In „Ahoi Ade“ singen Sie: „Meine Jugend ist vorbei“. Woran stellen Sie das fest?

Ganz konkret? An dem Tod eines guten Freundes, über den ich in „Ahoi Ade“ singe. Eigentlich ist das eine schöne Geschichte, denn es geht darum, dass wir alten Kumpels durch seinen Tod wieder zusammengefunden haben. Und doch habe ich lange überlegen müssen, ob ich wirklich darüber schreiben will. In dem Lied schaue ich dann noch weiter in die Zukunft und male mir aus, wie es sich anfühlen mag, wenn es zu Ende geht. Und wen ich mir dann an meiner Seite wünsche.

Für einen 36-Jährigen sind das ungewöhnliche Inhalte

Tja, was soll ich machen?

Weder Kopf noch Körper fühlen sich noch so an wie mit 17 oder mit 22. Meine Tochter wird immer älter, jetzt ist sie schon zehn, und ich habe das Gefühl, dass sich in meinem Leben grundsätzlich etwas ändert. Zum ersten Mal hatte ich im Freundeskreis Kontakt mit Krankheiten und auch mit Abschiednehmen. Man hat halt das Gefühl, dass etwa die Hälfte schon vorbei ist.

Ist „Engtanz“ also Ihr erstes echtes Erwachsenen-Album?

Kann man sagen. Mein Ansatz war tatsächlich, ein Album zu schreiben, dass das Ende der Jugend zum Thema hat. Mit all den Dingen, die dazugehören – verpasste Chancen, Dinge, mit denen man sich arrangiert. Und auch Umständen, die man gut findet, so wie sie sind.

Sie stehen auf Sprachbilder in Ihren Texten, singen von Dönerresten, die eine Frau im Haar hat und vom Glück, das so schnell ist wie Aubameyang…

… der offiziell schnellste Spieler der Bundesliga. Über das Bild habe ich mich sehr gefreut, über die Dönerreste im Haar auch. Ich finde Wortmischungen und Neuerfindungen super. Wenn ich Texte schreibe, dann kritzele ich manchmal fünf Seiten voll, und koche das am Ende ein wie eine gute Rotweinsauce.

Auch in „Immer so lieben“ gibt es eine Kochszene. Kochen Sie gern?

Sehr gern sogar. Und wenn, dann am liebsten umständlich und groß. Wir haben in Hamburg einen eigenen Acker, auf dem wir Gemüse anbauen, und wenn ich wirklich Zeit habe, ist das Kochen mein Tagesauftrag. Dann fange ich morgens an, und abends steht ein gutes Gericht auf dem Tisch.

Was kommt immer gut an?

Bami Goreng. Das essen die Leute sonst nicht so oft, und alle mögen es gern.

Und nach dem Essen gehen Sie dann zum „Engtanz“ über? Oder was steckt hinter dem Albumtitel?

Ich stehe in der Tat total auf Engtanzpartys. Zuerst lecker essen, und anschließend schön tanzen zu alter, schrecklicher Musik, sich nah zu kommen und hart zu besaufen – das ist die beste Sache, die man machen kann. Ich kann das wirklich nur empfehlen.

Die ersten Songs Ihres vorherigen Albums „Kraniche“ haben Sie während eines sechsmonatigen Aufenthalts mit Frau und Kind in Istanbul geschrieben. Gab es auch für „Engtanz“ so einen offiziellen Startschuss?

Nein. Es war so, dass ich schon bei „Kraniche“, meinem fünften Album, merkte, dass es mir immer schwerer fällt, innerhalb von kurzer Zeit gute Songs zu schreiben. Also habe ich sofort nach der Abgabe von „Kraniche“ wieder mit Schreiben angefangen. Und immer, wenn ein, zwei Songs fertig waren, bin ich mit meinem Produzenten Philipp Steinke in dessen Studio nach Umbrien gefahren. So entstanden innerhalb von zwei Jahren 20 Lieder.

Wird die Arbeit mit jeder weiteren Platte härter?

Unweigerlich. Man hat halt schon so viel gesagt und will sich nicht wiederholen. Also habe ich nach Wegen gesucht, Sachen anders oder auch tiefer zu sagen sowie musikalisch anders umzusetzen, anders zu instrumentieren. Ich finde, die Platte ist insgesamt sehr bunt und geht in die Tiefe, es gibt melancholische Momente, wie auch euphorische. Ich hatte zum Beispiel Bock auf einen Chor, also haben wir den Berliner Kneipenchor engagiert. Das sind ganz normale junge Leute, die am Ende über alles drüber gesungen haben. Philipp und ich haben auch diesmal sehr viel Wert gelegt auf Streicherarrangements. Wir haben sogar den Arrangeur von Roland Kaiser engagiert.

