Vanessa, wenn man Ihr Album-Cover sieht, könnte man meinen, dass Sie sich das Wort Schlager auf die Innenseite der Unterlippe haben tätowieren lassen. Tut das nicht sehr weh?

Ich habe ja mehrere Tattoos, und ich kann aus Erfahrung sagen: Es gibt keine Stelle, an der es angenehm ist. Weh tut es immer.

Ist die Lippen-Tätowierung echt?

Das bleibt mein Geheimnis. Ich verrate das nicht. 

Tätowierung oder Filzstift? Jedenfalls ist das Cover von Vanessa Mais neuem Album "Schlager" ungewöhnlich. | Bild: Marius Sperlich

Könnte ja auch Filzstift sein.

Hält das?

Die fünf Minuten, die man für die Fotos braucht, wahrscheinlich schon.

Das Foto-Shooting hat länger als drei Stunden gedauert. Und Sie werden mir das Geheimnis nicht entlocken. (lacht)

In jedem Fall sieht das Cover ungewöhnlich aus für ein normales Schlager-Album.

Ja, das soll es auch. Wir haben erst ein Foto-Shooting auf Mallorca am Strand gemacht, mit Schminke, schönen Klamotten, so wie immer. Aber das war es irgendwie nicht. Ich wollte ein anderes Bild mit einer anderen Aussage. Etwas Frecheres, Mutigeres.

Schlager ist ein jahrzehntealtes Wort für deutschsprachige Unterhaltungsmusik. Was haben Sie mit dem Begriff vor?

Ihn von seinen Vorurteilen befreien. Und auch die Vorurteile der Leute beseitigen. Ich will die Schublade, auf der Schlager steht, aufmachen, auskippen und aufräumen. Ich mache Schlager und bin stolz darauf, Schlager zu machen, und mit diesem Album will ich zeigen, dass der Schlager sich gewandelt hat. So wie ich ihn verstehe, ist Schlager jung und modern. Er kann nach Pop, nach Dance klingen, und auch ein Rapper darf in ihm vorkommen. Die Kiddies schreiben mir, dass sie in der Schule gemobbt werden, wenn sie sagen, dass sie Schlager hören. Aber wenn sie meine Lieder vorspielen, dann fänden die anderen die cool.

Sie haben Ihre neuen Lieder zum Teil in Los Angeles aufgenommen. So rein von der Produktion her könnten die auch von Katy Perry sein.

Danke. Genau das meine ich. In L.A. ist meine Musik Pop-Musik. Ich bin rübergegangen, weil mit Lukas Loules einer meiner Produzenten seit Jahren dort arbeitet. Ich dachte früher immer, man nimmt nur in Amerika auf, und dann damit zu prahlen, aber dann war es wirklich eine sehr schöne und besondere Erfahrung. Ich habe wirklich in dem Studio gearbeitet, in dem Prince und Michael Jackson und viele andere schon waren. Schon Wahnsinn, da so durch die Gänge zu laufen und all die Goldenen Schallplatten zu sehen, so als kleines deutsches Mädchen.

Sind Sie nicht sowieso ein großer Michael-Jackson-Fan?

Mein Gott, ja, als Kind war Michael mein größtes Idol. Und plötzlich stehe ich da, wo Michael schon gestanden ist und gesungen hat. Meine ganze Kindheit war geprägt von Michael. Ich fand alles toll, seine Musik, seine Art zu tanzen. Er hat als Künstler wirklich etwas bewegt und Spuren hinterlassen. Michael Jackson war revolutionär. Ich bin überzeugt, dass wir jemanden wie ihn nie mehr bekommen werden.

Haben Sie in Los Angeles noch Urlaub drangehängt?

Ein bisschen. Wir sind durch die Wüste bis nach Las Vegas gefahren, einfach ab ins Auto und los. Ich bin ja eh ein riesiger Natur-Fan, und auf dieser Fahrt konnte ich wunderbar abschalten, fühlte mich total frei.

