Herr Groth, Sie sind in zwei Folgen der ZDF-Krimi-Reihe "Heldt" zu sehen. Mögen Sie Krimis?

Absolut. Was mich bei Filmen immer besonders begeistert, ist, wenn es gelingt, ein bisschen Tiefe hineinzubringen – und das kann man im Krimi gut machen. Dort kann man gesellschaftlich relevante Themen erzählen. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Tatort vor ein paar Jahren, in dem es um Sinti- und Roma-Kinder in Diebesbanden ging. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, weil ich danach anders über diese Kinder gedacht habe. Toll, was ein Krimi leisten kann.

In "Heldt" spielen Sie den Staatsanwalt Sebastian Pringel, den man nicht gerade als hundertprozentig sympathische Figur beschreiben kann. Macht es Spaß, solche Figuren zu spielen?

Zwischendurch finde ich das total toll. Und ich habe das ja schon öfter mal gemacht. Sebastian Pringel ist einfach ein ganz schlimmer Typ, anstrengend, ätzend – ein furchtbarer Mensch. Es macht großen Spaß, so etwas zu spielen.

War das auch der Grund, die Rolle anzunehmen – wurde es für Sie mal wieder Zeit, so einen "schlimmen Typen" zu spielen? Achten Sie bei der Rollen-Auswahl auf so etwas?

Absolut. Lustiges mache ich gerne und Ernstes mache ich auch gerne. Und auf verrückte Komödien stehe ich auch. Was ich gerne mal machen würde, weil ich es noch nie gemacht habe, wäre so ein ultra-ernstes Arte-Drama. Da hätte ich Lust drauf.

Haben Sie eigentlich jemals das Gefühl gehabt, als Schauspieler in einer Schublade gelandet zu sein und nur noch für einen bestimmten Rollen-Typ besetzt zu werden?

Wenn ich mir anschaue, was ich so gemacht habe in den 20 Jahren, die ich jetzt in dem Geschäft unterwegs bin, dann stimmt das mit der Schublade glücklicherweise nicht. Mein hochgeschätzter Kollege Ulrich Matthes hat mir mal prophezeit, ich würde wahrscheinlich nur gut aussehende und langweilige Rollen spielen dürfen – damit müsste ich mich abfinden. Es ist aber gar nicht so gekommen. Ich war in "Weissensee" dabei, in "Alles auf Zucker", in "Doctor's Diary" – keine Spur von Schublade.

Schauspieler sind Freiberufler, und das geht ja immer mit einer gewissen Unsicherheit einher. Beschäftigt Sie dieses Thema?

Also, ich kann sagen: Ich habe wirklich Glück gehabt. Es gab ein paar Jahre, die waren schlechter als die anderen, aber es war nie so, dass ich dachte: Es geht gar nichts mehr. Grundsätzlich läuft es super für mich. Aber dass das Geschäft insgesamt härter geworden ist, das stimmt. Warum das so ist, weiß ich gar nicht. 2008 gab es den Crash, und danach kam die Angst. Und dann gibt es ja inzwischen auch dieses Medium, vor dem alle beim Fernsehen Angst haben, dieses Internet oder wie das heißt. (lacht) Diese Angst kann ich nicht nachvollziehen. Und ich möchte die Leute beim Fernsehen fragen: Warum feiert ihr das nicht? Warum macht ihr da nichts? Warum geht ihr da nicht hin? Stattdessen wird oft versucht, die Gagen zu drücken. Es gibt Kollegen, die eine Rolle dann trotzdem annehmen, einfach weil sie das Geld brauchen – auch wenn sie das zu dem Preis früher im Leben nicht gemacht hätten. Der Ton ist rauer geworden. Und man spürt die Angst. Nicht nur bei den Schauspielern, auch bei Autoren und Redakteuren.

Gehen Sie mit Ihrer Erfahrung eigentlich noch zu Castings, oder werden Ihnen die Rollen direkt angeboten?

