Eigentlich hatte man gedacht, dass die Zeit der deutschen Liedermacher längst Geschichte sei. Zwar bespielen Musiker wie Konstantin Wecker und Reinhard Mey immer noch mit Erfolg die Konzerthallen der Republik, aber echter Genre-Nachwuchs war lange Jahre nicht in Sicht. Und dann kam Sarah Lesch. Die 31-jährige Sängerin ist eine Überzeugungstäterin. Lesch, deren aus Leipzig stammender Vater Teil der in der DDR gegründeten Band „Amor & Die Kids“ war (zu denen auch Prinzen-Sänger Tobias Künzel gehörte), arbeite von 2009 bis 2013 als Kindergärtnerin in Tübingen und schrieb Theaterstücke für Kinder. Den Traum von der Musik verlor die gebürtige Thüringerin mit den markanten Dreadlocks aber zu keinem Zeitpunkt aus den Augen.

2012 erschien ihr Debüt-Album „Lieder aus der schmutzigen Küche“ in Eigenregie, ehe Lesch bei dem Friesenheimer Label „Rummelplatzmusik“ eine musikalische Heimat fand. Zuletzt wuchs Lesch zu einem echten Szene-Liebling heran und wurde mit Preisen regelrecht überschüttet. Sie gewann den Förderpreis für junge Songpoeten der Hanns-Seidel-Stiftung und zuletzt den Förderpreis des Kleinkunstpreises Baden-Württemberg. Auch der Panikpreis ist schon ihrer, ebenso der erste Rang beim FM4-Protest-Song-Contest.

Mit den Preisen stieg der Bekanntheitsgrad der selbst ernannten „Chansonedde“ – heute folgen der Musikerin allein auf Facebook etwa 50 000 Menschen. Es sei gar nicht so leicht, „plötzlich zu jemandem zu werden, auf den so viele Menschen hören“, sagt Lensch. „Ich merke, dass die Leute mir zustimmen, dauernd klatschen. Aber ich will keine Parolen schreiben. Ich will Diskussion. Ich will, dass Menschen sich unterhalten und auseinandersetzen. Ich habe jeden Tag ein Mikrofon vor der Nase und hunderte Menschen, die ganz genau zuhören. Da sollte ich wohl was Schlaues sagen, nicht wahr? Ich weiß aber keine Lösungen für all das, was da draußen passiert. Ich kann nur persönliche Geschichten von mir erzählen“, erklärt sie im SÜDKURIER-Interview.

Vor allem ihr Song „Testament“, eine Hymne, die die nachfolgende Generation auf eine Welt voller Doppelmoral vorbereiten soll, schlug im Internet Wellen. Und das auch in den falschen Kreisen: Rechtsgerichtete Gruppen nutzten den Song für ihre Zwecke – und zwangen Lesch zu rechtlichen Schritten und zu einem komplexen Umgang mit dem eigenen Werk. „Schön, wenn man Vorbild sein kann. Als Musikerin, als Mama, als Tante oder was auch immer. Das brauchen die jungen Menschen. Und dann kann ich nur eines tun. Ich kann sagen: ,Schön, dass du mein Lied magst, komm doch mal rum auf ein Konzert.’ Und dann kann ich Geschichten erzählen. Von mir und dem, was mich berührt. Und mich ganz klar positionieren. Zu Toleranz. Menschlichkeit. Freiheit. Freundschaft. Liebe. Allen gegenüber. Mehr kann ich nicht tun. Oft hat das schon geholfen.

“ Die politische Botschaft wird zur DNA der Songs von Sarah Lesch, die ihre Fans für politische Themen sensibilisieren will: „Ich finde, dass alles politisch ist. Die Politik ist doch nichts, das von uns abgetrennt ist. Wir machen sie. Wir haben viel mehr Macht, als wir denken. Wir machen dieses Land. Die Eltern, die Kinder. Die Musiker, die Maler. Die arbeitslosen Jugendlichen, die Asylsuchenden und die Gastarbeiter. Die Erzieher und die Lehrer. Wir leben hier. Es ist unser Zuhause. Also ist alles politisch.“

Ihren musikalischen Vorbildern steht Lesch in Sachen Bühnenpräsenz in nichts nach. Die Liedermacherin ist eigentlich immer unterwegs – ihr zweites Solo-Album „Von Musen und Matrosen“ entstand zu großen Teilen auf Tour. Die Bühne wurde zur zweiten Heimat: „In letzter Zeit gab es so viel Hype und Social-Media-Arbeit für mich, dass mich die Bühne wirklich gerettet und geerdet hat. Das ist mein Handwerk. Meine Arbeit. Und die Menschen meine große Liebe. Wenn ich auf der Bühne bin, bin ich wie ein Kind, das ein Bild malt. Raum und Zeit vergesse ich dann völlig. Und bin ganz bei mir und den Leuten.“

"Letzte Runde":

"Testament" (live):

"Wenn es vorbei ist" (mit Lukas Meister):

"Alles da" (mit Bastian Bandt):

"Der Tag, an dem die Flut kam":