Sie waren mit 16 in Las Vegas als Teilnehmerin der Hip-Hop-WM. Hat sich die Stadt sehr verändert?

Sie ist noch gigantischer geworden, aber Vegas wird immer Vegas bleiben. Du stehst einfach da und denkst: "Wow!"

Denken Sie auch, dass Sie in 20 Jahren dort eine Show haben möchten?

Nein. Das denke ich nicht. Ich mache nächstes Jahr erstmal meine Arena-Tour. Weiter denke ich gar nicht. Das wird Herausforderung genug.

Sie sind unglaublich fleißig, machen jedes Jahr ein neues Album.

Das wird mir gerne negativ ausgelegt. So nach der Devise, dass ich mir nicht genug Zeit lassen würde. Ich bin jemand, der sich gerne entwickelt, und ich kann ja auch nichts dafür, dass ich immer so viele Ideen habe. Ich fühle mich gut, bin jung und gesund, warum soll ich nicht viel arbeiten?

Ist Stress für Sie meist positiver Stress?

Ja, eigentlich schon. Wenn es mir mal nicht so gut gehen würde, dann wären Andreas (ihr Mann Andreas Ferber, Anmerkung der Redaktion) oder ich aber die ersten, die sagen würden: "Stopp! Pause!" Wenn ich mich in ein neues Projekt reinhänge, dann macht mir das halt immer so viel Spaß, deshalb empfinde ich die Arbeit gar nicht so als Arbeit.

Es heißt, Ihr Bühnen-Unfall im April, bei dem Sie sich schwer den Rücken verletzt haben und anschließend mehrere Wochen behandelt werden mussten, sei durch Überlastung zustande gekommen.

Alle sagen, dass sei ein Zeichen gewesen, dass ich ein bisschen vom Gas gehen und langsamer machen soll. Aber ich sage: Nein, das war ein Zeichen, dass ich bewusster sein muss bei der Arbeit.

Was ist der Unterschied zwischen langsamer und bewusster?

Ich habe immer noch Hummeln im Hintern und mache bis zu 20 Termine am Tag. Aber ich passe auf, dass ich zwischendrin mal durchatme und, ganz wichtig, regelmäßig was esse. Grundsätzlich habe ich durch den Unfall aber nichts an meiner Arbeitsweise geändert.

Machen Sie Yoga, Meditation oder sowas?

Nein, gar nicht. Pausen, essen und früh ins Bett gehen. Und dann wirklich sieben, acht Stunden schlafen. Den ganzen Tag arbeiten und nur abends was essen, das mache ich nicht mehr.

Putzen Sie immer noch gern zur Entspannung die eigene Bude?

Ja, voll. Beim Putzen komme ich runter und vergesse die Anspannung.

Ist Ihr Mann Andreas Ferber, der auch Ihr Manager ist, von seiner Art her ähnlich wie Sie?

Andreas lebt auch leidenschaftlich für das, was wir machen. Aber er ist eindeutig der Kopf von uns beiden. Ich bin das Herz, sehr explosiv und emotional. Und Andreas erdet mich. Zusammen sind wir ein superstarkes Team.

Apropos „superstarkes Team“ – Ihr Stück „Stärker“, der Titel-Song der neuen RTL-Serie „Freundinnen – Jetzt erst recht“, erinnert ein bisschen an „Zusammen“ von den Fantastischen Vier und Clueso. Absicht?

Nö, gar nicht. Aber „Stärker“ ist tatsächlich eine echte Team-Hymne.

Wie war die WM aus Ihrer Sicht?

Super. Mein Vater ist ja Kroate, und ich war echt begeistert, wie toll die Kroaten gespielt und gekämpft haben. Ich fand es sehr cool, dass die WM mal anders lief, als man dachte. Und was die Deutschen angeht: Das war schon alles verdient.

Sind Sie auch so eine typische kroatische Kämpferin?

Total. Das Südländische steckt in mir. Deshalb bin ich wohl auch so emotional und will immer mit dem Kopf durch die Wand.

