Frau Schudt, manche Eltern fühlen sich ja schnell überflüssig, wenn ihre Kinder selbstständig werden. Kennen Sie das Gefühl?

Das Verrückte ist, dass jeder Schritt, den die Kinder in die Selbstständigkeit gehen, für mich dasselbe bedeutet. Das heißt: Ich bekomme auch immer wieder ein Stück von der Freiheit zurück, die ich hatte, als die Kinder noch nicht da waren. Es ist ja alles relativ eng getaktet, und bei drei Kindern sowieso. Und in jedem Moment, in dem sie einen Schritt in die Eigenverantwortlichkeit gehen, freue ich mich und bin beglückt, weil ich denke: Stark, das ist wieder ein Schritt hin zu meiner eigenen Freiheit.

In der dreiteiligen ARD-Reihe „Eltern allein zu Haus“ spielen Sie die Alleinerziehende Katrin Busche – und die erlebt die Zeit der Abnabelung ihres erwachsenen Sohnes doch eher chaotisch. Hat es Ihnen Spaß gemacht, diesen Prozess so zugespitzt darzustellen?

Das hat mir sogar großen Spaß gemacht! Je facettenreicher eine Figur ist, je mehr Raum sie in einem Film einnimmt, desto mehr kann ich spielen, desto mehr kann ich mir ausdenken. Und das ist ein großes Glück für einen Schauspieler.

Fällt es Ihnen eigentlich leicht, eine Rolle zu spielen, an der Sie persönlich relativ nah dran sind, oder ist es vielleicht sogar einfacher eine Figur darzustellen, mit der Sie nichts gemeinsam haben?

Ich finde, jede Rolle ist eine Herausforderung. Egal ob klein oder groß – ich muss für meine Rollen immer ein Universum schaffen. Ich muss also ganz viel über die Figur wissen und kann nicht sagen: „Oh, das wird eine Rolle sein, die mir Spaß macht!“ Ich kann vielleicht sagen, dass eine Rolle eine große Herausforderung ist – und große Herausforderungen mag ich. Die machen mir große Freude. Und deswegen sind „einfach“ oder „schwer“ keine Kategorien, in die ich Rollen einteile. Wenn schon, dann würde ich sagen, jede Rolle ist schwer, weil jede Rolle das Recht hat, in ihrer Ganzheitlichkeit entdeckt zu werden.

Was war bei der Rolle der Katrin Busche in „Eltern allein zu Haus“ für Sie die Herausforderung?

Katrin ist eine Frau, die mir erst mal gar nicht verständlich war. Ich habe mich gefragt: Was hat sie eigentlich für ein Problem? Sie wohnt in einem schönen Haus, ihr Sohn ist gut gewachsen, sie versteht sich gut mit ihrem Ex-Mann, sie hat finanziell keine Probleme – wie kann ich die so spielen, dass sie nicht zickig und unsympathisch ist? Die Not, die sie hat, die Überforderung, rührt daher, dass sie eigentlich in ihrer bequemen Situation verharren möchte, sich aber gleichzeitig darüber beschwert. Das fand ich erst mal unsympathisch. Und das für mich sympathisch zu kriegen, also nachvollziehbar, verständlich und auch auf eine gewisse Weise komisch, das war für mich eine große Herausforderung.

Insgesamt umfasst die Mini-Reihe „Eltern allein zu Haus“ ja drei Filme. Macht es die Arbeit leichter, wenn man immer wieder mit den gleichen Kollegen dreht? So wie beim Tatort?

Die Szenen, in denen die Figuren sich treffen, sind nicht für jeden Film neu gedreht worden, sondern nur einmal. Tatsächlich kannte ich die Leute vorher nicht und kannte sie danach auch nicht. Wir haben also keine Spielvertrautheit gewonnen. Es ist beim Tatort ein großes Glück für mich, dass Jörg Hartmann meinen Oberkommissar spielt, weil wir eine sehr spezielle Art haben, miteinander zu spielen. Das klingt jetzt ein bisschen kompliziert – aber da ist eine große Vertrautheit im Spiel und ein großes Vertrauen. Und das ist besonders. Es ist nicht alltäglich, dass man so sensibel aufeinander reagiert und so viel erkennt, was der andere in den Meta-Ebenen spielt und meint und denkt und fühlt.

Was hat bei Ihnen den Ausschlag gegeben, Schauspielerin werden zu wollen? War es vielleicht das Theater in Konstanz?

Es gab keinen Auslöser. In mir war etwas, das das unbedingt wollte. Ich habe dann in Konstanz bei der Uni-Theatergruppe vorgesprochen – das ist grandios gescheitert. Mein Problem war, dass ich so viel Ehrfurcht hatte vor den Leuten, dass ich kaum einen Ton rausgebracht habe. Alle, die in dem Bereich arbeiten durften, waren meine absoluten Helden. Und das Konstanzer Theater war natürlich unheimlich aufregend. Die Atmosphäre in diesem wahnsinnig schönen Theatersaal – da habe ich mich zu Hause gefühlt. Und trotzdem hätte ich vor Aufregung fast einen Herzinfarkt gekriegt! (lacht)

Was haben Sie denn, abgesehen vom Theater, noch für schöne oder weniger schöne Erinnerungen an Konstanz?

Eigentlich habe ich überhaupt keine schlechten Erinnerungen an Konstanz. Ich habe in Konstanz-Egg gewohnt, und ich glaube, man kann nirgendwo schöner aufwachsen als an diesem Fleckchen Erde. Ich habe die Natur irgendwie in meinen Zellen gespeichert, die hält mich immer am Boden und hält mich immer gesund. Mir war Konstanz dann aber irgendwann zu klein. Das geht, glaube ich, jedem jungen Menschen so. Man muss einfach mal raus.

Sind Sie denn manchmal noch in Konstanz?

Selten, muss ich zugeben, weil das von Düsseldorf aus so eine blöde Strecke ist. Aber ich war gerade wieder dort zum Geburtstag meines Vaters. Und ich muss sagen: Wenn ich in Konstanz ankomme, ist das Heimat.

Fragen: Nicole RießDas Erste zeigt am Freitag, 7. April, um 20.15 Uhr „Frau Busche“, den dritten Teil der komödiantischen Trilogie „Eltern allein zu Haus“.

Zur Person

Anna Schudt, 43, ist in Konstanz aufgewachsen. Im Anschluss an ihre Schauspielausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule wurde sie Ensemblemitglied der Münchner Kammerspielen. Nach einem Engagement an der Berliner Schaubühne kehrte sie nach München zurück, diesmal ans Bayerische Staatsschauspiel. Fürs Fernsehen arbeitete Schudt erstmals 2004 („Tatort“-Folge „Abgezockt“). Seit Herbst 2012 ist sie in der Rolle der Dortmunder „Tatort“-Kommissarin Martina Bönisch zu sehen. Anna Schudt ist mit dem Schauspieler Moritz Führmann verheiratet und hat drei Söhne. (sk)