Das kommt immer darauf an, was für eine Rolle es ist. Ich würde sagen, bei der Hauptrolle in einem Fernsehfilm bin ich schon. Wenn es aber um die Hauptrolle in einem Kinofilm geht, kann es schon sein, dass ich zum Casting gehe, je nachdem, mit wem ich arbeite. Wenn ein Regisseur mich kennt, braucht es das zum Beispiel nicht unbedingt.

In "Heldt" nimmt Ihre Figur an einem Team-Building-Seminar teil, bei dem er und seine Kollegen einen ausgedachten Fall gemeinsam lösen müssen. Haben Sie schon mal an einem solchen Krimi-Dinner teilgenommen?

Nein. Ich habe so viel um die Ohren, dafür fehlt mir die Zeit. Wobei … Eine Kollegin hat mir mal von etwas Ähnlichem erzählt, und das fand ich wirklich genial. Das war in London, da gelangt man als Teilnehmer von einer schlimmen Situation in die nächste. Erst wird man von seinem Chef zusammengefaltet, dann kommt man in eine Großküche, in der totale Hektik herrscht und alle durcheinander schreien, dann muss man eine Maske aufsetzen und ist ein Bankräuber. Das ist nichts für schwache Nerven, klingt aber spannend. Allerdings kostet das wohl ein paar Tausend Euro pro Person.

Klingt aufwendig. Apropos Zeit, Sie haben mal gesagt, dass es schwierig ist, die richtige Work-Life-Balance zu finden. Hat es inzwischen geklappt?

Nein, ich habe sie nicht gefunden.

Aber das Verhältnis von Arbeit und Privatleben ist ausgeglichener geworden?

Nein, ich bin weiterhin auf der Suche. Ich glaube, zum einen finde ich mich langsam damit ab, dass ich als Schauspieler einfach viele Sachen mache. Zum anderen ist mir meine Familie sehr wichtig, und ich verbringe viel Zeit mit meinen Kindern. Die Kombination allein ist schon echt viel. Dann will ich auch immer noch eigene Projekte an den Start bringen. Ich habe zum Beispiel gerade eine Serie zu Ende entwickelt und bin dazu jetzt in Gesprächen. Ich will in Zukunft auch Regie führen. Und ich mache eine Ausbildung zum Coach. Einfach, weil es mich interessiert – nicht weil mir langweilig ist oder ich Geld brauche. Ich bin dann ein sogenannter Change Management Coach. Ich kann mir auch vorstellen, das mal zum Beruf zu machen, aber jetzt ist es erst mal für mich persönlich spannend. Denn ich stelle mir die Frage: Wie kann ich die größtmögliche Veränderung in die Gesellschaft bringen? Deswegen entwickle ich auch eigene Stoffe. Aber ich glaube, die größte Veränderung, die man in die Welt bringen kann, um die Gesellschaft nachhaltig zu verändern, geht über die Wirtschaft. Die Gesellschaft wird größtenteils nicht mehr durch Politik, sondern durch die Wirtschaft verändert, zumindest sehe ich das so. Und da einen positiven Impuls reinzubringen, finde ich super. Das ist ganz schön viel, um alles unter einen Hut zu bringen – und noch dazu will ich meiner Lebensgefährtin ja auch noch Beziehungsraum geben.

Wer würde denn zu Ihnen kommen, wenn Sie Change Management Coach sind?

Ich bin dann in der Lage, Unternehmen zu coachen. Ich könnte Einzel-Coachings oder auch Team-Building-Maßnahmen begleiten. Das spricht alle an, die an einer langfristigen, nachhaltigen Veränderung interessiert sind – sowohl privat als auch beruflich.

Sie waren lange Vegetarier, inzwischen sind Sie Veganer. War das eine bewusste Entscheidung, weil Sie etwas in Ihrem Leben verändern wollten?