Halten Sie sich selbst eigentlich für eine Feministin?

Ich bin eine starke Frau, die nachdenklich ist, aber trotzdem ihren Willen gerne durchsetzt. Typisch Stier eben. (lacht) Aber nein, für eine Feministin halte ich mich nicht.

Was macht für Sie eine starke Frau aus?

Das gleiche, was einen starken Mann für mich ausmacht. Eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und Loyalität. Außerdem: Dass man das, was man tun will, auch tut. Leidenschaft und Humor dürfen natürlich auch nicht fehlen. Es kommt auch nicht immer auf die Muskelstärke ein. Eine mentale Stärke ist viel eindrucksvoller.

Aus Ihrer Erfahrung: Ist es für eine junge Frau in der Musik-Branche einfacher oder schwerer, sich nach oben zu kämpfen?

Die Musik-Branche ist kein Honigschlecken. Man muss viel tun für den Erfolg, ist ständig auf Achse und selten zu Hause. Egal ob Mann oder Frau.

Können Sie anderen Frauen Tipps geben, wie man sich durchsetzt?

Selbstbewusst durchs Leben gehen. Den Kopf immer schön oben halten und sich für nichts hergeben, zu dem man nicht hundertprozentig steht.

Sie haben dieses Mal nicht mit Dieter Bohlen zusammengearbeitet. Hat er die Entwicklung auf "Schlager" nicht mitmachen wollen oder können?

Definitiv ist es nicht so, dass wir uns getrennt haben, wie jetzt manche schreiben. Manchmal arbeitet man an einem Projekt zusammen, ein anderes Mal nicht. Dieter wünscht mir nur das Beste.

In „Verdammter Engel“ geht es um einen Mann, mit dem Sie immer wieder im Bett landen, obwohl Sie eigentlich nicht mit ihm zusammen sind. Geht es um jemand Bestimmten?

Das ist einer der Lieblings-Songs von Andreas. (lacht)

Ausgerechnet.

Na ja, ich schreibe meine Texte ja nicht selbst. Trotzdem weiß ich genau, was ich sagen und welche Themen ich ansprechen will.

Also kennen Sie das, zwar nicht mit, aber auch nicht ohne diesen Typen leben zu können?

Na klar. Andreas ist ja nicht mein erster Freund. Natürlich habe ich auch schon solche Geschichten erlebt.

Sie bezeichnen Andreas also immer noch als Ihren Freund? Sie sind jetzt seit gut einem Jahr verheiratet …

Ach so, stimmt, Mann! Auf den Namen Ferber höre ich inzwischen, auch an die Unterschrift habe ich mich gewöhnt. Aber Mann ist noch komisch. Auch umgekehrt. Wenn Andreas sagt „Ich komme mit meiner Frau“, dann denke ich erst: „Mit wem?“ Ein Jahr Ehe ist echt noch nicht lang, wenn man bedenkt, dass man ja hoffentlich ein ganzes Leben zusammenbleiben wird.

Manche schaffen nicht mal ein Jahr.

Stimmt. Ich bin so erzogen, dass ich, wenn ich heirate, auch vorhabe, mein ganzes Leben lang verheiratet zu bleiben. In der Hinsicht bin ich etwas altmodisch.

Wie war Ihr Hochzeitstag im Juni?

Sehr unspektakulär. Der Plan war, ein bisschen zu feiern, aber dann sind wir abends nur was essen gegangen, weil wir beide platt waren. Ich bin da entspannt, ich werde nicht zickig, weil sich der Mann nichts Krasses für den Hochzeitstag überlegt hat. Wir haben uns jeden Tag, und ich finde es viel wichtiger, füreinander da zu sein, wenn es darauf ankommt.

Dran gedacht haben Sie aber schon?

Ja, klar. Haben wir.

Ihr Mops Ikaro ist inzwischen anderthalb Jahre alt. Wie macht er sich?

