Herr Schüttauf, Sie haben in einigen Filmen über die DDR mitgespielt, bis hin zur Rolle als Erich Honecker in der Kinokomödie „Vorwärts immer!“. Was macht den DDR-Zweiteiler Walpurgisnacht“ für Sie zu etwas Speziellem?

Die Rolle ist etwas Besonderes für mich, weil ich zwar schon sehr unterschiedliche Genres bedient habe, was die DDR betrifft, aber noch nie einen Vopo (Volkspolizist, Anmerkung der Redaktion) gespielt habe. Ich hätte zu DDR-Zeiten auch nie einen spielen wollen, denn ich war kein besonderer Freund dieser Organe – aber das beruhte auf Gegenseitigkeit, denn die fanden mich auch nicht erquicklich.

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Der Film ist der erste einer Reihe von Fernsehbeiträgen zum 30. Jahrestag des Mauerfalls im Herbst. Sie lebten damals in Potsdam, wie haben Sie den historischen 9. November 1989 erlebt?

Das werde ich nie vergessen. Ich kam von der Probe und sah im Fernsehen, dass die Mauer auf ist. Ich habe meine Frau geweckt und wir sind gleich in der ersten Nacht mit dem Bus nach West-Berlin gehfahren. Am Ku’damm sind wir dann schweigend durch die tobende Masse und konnten es nicht fassen, mir stockte das Herz. Aber am nächsten Tag waren wir beide wieder pünktlich bei der Arbeit – natürlich, ohne ein Auge zugetan zu haben. Richtig realisiert habe ich erst später, was sich da alles weltweit verändert hat.

Wie sieht 30 Jahre danach Ihre persönliche Bilanz der deutschen Einheit aus?

Für mich persönlich hätte es nicht besser laufen können, und ich sehe mittlerweile auch blühende Landschaften. Ich kenne natürlich auch Leute, die nicht so viel Glück hatten, in der DDR sind ja über Nacht ganz viele Biografien über den Haufen geworfen worden. Aber ich selber habe Schwein gehabt.

Wie schwer war es für Sie, als Schauspieler im wiedervereinigten Deutschland Fuß zu fassen?

Ich hatte Glück im Unglück. Ich sollte 1990 ans Deutsche Theater in Berlin kommen und hatte schon länger einen Vertrag in der Tasche, aber in den Wendewirren wurde ich vergessen. Deshalb war ich plötzlich arbeitslos, und als dann die ersten Serienangebote kamen, war ich dafür frei – deshalb ging der Übergang bei mir ziemlich reibungslos.

Der Zweiteiler „Walpurgisnacht“ spielt 1988, im Jahr vor dem Fall der Mauer. Hatte sich das Leben in der DDR zu diesem Zeitpunkt schon verändert?

Ja, der Frust war viel mehr spürbar. Die Leute haben sich viel mehr geärgert über fast unhaltbare Zustände. Das geht mit dem Mangel an Klopapier los bis hin zu Doktrinen, die in den Alltag hineinwirkten. Immer mehr Leute haben sich getraut zu sagen: Das ist doch Mist. Jahre vorher hätte man diese Dinge vielleicht noch gar nicht so empfunden, weil man dachte: Man hat seinen Urlaubsplatz an der Ostsee, der Arbeitsplatz ist ja sowieso sicher, also wo ist das Problem? Aber 1988 merkte man, dass sich etwas immer mehr zuspitzte. Und auch im Fernsehen durften auf einmal Dinge gesagt werden, über die man sich gewundert hat. In Diktaturen ist man für sowas ja sehr sensibilisiert.

Bei den Ermittlungen um einen Mädchenmord bekommen die beiden DDR-Polizisten Lothar Wieditz (Jörg Schüttauf, von llinks) und Karl Albers (Ronald Zehrfeld) Unterstützung von Nadja Paulitz (Silke Bodenbender), einer Kommissarin aus der BRD.
Bei den Ermittlungen um einen Mädchenmord bekommen die beiden DDR-Polizisten Lothar Wieditz (Jörg Schüttauf, von llinks) und Karl Albers (Ronald Zehrfeld) Unterstützung von Nadja Paulitz (Silke Bodenbender), einer Kommissarin aus der BRD. | Bild: Julie Vrabelova / ZDF

Im Film hören die Leute in der DDR ja ziemlich offen westliche Popmusik und schauen auch Westfernsehen.

Das war wirklich so. Es ist ein großer Trugschluss, wenn man meint, dass es in der DDR unter Todesstrafe verboten war, Westfernsehen zu gucken. Ich persönlich wurde in der Schule nie verpetzt, wenn ich jemanden von Sendungen wie „MacGyver“ erzählt habe. Wir haben daheim „Wetten, dass ..?“ geguckt, „Der Blaue Bock“ und „Am laufenden Band“. Und jeder hat sich am nächsten Tag über diese Sendungen unterhalten, und wir alle dachten: In das Land, aus dem dieses Fernsehen kommt, gehe ich, wenn ich 65 bin.

Achten Sie bei DDR-Themen darauf, dass historische Details richtig sind?

Ich klopfe Drehbücher schon sehr genau auf Klischees ab. Ich bin froh, wenn ich ab und zu sagen darf „So war es nicht!“ und Gehör finde. Dieses Schwarz und Weiß, Gut und Böse, und dass die von der Staatssicherheit alles Vollidioten waren – das ist mir zu einfach. Das wirkliche Leben hat doch so viele Facetten. In unserem kleinen Land gab es alle möglichen Sorten Menschen, und nicht jeder war in der Partei. Es bringt Bayern oder Ostfriesen doch auch auf die Palme, wenn sie ständig klischeehaft und vereinfacht dargestellt werden. Sich pausenlos einreden zu lassen, dass alles ganz schlimm war, ist auch ein Fehler.

Welches DDR-Wissen konnten Sie konkret bei „Walpurgisnacht“ beisteuern?

Alltäglichkeiten in der Sprache, so wie dieses im Scherz gemeinte „Ich wollte mal gucken, ob bei euch alles seinen sozialistischen Gang geht“. Die Ex-DDR-Bürger können sich sofort alle an diesen Spruch erinnern und wissen genau, wie er gemeint war, nämlich, dass man sich über die eigene Situation lustig macht. Das kann keiner aufschreiben, der in Wiesbaden groß geworden ist. Aber die meisten Dinge sind in der Regel gut recherchiert, grobe Fehler fallen selbst dem eingefleischtesten Wessi auf.