. Doch die meiste Angst vor Veränderung haben ausgerechnet die, denen es am besten geht. Vielleicht liegt das bei uns am Vitamin D-Mangel. Zu wenig Sonne macht schlechte Laune.

Worum geht es in „Jetzt bin ich ja hier“?

Um überspitztes Selbstbewusstsein. Um dieses Denken, dass man sich nur gut genug finden muss, und dann kann einem nichts passieren“. Trump, Johnson, das sind alles Leute, die offensichtlich vorgeben, mehr zu sein, als sie sind.

Traust du Deutschland jemanden wie Boris Johnson als Kanzler zu?

Möglich ist alles. Wir sind vor so einer Entwicklung auch nicht gefeit. In mir herrscht große Verwunderung, dass die anderen Parteien sich immer noch die Themen von den Rechten aufdrücken lassen, anstatt eigene Ideen zu haben und Angebote zu liefern.

Was würde Bundeskanzler Bendzko als erstes tun?

Auf deutschen Autobahnen ein Tempolimit einführen. Das würde viele Aggressionen aus unserem Land nehmen.

Zur Person

Tim Bendzko, 34, wurde in Ost-Berlin geboren. 2009 bewarb er sich beim Talentwettbewerb Söhne gesucht der Söhne Mannheims und gewann den Platz als Pendant von Xavier Naidoo. Mit dem Hit „Nur noch kurz die Welt retten“, der zum geflügelten Wort wurde, bereitete Bendzko 2011 den Weg mit für all die anderen Deutsch-Pop-Sänger, die seit ihm auf der Bildfläche auftauchten. Er selbst hingegen tauchte erstmal ein bisschen ab, beziehungsweise ging surfen. Nun ist er mit dem Album „Filter“ (Sony) wieder zurück. (rüt)