Dirk, in „Tschick“ geht es um zwei Jungs, die sich als Außenseiter empfinden, es geht ums Anderssein. Können Sie sich mit dem Thema des Films und des Romans identifizieren?

Oh ja, selbstverständlich. Das Gefühl des Andersseins, das kenne ich sehr gut.

Wie waren Sie selbst so mit 14, also im Alter der beiden Hauptfiguren Maik und Tschick?

Ich bin in der westdeutschen Provinz aufgewachsen, in Offenburg, einer relativ kleinen Stadt mit 50.000 Einwohnern an der französischen Grenze. Ich habe mich schon ziemlich klar als Außenseiter gefühlt.

Warum?

Weil ich die Aktivitäten, die bei uns für einen weißen, männlichen, wahrscheinlich heterosexuellen Jugendlichen vorgesehen waren, total ablehnte. Alles war sehr auf Sport fixiert, auf Fußball insbesondere, das war überhaupt nichts für mich. Ich war total unsportlich damals. Ich habe mich schon früh, so mit 13, 14, für Rockmusik und für Punk interessiert. Mit meiner ersten E-Gitarre verbrachte ich die Nachmittage im Keller und malte mir Bands aus, in denen ich spielte. Das meiste hat sich zu der Zeit in meinen Träumen abgespielt.

Wussten die anderen denn über Ihre Vorlieben Bescheid?

Klar. Ich habe versucht zu provozieren, vor allem durch Kleidung. Es gab viele Beleidigungen, ich wurde oft als schwul bezeichnet.

Hat Sie das getroffen?

Nee, das hat meine Persönlichkeit eher herausgebildet. So nach dem Motto: „Ihr seid so, und ich bin anders. Ich muss nicht nach euren Regeln spielen.“ So wurde ich zu einer rebellischen, aber auch permanent narzisstisch gekränkten Persönlichkeit … Was für die Produktion von Kunst ja beides nicht so ganz schlecht ist. (lacht)

War Offenburg wirklich so schlimm?

Nein, dort aufzuwachsen hatte auch seine sehr schönen Seiten. Ich habe sehr viel Natur miterlebt und hing an ganz vielen Badeseen herum. Der Mangel bestand im kulturellen Angebot. Der Führerschein war ein großer Zugewinn an Freiheit, nun konnte man nach Basel, Freiburg, Straßburg oder so fahren. Aber erst nach meinem Umzug nach Hamburg fand ich das, was man als Underground oder Szene bezeichnete, oder auch: das wilde Leben.

Sie sind Gast-Sänger bei den Beatsteaks, gemeinsam geben Sie die von Ihnen ins Deutsche übersetzte Version von „French Disko“, eines Songs der Indie-Band Stereolab aus den 90er-Jahren zum Besten. Wie kam es dazu?

Arnim Teutoburg-Weiß, der Sänger der Beatsteaks, rief mich im Juni an und erzählte mir, dass die Beatsteaks gefragt wurden, den Titel-Song für die „Tschick“-Verfilmung zu machen. Sie hatten sich für „French Disko“ entschieden, jedoch festgestellt, dass der mit starkem Akzent gesungene Text gar nicht auf Französisch, sondern auf Englisch ist. Und dass die Worte sehr politisch sind, das ganze Lied fast wie ein marxistisches Pamphlet daherkommt. Also fragte Arnim mich, ob ich das nicht ins Deutsche übersetzen möchte.

Gesagt, getan.

Genau. Ein paar Wochen später war ich bei den Beatsteaks im Studio, wir haben das Lied dann als Duett aufgenommen. Wobei meine Stimme in den Vordergrund gerückt ist.

Sind Tocotronic und die Beatsteaks denn befreundet?

Wir teilen uns mit Moses Schneider denselben Produzenten, und wir laufen uns bei beruflichen wie privaten Anlässen immer mal wieder über den Weg. Wir haben auch einen ähnlichen Background. Wir Tocos kommen ja ursprünglich aus der Hardcore-Ecke. Ich kann also immer mit meinen profunden Kenntnissen bei den Beatsteaks punkten und sie ein bisschen neidisch machen, bei welchen Konzerten ich so war. Die Beatsteaks sind nämlich ein paar Jahre jünger.

Die Aussage von „French Disko“ ist, sich nicht zurückzuziehen, auch wenn die Welt einem absurd vorkommt.

Ja. Der Text ist sehr auffordernd, hat einen imperativen Charakter. Interessanterweise ist der Vortrag bei Stereolab sehr harmonisch und ruhig. Da ich eine ganz andere Art zu singen habe, klingen meine Appelle sonst in der Regel verschrobener, nicht so autoritär. Meine Manifeste haben dann Titel wie „Kapitulation“ oder „Sag alles ab“, sie rufen dazu auf, Dinge nicht zu tun. Aber die inhaltliche Grundform, die Manifestation linken Gedankenguts, die ist bei uns die gleiche.

Können Sie schon verraten, wie es mit Tocotronic weitergeht?

Ich schreibe gerade ein neues Album, damit bin ich auch schon relativ weit. Wir bereiten das vor, machen bald erste Probeaufnahmen, und dann werden wir für lange Zeit ins Studio abtauchen. Musik ist ein Handwerk, und wir sind immer im Dienst. Irgendeiner muss es ja machen. (lacht)

Fragen: Steffen Rüth



Der Trailer zu Tschick:


Tocotronic in Videos:

Die Erwachsenen:


Rebel Boy:


Prolog:


Spiralen:


Auf dem Pfad der Dämmerung:


Zucker:


Kapitulation (live):


This Boy Is Tocotronic (live):


Sie wollen uns erzählen (live):


Beatsteaks vs. Dirk von Lowtzow – French Disko: