Frau Schäfer, sind Sie ein Familienmensch?

Ja! Aber ich habe auch öfter Sehnsucht nach Momenten, in denen ich für mich sein kann. Ich bin ganz gern mal allein, was sich mit dem Familienleben nicht immer vereinbaren lässt.

In Ihrer neuen Serie „Bonusfamilie“ geht es um eine Patchworkfamilie. Welche Familienformen kennen Sie aus eigener Erfahrung?

Ich war, bis ich sieben war, Einzelkind und bin ziemlich viel rumgekommen, weil meine Eltern beide Schauspieler waren. Das war alles andere als gutbürgerlich, das war ganz schön abenteuerlich. Als ich elf war, haben meine Eltern sich getrennt, und seitdem kenne ich tatsächlich auch das Modell der Patchworkfamilie.

Also konnten Sie für die Serie aus Ihren eigenen Erfahrungen schöpfen?

Klar! Die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse sind ja quasi der Fundus jedes Schauspielers. Natürlich habe ich persönlich die Patchworkfamilie als Kind erlebt, und jetzt spiele ich eine von den Erwachsenen – das ist schon noch mal was anderes. Aber es gab durchaus Momente, in denen ich mich an früher erinnert gefühlt habe.

Was war für Sie der Grund, bei „Bonusfamilie“ dabei sein zu wollen? War es das Konzept der Serie, war es Ihre Rolle als Katja?

Das kam beides zusammen. Ich wurde für die Rolle der Katja angefragt und mir war sofort klar, dass ich das machen will. Aber ich hätte sicher auch eine andere Rolle gespielt, einfach weil ich das ganze Projekt so toll finde.

So ist das in einer Patchwork- oder Bonusfamilie – selten sind sich alle einig. Von links: Martin (Steve Windolf), Katja (Anna Schäfer), William (Levis Kachel), Lisa (Inez Bjørg David), Eddie (Fillin Mayer) und Patrick (Lucas Prisor).
So ist das in einer Patchwork- oder Bonusfamilie – selten sind sich alle einig. Von links: Martin (Steve Windolf), Katja (Anna Schäfer), William (Levis Kachel), Lisa (Inez Bjørg David), Eddie (Fillin Mayer) und Patrick (Lucas Prisor). | Bild: BR / good friends Filmproduktion / MDR / SWR / Oliver Vaccaro

Was finden Sie daran so toll?

Dass die ganze Serie, aber besonders auch meine Figur, immer so einen Hauch Komik hat – und zwar ohne, dass man gezielt komödiantisch spielt. Da entstehen eher unfreiwillig komische Momente, weil alle Figuren eine ganz eigenwillige Sicht auf die Dinge haben.

Katja, die Sie spielen, ist ehrgeizig und sagt anderen gern, wo‘s langgeht, mutet sich dabei aber auch (zu) viel zu. Kennen Sie das von sich, dieses Zu-viel-wollen?

Ja, das kenne ich tatsächlich. Ich habe mich eigentlich immer für den absoluten Familienmenschen gehalten. Aber mir ist auch mein Beruf sehr wichtig, manchmal vielleicht zu wichtig. Und irgendwann kamen die Momente, in denen ich dachte: Warum ist eigentlich immer der Beruf das Wichtigste? Klar, man muss Geld verdienen. Und deshalb muss es auch immer weitergehen, gerade wenn man Freiberufler ist. Das heißt aber auch, dass man eigentlich nie Pause hat, weil man, sobald ein Film fertig ist, gleich das nächste Projekt vorbereiten muss. Man kann eigentlich nie so richtig lockerlassen. Aber um welchen Preis? Dass die Kinder irgendwann groß sind und man das alles verpasst hat? Dann habe ich beschlossen, dass es auch anders gehen muss, dass ich mir mehr mehr Zeit für meine Kinder nehme – sie sind jetzt elf und fast 15 – und auch einfach mal für sie da bin und weniger arbeite. An dem Punkt ist Katja noch nicht angekommen.

Als Schauspielerin sind Sie ja viel unterwegs, gerade auch jetzt, wo Sie auf Theatertournee sind. Wie bekommen Sie und Ihre Familie das hin?

Dieses Jahr ist es wirklich ein bisschen heftig – erst die Serie und dann noch die Tournee. Das funktioniert nur, weil mein Mann so eine Art Sabbatjahr genommen hat und im Moment vor allem für die Kinder da ist. Er ist sonst immer derjenige, der noch mehr weg ist als ich. Manchmal sind wir auch zusammen weg, zum Beispiel, wenn wir gemeinsam auf der Bühne stehen. Das ist immer ein ziemlich großes organisatorisches Unterfangen. Zum Glück haben wir ganz tolle Großeltern in der Stadt.

Wie sind Sie, vielleicht auch im Vergleich zu Katja, als Mutter?

Wenn man viel unterwegs ist, besteht natürlich die Gefahr, dass man den Kindern aus schlechtem Gewissen eher mal was durchgehen lässt, weil man sie schonen will, ihnen zu viel abnimmt und sie zu wenig fordert. Das erlebe ich schon manchmal. Ich versuche einfach, mit den Kindern auf Augenhöhe zu sein, ihnen aber trotzdem Grenzen zu setzen. Ich muss zugeben, dass mir das nicht so leicht fällt. Aber wir sind inzwischen ein tolles Team, wir vier.

„Bonusfamilie“ wurde auch mit Kindern gedreht. Ist das eine besondere Herausforderung für Profis wie Sie?

Natürlich ist es irgendwie anders, aber das liegt vor allem am Organisatorischen. Kinder dürfen ja nur wenige Stunden am Tag am Set sein, und das hat dann natürlich Einfluss auf den Drehplan. Und natürlich spielt man mit einem Amateur auch anders als mit einem Profi, man muss Kinder manchmal motivieren, sie unterstützen. Das war bei „Bonusfamilie“ allerdings selten nötig – die Kinder waren wirklich toll, das muss ich sagen. Es hat viel Spaß gemacht. Mein Filmsohn ist so alt wie mein Sohn, und das war manchmal sehr lustig, weil sie teilweise die gleichen Themen haben. Ich konnte also mitreden. (lacht) Ich habe die beiden dann vernetzt und jetzt schreiben sie sich auf WhatsApp.

William (Levis Kachel) lebt mal bei seiner Mutter Katja (Anna Schäfer), mal bei seinem Vater in desser neuer Familie.
William (Levis Kachel) lebt mal bei seiner Mutter Katja (Anna Schäfer), mal bei seinem Vater in desser neuer Familie. | Bild: BR / good friends Filmproduktion / MDR / SWR / Oliver Vaccaro

Wenn Sie‘s in der Hand hätten: Würden Sie die Geschichte der „Bonusfamilie“ gern weitererzählen?

Auf jeden Fall! Ich hätte total Lust darauf weiterzumachen. Und ich hoffe sehr, dass es mindestens noch eine zweite Staffel geben wird.

Im Vergleich zu der Serie ist das Stück „Aus dem Nichts“ nach dem Film von Fatih Akin, mit dem Sie auf Tour sind, sehr harter Stoff. Mögen Sie die Extreme?

Die Frage kann ich nur mit Ja beantworten. Zufälligerweise heißen ja beide Figuren Katja … Die Katja in „Aus dem Nichts“ – das ist wirklich eine Rolle, die man sich als Schauspieler wünscht. Dazu kommt, dass das Stück auch auf einer politischen und gesellschaftlichen Ebene relevant ist. Das merken wir auch in den Publikumsgesprächen – das Schicksal, das wir erzählen, die Ungerechtigkeit, die Katja widerfährt, rüttelt die Leute auf und macht sie betroffen. Katja zu spielen, ist wahnsinnig anstrengend, aber wenn man etwas so gern macht, kann man es auch Abend für Abend wieder leisten.

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Brauchen Sie als Schauspielerin die Abwechslung?

Absolut. Und ich liebe diese Abwechslung. Ich suche auch in jeder komischen Rolle die Abgründe, weil mich eindimensionale Figuren nicht interessieren.

Können Sie, auch wenn Ihnen in der Zeit die Familie fehlt, das Unterwegssein genießen? Haben Sie Zeit, sich die Städte, in denen Sie gastieren, anzuschauen?

Leider ist zum Sightseeing meist zu wenig Zeit. Es ist selten so, dass wir zwei Tage an einem Ort sind, so wie es in Singen der Fall war. Aber wenn man mal Zeit hat, ist es wunderschön. Man kann ein bisschen Pause machen und auch noch etwas von der Stadt sehen. Ich liebe es total, in fremden Städten Spaziergänge zu machen. Es ist ja auch etwas Schönes, so viele tolle Orte kennenzulernen.

Wie sind Sie unterwegs?

Wir reisen mit dem Auto. Da sehen wir eine ganze Menge vom Land, und es ist auch oft sehr lustig. Wir sind ein tolles Ensemble, alle verstehen sich gut und es herrscht eine gute Atmosphäre. Das ist natürlich ein schöner Ausgleich zu dem harten Stoff, den wir auf der Bühne zeigen. Und das ist sicher auch notwendig.

Würden Sie, wenn Sie heute noch einmal vor der Entscheidung stehen würden, wieder Schauspielerin werden?

Ich würde es immer wieder tun, wirklich. Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen. Obwohl: In meinem nächsten Leben wäre ich gern Musikerin. Im Moment bin ich ja vor allem Schauspielerin und nur nebenbei Sängerin – das dürfte beim nächsten Mal umgekehrt sein. Dann könnte ich wahrscheinlich auch ein Instrument spielen …

Im Moment spielen Sie keins?

Nein, ich singe viel, aber ein Instrument spiele ich nicht. Ich habe es immer mal wieder versucht, ein Instrument zu lernen, es aber einfach nie zu etwas gebracht. Das ist offenbar nicht so mein Ding.

Sie und Ihr Mann haben beide kreative Berufe. Kommen die Kinder nach Ihnen?

Oh ja, absolut. Sie sind beide total kreativ – sie sind beide Künstler. Bei meiner Tochter sieht man es ganz deutlich, sie malt ganz viel und ganz toll. Beide haben auch dieses darstellerische und sängerische Talent. Mein Sohn ist aber auch mathematisch und im Fußball sehr begabt. Ich weiß noch nicht, was daraus wird. Wir lassen Ihnen Zeit und sie lassen sich auch Zeit.