Frau Levshin, Sie sind die Neue in der ZDF-Serie "Die Spezialisten". Ich nehme an, Sie als Schauspielerin haben sich nicht so schwer damit getan, in ein neues Team zu kommen, wie das Dr. Julia Löwe tut, die Sie spielen?

Gute Frage. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen. Als Schauspielerin habe ich mich in dem Team gut aufgehoben gefühlt. Es gibt ja schon drei Staffeln, und es war eigentlich ganz angenehm für mich, in ein Ensemble reinzukommen, in dem die Kollegen schon richtig gut eingespielt sind, sich gegenseitig unterstützen und zusammen mit Leidenschaft an einem Projekt arbeiten, das sie alle gut finden.

Also fühlt es sich an, als wären Sie schon lange dabei?

Am Ende der Staffel hat sich das für mich schon sehr nach einer kleinen Familie angefühlt. Ich habe die Dreharbeiten genossen und weiß es sehr, sehr zu schätzen, diese Zeit mit diesen Menschen erlebt zu haben.

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Als Schauspielerin sind Sie es ja gewöhnt, bei neuen Projekten auch immer mit neuen Leuten zu tun zu haben. Fällt Ihnen die Arbeit trotzdem leichter, wenn Sie beim Dreh bekannte Gesichter sehen?

Irgendwie schon, ja. Tatsächlich kannte ich aus dem Team ein paar Leute. Mit Tobias Licht hatte ich schon mal gedreht, und Rosa Enskat hatte in "Kriegerin" meine Mutter gespielt. Das ist auch seltsam, sie in einer anderen Rolle zu sehen. Und mit Matthias Weidenhöfer war ich auf der Schauspielschule – er hat mir vor dem Dreh schon ein bisschen was erzählt, dass das Team ganz toll ist zum Beispiel. (lacht)

Die Rechtsmedizinerin Dr. Julia Löwe ist eine sehr spezielle Person, fachlich macht ihr keiner was vor? Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Ich konnte natürlich keinen Crashkurs in Medizin machen, aber das ist ein Thema, das mich schon lange interessiert. Ich habe tatsächlich auch ein paar Bücher über Anatomie zu Hause stehen, weil ich den menschlichen Körper spannend finde. Ich habe mir zur Vorbereitung auch Dokumentationen über Rechtsmediziner angeschaut, das war ganz interessant. Und ich habe mich mit der rechtsmedizinischen Fachkraft getroffen, die "Die Spezialisten" betreut – eine Pathologin, die leidenschaftlich gern Filme mag. Und zu guter Letzt war ich in einer Vorlesung für Jura-Studenten – mit anschließender Obduktion. Dass ich dabei sein durfte, war eine Riesen-Ausnahme, da kommt man nämlich nicht so einfach rein. Das war sehr aufschlussreich.

Wie haben Sie diese Obduktion erlebt?

Interessant war, dass man in so einer Situation Distanz aufbaut, weil man das Ganze abstrahiert. Das muss man aber auch tun, denn sonst würde man immer wieder darüber nachdenken, dass das ja ein toter Mensch ist und dass dieser Mensch auch eine Familie hatte. Das ist schon ziemlich hart. Man ist bemüht, einen Tunnelblick zu haben, sobald man in diesen Raum kommt. Aber allein der Geruch ist wirklich sehr, sehr stark. Man versucht dann sich abzulenken. Ich habe mich zum Beispiel mit der Frage beschäftigt, was die Aufgaben der Organe sind, die ich da sehe. Das hat mir dabei geholfen, die emotionale Ebene so weit wie möglich von mir fern zu halten.

Ordnung muss sein: Zufrieden stellt Dr. Dorothea Lehberger (Katy Karrenbauer, rechts) fest, dass Dr. Julia Löwe (Alina Levshin) an ihrer Arbeit doch Gefallen gefunden hat.
Ordnung muss sein: Zufrieden stellt Dr. Dorothea Lehberger (Katy Karrenbauer, rechts) fest, dass Dr. Julia Löwe (Alina Levshin) an ihrer Arbeit doch Gefallen gefunden hat. | Bild: ZDF / Hardy Spitz

Man hat als Zuschauer den Eindruck, dass Sie Spaß daran hatten, Dr. Julia Löwe zu spielen.

Den hatte ich auf jeden Fall! Julia ist als Person zwar ein bisschen, na ja, gewöhnungsbedürftig, aber hoffentlich trotzdem eine Figur, die die Zuschauer mögen. Das ist auch der Grund, warum ich mich überhaupt dazu entschieden habe, zum Casting zu gehen – weil die Rolle vom Headautoren Kai Gero Lenke sehr gut geschrieben ist und alles andere als eindimensional. In ihr stecken viele Möglichkeiten. Das war eine Herausforderung, auf die ich wirklich Lust hatte. Entscheidend war für mich auch, dass sie eine Entwicklung durchmacht. Am Anfang ist sie geradezu soziophob, aber dann lernt sie langsam, Schritt für Schritt, dass andere Menschen vielleicht gar nicht so doof sind und dass sie auch mit ihnen umgehen kann.

Sie spielen nicht zum ersten Mal in einem Krimi mit. Mögen Sie das Genre?

