Widersprüche machen Künstler oft erst interessant. So ist das auch bei Haiyti, einer Hamburger Rapperin, die mit bürgerlichem Namen Ronja Zschoche heißt. In den meisten ihrer Songs rappt die 25-Jährige über klassische Themen des Gangster-Rap wie Drogen, Gewalt, Alkoholexzesse und schnelle Autos. Oft bringt sie diese in einem aggressiven und machohaften Ton rüber („Trink’ mal dein Beck’s allein, du kriegst ein Messer ins Bein“), auch das nicht untypisch für das Genre. Doch dann wird Haiyti plötzlich sentimental, singt über ihre Träume, Herz-Schmerz und wahre Liebe. Manchmal schafft sie es sogar, proletenhaften Rap mit poetischen Zeilen zu kombinieren, wie in ihrem Lied „Träne“ („Meine Brüder machen Sit-ups, doch meine Träne glitzert“).

Widersprüchlich und sprunghaft

Genauso widersprüchlich und sprunghaft wie ihre Texte ist auch ihr persönlicher Werdegang. Aufgewachsen im Hamburger Rotlicht-Stadtteil St. Pauli, studiert sie heute an der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Haiyti – das ist die Symbolisierung der rauen Straße und des akademischen Hörsaals in einer Person. „Ich stehe mit einem Fuß auf der Straße und mit dem anderen daneben als Beobachter“, erklärt Haiyti in einem ihrer seltenen Interviews. Dass ihr intellektueller Anstrich ihrem Gangster-Image schadet, glaubt sie nicht. „Die realen Leute wissen, wer real ist und wer nicht. Das hört man raus, das kann man der Person ansehen“, sagt sie.

Ihre Reime haben es in sich

Nie würde sie auf die Idee kommen, antisemitische Texte zu dichten wie der umstrittene Rapper Kollegah in seinem viel kritisierten Lied „0815“ („Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“). Doch auch die Reime von Haiyti haben es in sich: Koks, Amphetamine, Prostituierte und Schusswaffen sind Leitmotive, die immer wieder in ihren Liedern vorkommen. Doch das teilweise in einer so übertriebenen Form, dass man ihre Geschichten nicht für bare Münze nehmen kann. Außerdem brechen poppige Refrains, die nicht mehr viel mit Rap zu tun haben, ihr Gangster-Image auf ironische Weise. Warum dieser Spagat funktioniert, bringt Haiyti auf eine simple Formel. „Für die Leute, denen meine Musik zu hart ist, ist sie ironisch. Und für die Leute, die wissen, wovon ich rede, ist das nicht ironisch. Das ist die Kunst“, sagt sie.

Manchmal asozial

Ein nach klassischen Maßstäben gut erzogenes Mädchen ist Haiyti abseits der Bühne jedoch nicht. „Privat bin ich manchmal asozial. Natürlich kann ich auch lieb sein, aber wenn ich jemanden nicht mag, zeige ich es auch“, sagt sie. Die meisten ihrer Freunde seien Männer, weil Frauen zu viel rumzickten. Nicht zu Unrecht bezeichnete die Wochenzeitung „Die Zeit“ Haiytis Rap-Stil als eine Mischung aus Nina Hagen, Falco und Haftbefehl. Doch Haiyti lehnt solche Vergleiche selbstbewusst ab. Die Generation, die sie mit Nina Hagen und Falco vergleiche, kenne halt nur die, aber nicht die heute angesagten Rapper aus den USA, sagt Haiyti.

Schrille Kleidung

Auch optisch wandelt die 25-Jährige zwischen den Welten des Rap und der Pop-Musik. In ihren auf die Smartphone-Generation zugeschnittenen Musik-Videos präsentiert sie sich sich in schriller Kleidung mit eigenwilligen Sonnenbrillen und dem typischen Gestus einer Kleinkriminellen an der Grenze zum Trash. Dabei ist Hayiti alles andere als eine Perfektionistin. Sobald ein Musik-Video fertig ist, haut sie es raus, ohne es groß zu überarbeiten. „Wenn Ideen kommen, kommen sie“, sagt sie. Entprechend hoch ist ihre Produktivität. Allein in diesem Jahr hat sie schon zwei Alben („Montenegro Zero“ und „ATM“) auf den Markt gebracht.

Dass sie als Frau die früher männlich dominierte Rap-Kultur aufmischt, ist für Haiyti kein großes Thema mehr. „Wir sind jetzt keine Vorreiter oder so. Die Zeit, wo alle ausrasten, ist vorbei.“