Absolut. Es geht mir an der Stelle nicht um die Gesundheit, sondern um ethische Fragen. Ich wollte irgendwann einfach keine Tiere mehr essen, weil ich in der Tat keinen großen Unterschied zwischen Tieren und Menschen sehe. Tiere haben Emotionen und erfahren demnach auch Leid, deshalb will ich sie nicht essen. Der Unterschied ist vielleicht der, dass wir Menschen wesentlich radikaler in unsere Umwelt eingreifen können als Tiere – dabei sind wir einerseits zwar intelligenter, andererseits aber auch wesentlich unintelligenter, weil wir dabei große Zerstörung anrichten. Als Vegetarier kommt man mit ethischen Argumenten allerdings nicht weit. Deshalb habe ich schließlich in den sauren Apfel gebissen und verzichte jetzt auf alle tierischen Produkte, weil ich gemerkt habe, dass ich mit dem Vegetarismus immer noch Tierquälerei unterstütze. Dabei liebe ich den Geschmack von Käse – und auch den von Fleisch! Aber ich verzichte ganz bewusst darauf.

Zieht Ihre ganze Familie mit?

Nein. Wir sind ja eine Patchwork-Familie. Mein Sohn isst ohnehin nicht so gerne Käse, aber meine Tochter – und sie bekommt ihren Käse auch. Und wenn sie wollen, können die Kinder auch Fleisch essen, wenn sie bei mir sind. Ich ernähre mich ja aus einer friedliebenden Geisteshaltung heraus vegan und fände es irgendwie gewalttätig, meine Kinder zu einer veganen Ernährung zu zwingen. Irgendwo muss man als Eltern bei der Ernährung natürlich Grenzen setzen, aber meiner Meinung nach nicht an dieser Stelle. Natürlich sage ich meinen Kindern schon, was sie unterstützen, wenn sie Fleisch essen, und bisher verzichten sie dann auch darauf. Aber ich sage ihnen auch immer wieder: Wenn ihr Lust auf Fleisch habt, dann haut rein!

Sie engagieren sich auch für die Hilfsorganisation Care. Wie kam das zustande?

Im Grunde war es Zufall. Ich wollte mich schon lange in einer Hilfsorganisation engagieren, und dann saß ich bei einer Veranstaltung neben dem damaligen Pressesprecher von Care. Er wollte gleich wissen, was ich mir da so vorstelle – und ich wollte unter keinen Umständen einfach nur mein Gesicht in die Kamera halten, sondern ich wollte aktiv etwas beitragen. Unter anderem habe ich einen Film gemacht, der an Schulen gezeigt wird – eine kleine Dokumentation, die zeigt, wie die Arbeit solcher Organisationen funktioniert. Und ich habe unter anderem zum Beispiel einen Schauspielkurs gegeben, zehn Tage im Kosovo.

Sie sprechen auch Hörbücher ein. Lassen Sie sich selbst gern Bücher vorlesen?

Ich höre gerne Hörbücher – vor allen Dingen aus Zeitgründen, wenn ich zum Beispiel im Auto unterwegs bin. Im Moment höre ich vor allem Sachbücher, zum Beispiel aus dem Bereich Coaching. Ich habe mich auch schon viel mit Religionen auseinandergesetzt. Einen Roman habe ich schon lange nicht mehr gehört – und auch nicht gelesen. (lacht)

Fürs Fernsehen bleibt Ihnen vermutlich nicht viel Zeit, oder?

Ach doch, nachts schon. Ich bin als Zuschauer eher ein Netflix-Nutzer als ein Fan des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Da versuche ich aber auch ab und zu reinzuschauen, allein um zu sehen, was die Kollegen so machen.

 

Zur Person

Steffen Groth (43) begann seine Karriere noch während seiner Ausbildung als Schauspieler – zuerst auf der Theaterbühne. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist der Berliner nicht mehr aus dem deutschen Fernsehen wegzudenken. Von 1999 bis 2002 war er in der ARD-Serie "Die Strandclique" zu sehen, später hatte er auch eine durchgehende Rolle im "Großstadtrevier" und in der RTL-Serie "Doctor's Diary". Er wirkte außerdem in Kino-Filmen wie "Alles auf Zucker!" mit und arbeitet als Hörspiel- bzw. Hörbuchsprecher. Beim "TV total Turmspringen" schaffte er zwei Mal einen Doppelsieg. Groth, der sich vegan ernährt, hat drei Kinder.