Wenn ich ein Drehbuch bekomme, spielt es für mich erst mal keine Rolle, um welches Genre es geht. Zuerst interessiert mich immer das Thema. Welche Geschichte wird wie erzählt? Kann ich damit etwas anfangen? Der Begriff Krimi ist in Deutschland sehr geläufig, und ich schätze, dass ein großer Teil von dem, was bei uns im Fernsehen läuft, in dieses Genre fällt. Deshalb kommt man als Schauspieler auch nicht wirklich darum herum. Aber da gibt es große Unterschiede: Nicht jeder spannende Spielfilm ist ein klassischer Krimi. Ich glaube ja, dass die Zuschauer sich auch ein bisschen auf dieses Format verlassen – wenn sie hören, dass ein Krimi läuft, sind sie beruhigt und denken sich: "Ach, dann kann's ja nicht schlecht sein."

Der Erfolg spricht ja für Krimi-Formate. Schauen Sie sich im Nachhinein eigentlich die Quoten an?

Ich sage mal so: Ich weiß, was die Quote ist. Aber ich frage mich natürlich, inwiefern sie überhaupt etwas aussagen kann. Es gibt heute ja viele Möglichkeiten, Filme und Serien zu sehen – nicht nur im Fernsehen, wo die Quoten gemessen werden. Wenn ich eine Rolle spiele, kann ich daran nichts mehr ändern, wenn ich die Quoten kenne. Deshalb spielen sie für mich auch keine Rolle. Ob mich schlechte Zahlen beeinflussen könnten, ähnliche Rollen vielleicht nicht noch mal anzunehmen, das wage ich zu bezweifeln. Jeder Film ist anders. Und ich schaue einfach immer, was im jeweiligen Moment, in der aktuellen Lebensphase passt, was mich reizt, was mich interessiert. Ich überlege mir nicht, ob ein Format einen hohen Marktwert hat. Darüber nachdenken, wäre meiner Ansicht nach kontraproduktiv.

Mit Menschen kann sie nicht so gut: Dr. Julia Löwe (Alina Levshin, sitzend) weiß nicht, wie sie Regine Schulze (Beatrice Richter) trösten soll.
Mit Menschen kann sie nicht so gut: Dr. Julia Löwe (Alina Levshin, sitzend) weiß nicht, wie sie Regine Schulze (Beatrice Richter) trösten soll. | Bild: ZDF / Hardy Spitz

Noch einmal zurück zu Dr. Julia Löwe. Sie präpariert bei sich daheim Wildtiere, was ja schon ein eher ungewöhnliches Hobby ist. Was machen Sie denn so in Ihrer Freizeit?

Also, Taxidermie betreibe ich nicht – ich habe bei mir noch keine Affinität für das Präparieren von Wildtieren entdeckt. (lacht) Aber ich fand es sehr spannend, mich für die Serie damit zu beschäftigen. Das Ganze hat durchaus etwas sehr Meditatives. Für mich sind aber andere Beschäftigungen, ich sage mal, nahbarer. Ich meditiere tatsächlich, um ins Gleichgewicht zu kommen. Und ich habe noch ein paar andere Interessen. Hobbys sind für mich ein totaler Luxus – überhaupt Zeit dafür zu haben, wenn man am Tag so viel arbeiten und so effizient sein muss. Keins von meinen Hobbys ist allerdings so crazy wie Taxidermie! Ich habe mich zum Beispiel schon immer mit Malerei beschäftigt. Ich würde sagen, ich bin einfach eine Künstlerin. Wenn mir jemand sagen würde: Hier hast du Zeit, hier hast du Geld, mach' mal ein Theaterstück – ich würde das sofort machen. Oder: Hier hast du Zeit, hier hast du Geld, näh' mal Kostüme – ich würde das voll gern tun. Ich mag es einfach zu experimentieren, Dinge auszuprobieren.

Sie haben ja schon als Kind auf der Bühne gestanden. Hat Ihre siebenjährige Tochter auch Interesse an Tanzen, Singen, Spielen?

Ja, und ich denke mal, dass jedes Kind das hat – und auch braucht. Da müssten meiner Meinung nach auch die Eltern darauf achten, dass alle Kinder entsprechend gefördert werden, dass zum Beispiel auch schon im Kindergarten und in der Schule Theater gespielt wird. Denn dadurch entwickelt sich Kreativität. Ich rechne es meiner Mutter sehr hoch an, dass sie mich sehr viel hat ausprobieren lassen. Das ist mir sehr zugute gekommen. Für meine Tochter tue ich, was in meiner Macht steht. Mir ist vor allem wichtig, dass sie sich bewegt und körperlich ausdrücken kann. Da geht so viel verloren, wenn die Kinder viel am Computer sitzen oder am Handy spielen und sich nur in der virtuellen Welt bewegen.

Sie haben im Musik-Video "Schönste Zeit" von Bosse mitgespielt. Das war ja etwas völlig anderes als das, was Sie sonst so machen.

Und es war ein Highlight für mich! Erstens: Ich finde Bosse toll. Zweitens: Seine Musik interessiert mich sehr. "Schönste Zeit" ist ein cooler Song, und ich konnte mit dem Gefühl etwas anfangen, um das es darin geht. So ein Video wird ja innerhalb kürzester Zeit gedreht. Das kann man einfach mal zwischendurch machen, das ist erfrischend. Außerdem ist so ein Video auch eine Kunst für sich, wie ein Kurzfilm. Da kann man Dinge ausprobieren und so etwas mache ich wahnsinnig gern. Für meinen Geschmack wird mir so etwas viel zu selten angeboten. (lacht) Ich würde mir mehr davon wünschen! Ich sehe mich ja nicht nur als Schauspielerin, sondern als Künstlerin, und da gibt es viel, das ich noch ausprobieren will. Musik-Videos sind nur ein Beispiel, dann eben Malerei oder auch Hörbücher – ich bin da sehr offen.