Er ist mitten in der Hunde-Pubertät. Er hört nicht mehr auf uns, seine Hormone spielen verrückt, da muss man Verständnis für haben. Er ist halt ein kleiner Hund, der noch nicht weiß, wie das Leben läuft. Jedes Mal, wenn eine Hündin vorbeikommt, tickt er aus.

Wie war das bei Ihnen in der Pubertät? Haben Sie auch den Verstand verloren, wenn ein heißer Junge vorbeilief?

Nee, ich war sehr harmlos. Ein richtig liebes Kind. Wirklich pubertär war ich nie. Klar bin ich auch mal zickig gewesen, doch das bin ich heute manchmal noch, das hatte nichts mit der Pubertät zu tun.

Hätten Sie gern eine krassere Jugend gehabt?

Nein, überhaupt nicht. Meine Kindheit war megaschön. Ich hatte auch immer ein superenges Verhältnis zu meinen Eltern. So eine Phase, in der ich die beiden blöd fand, die gab es nie.

Ist Ihre Verbindung immer noch so eng?

Ja. Wir wohnen immer noch in derselben Stadt, in Backnang bei Stuttgart. Ich liebe es nach wie vor, heimzukommen und die Wiesen zu sehen. In Backnang kennt mich jeder, ich kann dort sein, wie ich bin. Ich fühle mich weiterhin sehr wohl dort.

Sie singen in „Ich wollt' dich nur für eine Nacht“ über einen One-Night-Stand, aus dem dann mehr wird. Eine Erfahrung, mit der Sie sich auskennen?

Ich muss überlegen, was überhaupt ein One-Night-Stand ist. Ist es Sex mit einem Menschen, dessen Namen man nicht kennt? Ein einmaliges Abenteuer? Oder darf man hinterher noch befreundet sein?

Ich würde sagen: Man darf noch befreundet sein, geht aber nur einmal miteinander ins Bett. Und, Vanessa, die Namen der Jungs, mit denen Sie geschlafen hben die sollten Sie besser kennen.

(lacht) Ist halt eine Definitionsfrage, über die ich mir, ehrlich gesagt, noch nie Gedanken gemacht habe. Und jetzt brauche ich das ja auch nicht mehr.

Ihre Single "Wir 2 Immer 1" ist ein Duett mit dem Offenbacher Rapper Olexesh. Wie kam das zustande?

Über Instagram. Er hat mich angesprochen, und dann haben wir das ganz schnell vereinbart und aufgenommen. Olexesh war sehr cool und angstfrei, er hat mir gegenüber Respekt und Wertschätzung gezeigt. Der Schlager ist ja nicht seine Welt. Das zeigt, wie locker man über allem stehen und das machen sollte, worauf man Lust hat.

Der harte Straßenrapper und das behütete Schwabenmädchen.

Noch so eine Schublade. Im Rap gibt es genau wie im Schlager alle möglichen Facetten und Spielarten. Er hat da fast noch mehr mit Vorurteilen zu kämpfen als ich.

Es gab ziemlich Aufregung, als Medien ein bestimmtes, sehr böses Wort, das mit F anfängt, bei Ihrem Gesang in "Wir 2 Sind 1" herausgehört haben wollen.

Ich schwöre, ich habe dieses Wort noch nie in den Mund genommen. Aber es war auch witzig, ich habe mir den Song dann selbst angehört und höre es einfach nicht raus. Das ist auch wieder ein Beweis dafür, dass man nur hört, was man hören will.

Haben Sie überlegt, ob Sie schnell noch mal ins Studio gehen und die Stelle klarer singen?

Nein, keine Sekunde lang. Das wäre voll peinlich. Die Medien, die sich auf diese Geschichte gestürzt haben, werfen mir ja auch vor, ich hätte mit Absicht diesen Kraftausdruck benutzt, um in die Medien zu kommen. Oh, Mann. Auch ich fluche manchmal, aber ich würde nie ein Schimpfwort in meinen Texten verwenden und schon gar nicht dieses.

Fragen: Steffen Rüth

Das Album „Schlager“ (Ariola) ist gerade erschienen.