Frau David, Sie sind bald in "Ein Sommer in Vietnam" zu sehen. Wares Sie für die Dreharbeiten zum ersten Mal in dem Land?

Ja.

Und wie war Ihr Eindruck von Vietnam?

Jeder hat ja in Gedanken so eine Liste von Ländern, in die er schon immer gern reisen wollte. Ganz ehrlich: Vietnam war für mich keins dieser Länder. Wir waren sehr lange da – insgesamt neun Wochen – und das in einer Arbeitssituation. Ich fand vor allem die erste Woche sehr schwierig. Ich bin schon viel gereist, auch in Asien, aber Vietnam ist doch sehr, sehr anders, als ich erwartet hatte. Zum Beispiel auch beim Essen. Ich liebe vietnamesisches Essen, aber am Set war es einfach überhaupt nicht gut.

Das klingt eher nicht so schön.

Ja, aber irgendwann hat sich das total gedreht und ich habe mich so in dieses Land verliebt! Auch in die Menschen dort, denn die Vietnamesen sind ein ganz spannendes Volk, sie sind ganz anders als die Menschen in anderen asiatischen Ländern. Sie haben nicht ganz so viel Tourismus, viele sind sehr zurückhaltend, aber wenn sie sich dann öffnen, dann sind sie extrem herzlich und haben eine ganz besondere Art miteinander umzugehen. Auch Hanoi war fantastisch. Ich habe mich so in diese Stadt verliebt, ich hätte auch dort bleiben können. Es war wirklich ganz toll – ein großes Geschenk.

Könnten Sie sich nach dieser Erfahrung vorstellen, auch privat nach Vietnam zu reisen? Vielleicht mit Ihren Kindern?

Die Kinder waren ja dabei.

Ach, wirklich?

Ja. Sie fanden die Zeit anstrengend, aber auch total schön, und erzählen gerne, wie toll sie Vietnam fanden. Sie haben auch ehrgeizig geübt, mit Stäbchen zu essen. Das wollten sie unbedingt lernen. Und seitdem läuft das wie am Schnürchen. Jedenfalls: Ja, ich würde auf jeden Fall noch mal nach Vietnam fahren, auch mit den Kindern. Es war einfach ein ganz tolles Erlebnis.

Aber Ihre Kinder sind im schulpflichtigen Alter, oder? Durften sie so lange in der Schule fehlen?

Nur meine Tochter war zu der Zeit schon in der Schule. Ich war zwei Mal in Vietnam, beim ersten Mal war sie nicht dabei. Beim zweiten Mal hat der Papa auch gedreht, und zwar in Hamburg. Dann haben wir uns gefragt, was sinnvoller ist: Soll sie drei Wochen in Hamburg sein statt in Berlin oder mit mir nach Vietnam fliegen? Wir haben sowieso eine Nanny gebraucht, die mit ihr den Schulstoff behandelt – und da haben wir gedacht, dann ist es eigentlich auch egal, ob sie das in Hamburg oder in Hanoi macht. Natürlich war es für mich anstrengend, weil ich jeden Tag zehn bis zwölf Stunden gearbeitet habe und abends noch die Kinder hatte. Aber es war wirklich spannend für sie, sie waren ja noch nie so weit weg.

Sie spielen in dem Film eine Doppelrolle. Das ist sicher nicht ohne …

Es ist einerseits schwierig und andererseits einfach. Einfach, weil es Spaß macht. Ich mache diesen Beruf jetzt seit 15 Jahren, und natürlich ist jede Rolle und jeder Film und jedes Team anders, aber nicht jeder Dreh ist eine echte Herausforderung. Ich bin jemand, das muss ich gestehen, der sich recht schnell langweilt. Wenn ich etwas verstanden habe, finde ich es nicht mehr so spannend. Dann möchte ich gern, dass es sich weiterentwickelt. Bei der Doppelrolle wusste ich anfangs wirklich nicht, wie ich das hinkriegen soll. Es gibt tausend Möglichkeiten, aber ich bin jemand, der sehr offen in eine Szene reingeht und sehr viel auf den jeweiligen Partner reagiert. Aber das geht natürlich nicht, wenn man in einer Szene in zwei Rollen zu sehen ist.

