Frau Schmidt-Schaller, mit dem Film „Wendezeit“ würdigt die ARD den Mauerfall vor 30 Jahren. Sie sind in Ost-Berlin aufgewachsen. Was haben Sie an jenem 9. November 1989 gemacht?

Ich war damals ja erst neun und lag brav im Bett. Meine Eltern waren so mitgerissen von diesem historischen Ereignis, dass sie zum nächstgelegenen Grenzübergang Bornholmer Straße losgestürmt sind, als sie gehört haben, dass die Mauer offen ist. Ihr Kind haben sie da glatt im Bett vergessen. (lacht)

Dann haben Sie wohl auch jene berühmte Pressekonferenz nicht live im Fernsehen gesehen, auf der Günter Schabowski sagte, die DDR-Bürger hätten ab sofort Reisefreiheit…

Nein, ich hatte als Neunjährige noch gar kein politisches Bewusstsein. Ich wusste zwar, dass es den Westen gibt, aber dass es eine physische Mauer gibt, die uns in der DDR einschließt, war mir nicht bewusst. Für mich als Kind war mein Universum groß genug. Ich war im Sommer an der Ostsee und ansonsten bei meinen Großeltern im Erzgebirge, ansonsten in Berlin, das reichte mir als Welt.

Und wann waren Sie zum ersten Mal im Westen?

Das war in den Wochen nach der Maueröffnung, und ich war komplett reizüberflutet. Es gibt da eine Postkarte an meinen Onkel, auf der ich geschrieben habe: „Wir waren im Westen, es war alles ganz bunt und viel – und dann kotzte es mich an.“

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Das klingt ja nicht sehr begeistert…

Es zeigt, wie überfordert ich war. Die Farben, die Werbung, die vielen Produkte, dazu die vielen Menschen, die alle nach West-Berlin wollten – es war einfach irre. Diese Umbruchszeit nach dem Mauerfall war aber natürlich auch toll. Berlin hatte so eine leichte Anarchie. Die Leute konnten Kneipen aufmachen, wenn sie irgendwo einen leeren Laden sahen, leere Wohnungen wurden einfach aufgebrochen und besetzt. Es war eine sehr energetische Zeit.

Im Thriller „Wendezeit“ spielen Sie eine Doppelagentin, die sowohl für die Stasi als auch für die CIA arbeitet und deren Geheimnis in dieser Zeit des Umbruchs aufzufliegen droht. Hat Sie die Idee gleich überzeugt, die Wende als Spionagethriller zu erzählen?

Den Fall der Mauer haben wir ja schon oft erzählt bekommen. Die ganze Geschichte im Abstand von 30 Jahren in Form eines Agententhrillers zu erzählen, fand ich sehr spannend. Und es gab diese Dinge, die in unserem Film vorkommen, ja wirklich. Es gab ja zum Beispiel mehr Agentinnen als Agenten. Und die Rosenholz-Dateien, um die es in unserem Film geht, gab es tatsächlich.

Das sind jene legendären Akten der Stasi, in denen die Klarnamen der Auslandsagenten vermerkt sind…

Ja, und der Abschnitt mit allen Nachnamen, die mit La, Le und Li beginnen, ist bis heute verschwunden. Ich finde das sind gute Voraussetzungen für einen schönen Agententhriller.

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Was hat Sie gereizt an der Rolle als DDR-Bürgerin Saskia, die von der Stasi als Maulwurf in die CIA eingeschleust wurde, im Westen lebt und sogar einen Amerikaner geheiratet hat?

Saskia ist eine Doppelagentin zwischen zwei Wertesystemen, politischen und wirtschaftlichen. Während der Wende versucht sie, ihre Identität zu schützen und sich zu retten. Aber dann spielen immer mehr auch Dinge wie Liebe, Familie und Vertrauen eine Rolle – dieser Aspekt hat mich so berührt, dass mich das Ganze nicht mehr losgelassen hat.

Wie hat es sich für Sie angefühlt, als bei den Dreharbeiten die Zeit Ihrer Kindheit wieder lebendig wurde?

In einer Szene stand ich nachts in den Kulissen von Babelsberg, man konnte das Ende dieser Kulissen nicht sehen, und das fühlte sich sehr an, als würde ich nachts in Ost-Berlin im Hinterhof eines Mietshauses stehen. Da befiel mich wirklich eine Art Fernweh in die Vergangenheit, eine Nostalgie.

Haben Sie noch viele Erinnerungen an das Leben in der DDR?

Ja, aus der Sicht eines Kindes. Meine Mutter hat mich immer mit Einkaufszetteln losgeschickt, auf denen stand: Wenn es dieses und jenes gibt, dann bring es mit.

Fragen: Cornelia Wystrichowski

Am Mittwoch, 2. Oktober, kommt „Wendezeit“ um 20.15 Uhr in der ARD.

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