Herr Mutzke, was ist das Konzept Ihres neuen Albums „Colors“?

Hip-Hop back to Soul. Hip-Hop entstand ja seinerzeit aus dem Soul heraus, das war ja fast eine Revolution, plötzlich nicht mehr zu singen, sondern zu sprechen. Und wir drehen das jetzt um. Wir nehmen Hip-Hop als Grundlage und machen daraus Soul-Musik.

Sie haben das Album in einem Hamburger Studio namens „Granny’s House“ aufgenommen. Warum heißt das so?

Weil es eingerichtet ist wie das Haus der eigenen Oma. Und auch so riecht, nach Kaffee und Kuchen. Man nimmt wirklich im Wohnzimmer auf. Wir haben nur Instrumente benutzt, die in der Zeit von Motown und anderen in den 60ern und 70ern auch verwendet wurden, Hammond-Orgel, ein Moog-Klavier, wie Stevie Wonder es immer benutzt hat. Wir wollten ein Album machen, dem man anhört, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben.

Haben Sie in dem Haus auch gewohnt?

Ja. Ich habe jeden Tag frische Brötchen geholt, eingekauft und abends gekocht. Wir alle waren von Anfang bis Ende an dabei, mit Pausen ein Jahr lang. Wir haben dieses Album mit einer ganz, ganz großen Portion Liebe aufgenommen.

Eine größere Entfernung als von Ihrem Wohnort Waldshut-Tiengen nach Hamburg ist kaum möglich.

Das ist wahr. Zum Glück hat mir niemand ein schlechtes Gewissen gemacht, auch meine Familie nicht. So konnte ich die Zeit total genießen. Eine Produktion, bei der sich alle wohlfühlen, war mir total wichtig.

Ist „Colors“ Ihr Bekenntnis zu einer bunten, weltoffenen, toleranten Welt?

Zunächst mal bezieht sich der Titel auf die Stimmfarben, die ich als Sänger präsentiere. Ich klinge mal nach Al Green, mal nach Stevie Wonder, mal nach James Brown. Und dann soll „Colors“ auch bedeuten, dass die Stilrichtungen sehr bunt sind. Alles ist Soul, aber innerhalb des Genres sind die Farben und Facetten sehr mannigfaltig. Und ganz klar, letztlich symbolisiert „Colors“ auch meine politische Einstellung.

Max Mutzkes siebtes Studio-Album "Colors" ist gerade erschienen.
Max Mutzkes siebtes Studio-Album "Colors" ist gerade erschienen. | Bild: Sony Music

Wie sieht die aus?

Egal, in welcher Besetzung ich auf der Bühne stehe – mindestens die Hälfte der Musiker kommt nicht aus Deutschland, viele sprechen kein Deutsch, nicht alle sehen klassisch deutsch aus. Für mich gab es nie einen Zweifel daran, dass Begegnungen aller Art mich reicher machen. Und die Musik geiler.

Was denken Sie angesichts des grassierenden Rechtspopulismus im Land?

Es widert mich an. Ob diese aggressiven Stiernacken mit Bomberjacken wohl Fernsehen gucken, sich sehen und dann schämen? Oder ob sie sich gar geil finden und denken „Guck’ mal, da sind wir, ein Haufen fetter asozialer Schweine!“? Ich frage mich, wie viele dieser Nazis wohl 2014 bei der WM „Auf uns“ von Andreas Bourani gesungen haben. Das Lied eines Manns mit Migrationshintergrund, der adoptiert wurde. Aber das größere Problem sind diejenigen, die stillschweigend zustimmen, wenn die Rechten aufmarschieren.

Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Wir sind deshalb so unzufrieden, weil es uns so gut geht. In unserem komfortablen Leben haben wir Zeit, uns irgendwelche „Hier stimmt was nicht“-Gefühle einzureden und dann nach Schuldigen zu suchen. Das sind in unserem Land die Migranten. Ich habe noch von keinem Menschen gehört, der einen Euro weniger bekommt, weil wir so vielen Menschen helfen. Im Gegenteil. Wir brauchen die Zuwanderung, sonst macht keiner mehr unsere Arbeit. Wenn du in unserer Wohlstandsgesellschaft jemanden fragst, was er macht, und der sagt Schreiner, dann denken doch viele: „Ach, nur Schreiner?“ Handwerks-Jobs gelten bei vielen als Loser-Jobs, was für eine erbärmliche Ansicht. Ich bin überzeugt, dass wir noch arg von den Menschen profitieren werden, die bei uns Zuflucht suchen.

Ihr Kollege Samy Deluxe sagt, er erlebe jeden Tag Rassismus. Ihre Frau stammt aus Eritrea. Wie ist das bei Ihnen?

Überhaupt nicht so. Rassismus resultiert daraus, dass die Leute gegenüber Fremden Angst haben. Wir kennen hier im Dorf alle, und alle kennen uns. Wir erleben keinen Rassismus, weil es keine Ressentiments gibt. Ich habe meinen Kindern erklärt, dass Rassisten einem leidtun müssen, weil sie dumm sind. Einmal hat beim Schulfest ein anderes Kind „Neger“ zu einem meiner Kinder gesagt. Ich wollte mir den Schuldirektor schnappen, doch mein Kind blieb ganz lässig und meinte nur: „Ich habe gar nicht reagiert. Die ist doch dumm.“

Ist der Song „Zu dir komm ich heim“ ein Liebeslied an die Heimat?

Das ist eine absolute Schwarzwald-Hymne, am Ende wird sie zu einem richtigen Gospel-Song. Mein Verhältnis zum Schwarzwald ist sehr eng, man kann wirklich Liebe dazu sagen. Für mich gibt es keinen Grund, woanders zu leben. Ich bin oft unterwegs, aber die fünf, sechs Tage im Monat, an denen ich daheim bin, die sind mir heilig.