Doppelrolle für Inez Bjørg David: Sie spielt Paula, die in dieser Szene von "Ein Sommer in Vietnam" ihre Zwillingsschwester Marie trifft.
Doppelrolle für Inez Bjørg David: Sie spielt Paula, die in dieser Szene von "Ein Sommer in Vietnam" ihre Zwillingsschwester Marie trifft. | Bild: Christiane Pausch / ZDF

Wie hat das dann funktioniert?

Ich habe jeweils mit einem Double gespielt, die nur Englisch gesprochen hat und auch keine ausgebildete Schauspielerin war. Aber sie hat das sehr gut gemacht, dass muss ich schon sagen, obwohl sie bis dahin nur Laientheater gespielt hatte. Ich musste immer ganz genau überlegen, wie die Szene von beiden Seiten aus funktioniert – was die eine Figur tut und wie die andere darauf reagiert. Das war schon eine Herausforderung, aber es hat auch sehr viel Spaß gemacht. Ich mag es, wenn etwas nicht sofort funktioniert und man sich ein bisschen anstrengen muss.

Haben Sie für solche schwierigen Szenen einen Schauspiel-Coach?

Nein, dafür hat man ja eigentlich einen Regisseur. Es gibt Schauspieler, die sehr viel mit Coaches arbeiten, aber ich mache das nicht. Nicht weil ich denke, dass ich das nicht nötig habe. Für meine Art zu spielen bringt es einfach nicht besonders viel. Denn ich versuche ja, so offen zu bleiben, wie es nur geht. Also habe ich das alles mit unserer Regisseurin Sophie Allet-Coche besprochen.

Wie entwickeln Sie Ihre Rollen?

Wenn ich ein Drehbuch lese, habe ich immer schon ein Bild von der Figur im Kopf – wie sie aussieht, wie sie spricht, wie sie sich bewegt. Paula und Marie, die Zwillingsschwestern, die ich in "Ein Sommer in Vietnam" spiele, unterscheiden sich schon durch ihre Klamotten und das Make-up, aber sie haben zum Beispiel auch eine unterschiedliche Körperhaltung. Es sind zwei völlig unterschiedliche Figuren, auch wenn ich beide spiele. Zu sehen, wie sich beide unterscheiden, ist ein Teil der Figuren-Findung, das gehört zum Beruf des Schauspielers dazu. Aber es kann auch mal passieren, dass man eine Figur spielen soll, an die man einfach nicht rankommt. In solchen Fällen kann ein Coach zur Vorbereitung hilfreich sein, weil man am Set oft keine Zeit für so etwas hat.

Sie hatten ja eigentlich gar nicht vor, Schauspielerin zu werden, sondern sind als Komparsin entdeckt worden. Welchen Traumberuf hatten Sie denn stattdessen?

Ich hatte immer viele Interessen. Seit ich 15 bin, habe ich zum Beispiel Drehbücher geschrieben. Und seit zwei Jahren schreibe ich wieder – vorher habe ich das nicht geschafft. Die Schauspielerei ist ja ein kreativer Beruf, und der kostet mich persönlich manchmal sehr viel Kraft und auch Energie. Wenn man ans Set kommt, trifft man da jedes Mal 30 bis 40 neue Leute, und alle müssen vom ersten Tag an als Team funktionieren. Deswegen duzen sich beim Film auch alle, weil man auf diese Weise ganz schnell eine große Nähe zueinander aufbaut. Nach so einem Drehtag bin ich wirklich müde und kaputt. Ich habe lange gebraucht, um einen Weg zu finden, dass ich, wenn ich abends nach Hause komme, tatsächlich auch noch etwas anderes machen kann und nicht einfach total k.o. bin.

Etwas anderes war zum Beispiel der Shop für Öko-Mode, den Sie mal hatten. Nachhaltigkeit ist ein großes Thema für Sie, oder?