Die Single „Steine“ zum Beispiel klingt ja auch recht erhaben

„Steine“ ist hymnisch ein echtes Brett geworden. Wir hatten einfach Bock, richtig aufzufahren, uns nicht nur auf Gitarre, Bass und Schlagzeug zu beschränken, sondern möglichst viele Spuren vollzuspielen. „Krumme Symphonie“ zum Beispiel ist unsere Kreisliga-Version eines Queen-Songs.

Und ein Duett mit Casper. Ticken Sie beide ähnlich?

Ja, total. Wir sind sehr gut befreundet.

Wie fliegt man denn von Hamburg nach Umbrien?

Am besten nach Florenz. Meistens fahre ich aber mit dem Auto, entweder alleine, weil Philipp schon dort ist. Oder ich hole ihn in Berlin ab. Das ist schon eine Ecke, aber ich fahre super gerne Auto. Manchmal übernachte ich unterwegs, zum Beispiel in Wien oder in Bologna. Das ist herrlich, mal so rauszukommen aus dem heimischen Trott.

In „Wir nehmen uns mit“ sagen Sie allerdings, dass man sich selbst nicht entkommen kann, egal, wohin man flieht

Das stimmt, aber das sind zwei verschiedene Sachen. Die Fahrten nach Italien sind keine Flucht, im Gegenteil, im Auto habe ich sogar einige meiner besten Ideen. „Wir nehmen uns mit“ handelt eher davon, dass es mir nicht gelingt, mich zu entspannen, auch wenn ich das eigentlich könnte. Wenn irgendwas an dir nagt, dann wird dich das auch am Strand auf Lanzarote weiter quälen.

In „Nachttischlampe“ liegen Sie im Bett, und Ihre Gedanken rasen durch den Kopf

Das ist wirklich so. Ich hatte speziell mit den Texten dieses Mal wirklich zu kämpfen. Ich habe gehadert, ob was dabei rauskommt und wo das alles hingehen soll. Ein paar Songs haben echt wehgetan. Ich habe auch meine Familie vermisst, die waren im Sommer sechs Wochen in der Türkei, und ich saß zuhause in Hamburg mit meinem Zeug.

Was für Musik hört Ihre Tochter?

Die hat einen ziemlich exzellenten Musikgeschmack. Ting Tings, The xx, London Grammar. Die Cro-Phase hat sie hinter sich gebracht und entdeckt gerade Deichkind. Und sie hat sich eine Box von Madsen gekauft. Ich glaube, die Musikbegeisterung hat sie von meiner Frau. Ich war noch nie so der Plattenladentyp, meine Frau schon. Die DJs bei uns zuhause sind die beiden Frauen.

Stellen Sie sich in „Immer so lieben“ vor, mit einer anderen Frau als mit Ayse zusammen zu sein?

Nein, es geht da um Vorstellung, was wäre, wenn die geliebte Person nicht mehr da wäre. So kriegt man es vielleicht hin, sich in manchen Momenten mehr zu schätzen. Ich habe da versucht, ein Liebeslied um drei Ecken zu drehen.

Ihr Erfolg ist stetig gewachsen. Speziell mit „Kraniche“ haben Sie nochmal einen Sprung gemacht und unter anderem auch den „Bundesvision Song Contest“ gewonnen. Wie empfinden Sie die weiter steigende Popularität?

Ich habe das gar nicht so richtig gemerkt. Der Unterschied ist nicht mehr so groß, wenn du nun 150 000 anstatt 70 000 Alben verkaufst. Der Sprung von 5000 auf 50 000, der war deutlich einschneidender. Meine Messlatte ist eher das Publikum. Wenn die Leute auf das Konzert kommen, dann ist alles gut.

In München kamen bei der letzten Tour 2000 Leute, das ist für mich als Norddeutschen eine tolle Entwicklung, in Wien, wo wir vorher noch nie gespielt hatten, waren es 600 Leute.

Sie haben mit 17 angefangen, live Musik zu spielen. Was unterscheidet die frühen Konzerte von den heutigen?

Der Alkoholkonsum! Sich jeden Abend die Kante geben, das geht nicht mehr. Wenn man 22 ist und in Attendorn im Jugendzentrum spielt und ein bisschen voll ist, dann ist das super. Aber wenn ich jetzt in Cottbus vor 3000 Leuten spiele und die haben 25 Euro für die Karte bezahlt, dann wäre das für die total enttäuschend. , käme ich angetrunken auf die Bühne. Deshalb trinke ich auf Tour jetzt gar nichts mehr. Überhaupt ist so eine Tournee fast Urlaub für meinen Körper. Ich ernähre mich gesund, trinke nichts, gehe jeden Tag zehn Kilometer joggen, spiele abends das Konzert und bin am Ende der Tour acht Kilo leichter als am Anfang.
 

Lieder von Bosse

 

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