Absolut. So richtig fing das an, als ich 30 wurde. Ich hatte zwei Kinder und habe mich gefragt, was ich eigentlich für die Umwelt gemacht habe. Nichts! Da kam mir die Idee mit dem Shop. Aber vor zwei Jahren habe ich mich entschieden, das alles komplett einzustampfen. Ich habe lange mit mir gehadert und überlegt, was ich vielleicht anders machen könnte, um den Shop doch weiterzuführen. Aber das ist einfach etwas, das man nur als Vollzeit-Job machen kann. Ich bin ja manchmal etwas verträumt und denke: Ich mache das jetzt erst mal und gucke wie's läuft, dann werde ich das schon hinkriegen. Und das hätte ich sicher auch. Aber meine Kinder brauchen mich auch, und dann ist da ja noch die Schauspielerei, also habe ich mich entschieden, den Shop aufzugeben.

Nachhaltigkeit ist für Sie aber immer noch ein Thema, oder?

Ja, natürlich. Das war es schon immer, und das verschwindet ja auch nicht.

Und was ist Ihnen da im Moment wichtig?

Ich finde es vor allem wichtig, dass man sich realistische Ziele setzt. Ich bin im Beirat des Vereins "Cradle To Cradle", und uns geht es gar nicht darum, keinen Müll zu produzieren, sondern den richtigen Müll zu produzieren. Ich glaube, man erwartet einfach zu viel, wenn man glaubt, dass alle Menschen in der Lage sind, jeden Tag so viele wichtige Entscheidungen zu treffen, also bestimmte Sachen nicht zu kaufen, weil sie zum Beispiel in Plastik verpackt sind. Die Menschen haben mit so vielen anderen Dingen zu kämpfen, da kann das nicht die größte Priorität sein. Und das ist auch völlig in Ordnung. Es war früher auch nicht leicht für mich, das zu akzeptieren, aber so funktioniert der Mensch eben. Wer denkt schon daran, dass, wenn man einen Fleecepulli wäscht, Unmengen von Mikroplastik im Grundwasser landen? Ein Filter könnte das verhindern, aber den bauen die Hersteller nicht ein, weil es Geld kostet und weil die Politik es nicht vorschreibt. Natürlich kann man sagen: Dann muss der Verbraucher das eben fordern. Aber ich finde, der Verbraucher darf da einfach Bürger sein und die Politik in die Pflicht nehmen. Man kann nicht erwarten, dass er die Inhaltsangaben auf jeder Verpackung liest und versteht. Meine Tochter hat mich mal gefragt, warum sie keine Cola trinken darf. Weil das nicht gesund ist, habe ich gesagt. Und dann hat sie mich gefragt: Aber warum dürfen die dann das verkaufen? Genau das ist die Frage.

Sie machen ja auch Yoga. Geben Sie noch Kurse?

Theoretisch schon, aber dieses Jahr habe ich noch keine Kurse gegeben und es ist auch nichts geplant. Ich hatte mit der Schauspielerei einfach zu viel zu tun. Ich unterrichte wirklich sehr, sehr gern Yoga. Ein zweites Standbein ist es aber nicht, und ich tue das auch nicht wegen des Geldes. Allerdings ist es gut zu wissen, dass ich, sollte irgendwann mal alles total schief laufen und ich nie wieder als Schauspielerin arbeiten können, immer noch Yoga unterrichten und damit meine Miete zahlen könnte.

Die Schauspielerei bleibt also Ihr Hauptstandbein?

Sie ist mein Hauptstandbein und wird das immer bleiben. Auch wenn ich jetzt wieder mit dem Schreiben angefangen habe. Es tut mir gut, dass ich nicht den Druck habe, etwas verkaufen zu müssen. Das ist ein Luxus. Ich habe einen schönen Beruf, und ich weiß, dass es ein Privileg ist, einen Job zu haben, bei dem ich genug Geld verdiene, um entspannt zu leben und trotzdem noch Zeit zu haben, mich auch anderen Dingen zu widmen.